Berlin : Vergangenheit hat Zukunft

CDU und SPD wollen zurück zu Berlins historischer Mitte und diskutieren neue Bauideen zwischen Fernsehturm und Schloßplatz.

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Leere mit Potenzial. Am Rathausforum nördlich von Klaus Wowereits Dienstsitz lag das historische Zentrum Berlins. Es soll nun rekonstruiert werden.
Leere mit Potenzial. Am Rathausforum nördlich von Klaus Wowereits Dienstsitz lag das historische Zentrum Berlins. Es soll nun...Foto: doris spiekermann-klaas TSP

Ein Koalitionsbeschluss zur Rekonstruktion des historischen Zentrums zwischen Fernsehturm und geplantem Schlossneubau könnte schon bald Thema von Gesprächen zwischen CDU- und SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus werden. „Von uns aus kann es morgen losgehen. Wir sind bereit, einen Koalitionsbeschluss dazu zu fassen“, sagte der stellvertretende Fraktionschef der CDU und Sprecher für Stadtentwicklung, Stefan Evers, gestern. Zuvor hatte sich bereits SPD-Fraktionschef Raed Saleh im Tagesspiegel für die Wiedergewinnung der Brache nördlich des Roten Rathauses starkgemacht. Wie berichtet, hat SPD-Parteichef Jan Stöß die Wiederherstellung der historischen Straßen und Plätze in Berlins alter Mitte vorgeschlagen, um im Rahmen einer Internationalen Bauausstellung Wohn- und Geschäftshäuser entstehen zu lassen. An diesem Ort sei die Stadt seelenlos geworden, der öffentliche Raum dort werde von „Herrschaftssolitären“ dominiert, und es lebten kaum noch Menschen dort.

CDU-Fraktionsvize Evers begrüßt die Initiative. „Unser Fraktionsbeschluss von vor einem Jahr zur Reurbanisierung der historischen Mitte hat große Schnittmengen mit den Vorschlägen von Jan Stöß.“ Nun müsse zeitnah eine „breite gesellschaftliche Diskussion“ zur Gestaltung des Areals stattfinden, „um eine möglichst große Akzeptanz für das Vorhaben herzustellen“. Die CDU hat kürzlich die Preise für einen studentischen Architekturwettbewerb zur Wiederherstellung des Neuen Marktes gestiftet, dessen Ergebnisse ab diesem Donnerstag beim Werkbund ausgestellt werden und weitere Impulse für das Vorhaben geben könnten.

Auch Klaus Wowereits Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) findet Stöß’ Vorstoß gut: „Ich freue mich, dass der neue Parteivorsitzende erkannt hat, welche Chance in der Rückgewinnung der historischen Mitte für die Berliner liegt.“ Für diese Position kämpfe er schon länger. Wenn die Straßen und Plätze auf der Folie ihres historischen Verlaufs wiederhergestellt würden, werde zugleich auch „die Geschichte und Identität Berlins an diesem unwirtlichen Ort reaktiviert“.

Schmitz spricht sich gegen begrenzte Eingriffe an den bestehenden Flächen von Rathaus- und Marx-Engels-Forum aus: Mit „ein bisschen Verbesserungsstückwerk“ am Rande der Brache werde man diesem Thema nicht gerecht. „Wir müssen uns die historische Stadt zurückholen und zwar mit modernen Mitteln.“

Zum Streit darüber, wie viel Rekonstruktion die Stadt vertrage, sagte Schmitz: „Mir ist keine bauliche Ikone auf dieser Fläche bekannt, die unbedingt wiederhergestellt werden müsste.“ Nur der Stadtgrundriss müsse auf der historischen Folie rekonstruiert werden, „aber nicht unbedingt bis ins letzte Detail“.

Das Marx-Engels-Denkmal sollte Schmitz zufolge als „Teil der deutschen Geschichte“ in die Gestaltung eines neuen Platzes in Berlins wiederhergestellter Mitte einbezogen werden. Dagegen werde der Schlossbrunnen mit der Rekonstruktion des historischen Zentrums zwangsläufig an den Schlossplatz zurückkehren. Dies sei gut so. Der Brunnen sei eine Voraussetzung dafür, dass die Menschen den Schlossplatz wieder annehmen und sich dort auch aufhalten. Die „zugepflasterte Ödnis“, die nach gegenwärtigen Plänen am einst wichtigsten Zugang zum Schloss entstehen soll, kritisierte Schmitz.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises Stadtentwicklung der SPD-Fraktion, Daniel Buchholz, zeigte sich überrascht über den Vorstoß von SPD-Parteichef Stöß: „Wir wollen auch und gerade in der Innenstadt Wohnungsneubau. Es gibt aber weiter fortgeschrittene Planungen, insbesondere am Molkenmarkt.“ Auch existiere am Rathausforum „begehbare und erlebbare Stadtgeschichte der früheren DDR, die wir nicht leichtfertig zubauen sollten“ – auch, wenn diese Zeugnis einer „brachialen Umgestaltung“ der Stadt seien. Ralf Schönball

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