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Verzicht auf Doktortitel : CDU-Fraktionschef Graf gibt Plagiat zu

„Ich habe große Fehler gemacht.“ CDU-Fraktionschef Florian Graf sucht mit einem Geständnis zu seiner Doktorarbeit sein Heil in der Offensive.

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Florian Graf, CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, hat zugegeben, in seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben.
Florian Graf, CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, hat zugegeben, in seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben.Foto: dpa

Das Dokument der Reue und Zerknirschung ist fast vier Seiten lang. Gleich fünf Mal gibt der CDU-Fraktionschef Florian Graf in dem Papier Fehler beim Verfassen und im Umgang mit seiner Doktorarbeit zu. Auf der vierten Seite räumt er ein, dass der ihm von der Universität Potsdam unterstellte Plagiatsverdacht zutrifft. Der betrifft sieben Seiten im Theorieteil seiner Arbeit, die er einfach so verwendet hat: „Zwar habe ich die Fußnoten mit übernommen, aber ich habe mir fremdes Wissen zu eigen gemacht, ohne die Autoren zu nennen. Außerdem habe ich die beiden Quellen nicht im Literaturverzeichnis angegeben. Dies ist eine Täuschungshandlung.“

Die Konsequenzen aus dieser „Täuschungshandlung“ hat Graf am Freitag voriger Woche schon selbst gezogen: Persönlich, so der CDU-Politiker in einem Gespräch am Dienstag, habe er dort seine Promotionsurkunde abgeliefert und um Aberkennung seines Doktortitels gebeten. Der Promotionausschuss der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam will an diesem Mittwoch über den weiteren Umgang mit Grafs Arbeit und seiner Doktorwürde entscheiden. Der CDU-Politiker, 38 Jahre alt und einer der Gewinner der Regierungsbeteiligung, kommt mit seinem Dokument der Reue und Zerknirschung dem wahrscheinlichen Urteilsspruch des Universitätsgremiums zuvor. Aber nicht nur das – Graf versucht, mit seinem Geständnis in die Offensive zu kommen. Er muss seine heftig ramponierte Glaubwürdigkeit wiederherstellen: Am Donnerstag will er der CDU- Fraktion die Vertrauensfrage stellen.

Die beiden für ihn wichtigsten Sätzen seines öffentliche Briefes an die Professorin Theresa Wobbe, Dekanin der Fakultät, an der er 2010 promoviert worden ist, stehen dort, wo sie hingehören – am Schluss: „Ich habe große Fehler gemacht und daraus meine Konsequenzen gezogen“, schreibt Graf: „Ich stehe für meine Fehler ein und bitte Sie, am Mittwoch, den 2. Mai 2012, mit der Aberkennung meines Titels einen Schlussstrich zu ziehen.“ Am Donnerstag soll es dann weitergehen für den Politiker Florian Graf – mit einem möglichst hundertprozentigem Vertrauensbeweis seiner Kollegen CDU-Abgeordneten.

Wie hatte noch der Geschäftsführer der Piratenfraktion, Martin Delius, Grafs Schuldeingeständnis vom vergangenen Freitag mitsamt der Rückgabe des Doktortitels kommentiert? „Jemand, der ehrlich seine Fehler eingesteht, sollte eine zweite Chance bekommen.“ Dass Grafs eigene Fraktion und auch SPD-Fraktionsvormann Raed Saleh reflexhaft dem freundlichen CDU-Administrator beisprangen, versteht sich fast von selbst. Doch ausgerechnet der Vertreter der Partei der Urheberrechtskritiker geht besonders verständnisvoll mit Graf um. Grafs Schreiben an die Dekanin spielt in einer geradezu piratenhaften Unbekümmertheit mit dem, was früher mal sogenannte wissenschaftliche Standards waren – die heute vermutlich spießig erscheinenden korrekten Regeln des Zitierens und der Quellenangabe. Und diese Passagen der Grafschen Selbstbezichtigung samt Bitte um Absolution könnten auf mittlere Sicht noch Probleme für ihn bergen.

Der CDU-Mann behauptet, dass ihm erst vor ein paar Monaten Zweifel gekommen seien, „ob ich mit meiner Arbeit den Ansprüchen auf wissenschaftliche Redlichkeit gerecht geworden bin“. Beim Verfassen seiner Dissertation, so kann man Graf verstehen, ist ihm also gar nicht bewusst gewesen, dass er sich, um den theoretischen Überbau hinzubekommen, bei Autoren bediente, ohne sich per Quellenangabe zu bedanken.

Auch sein Doktorvater Jürgen Dittberner und der Zweitgutachter hatten keine Zweifel an Grafs wissenschaftlicher Redlichkeit und Präzision – schließlich war Karl-Theodor zu Guttenberg noch in Amt und Würden und Plagiate im Wissenschaftsbetrieb ein Thema für Spezialisten. Graf erklärt seinen lässigen Umgang mit Texten damit, dass er als „externer Promotionsstudent“ nicht wirklich geschult gewesen sei in der Kunst des Paraphrasierens und Zitierens. Noch ein Schuldeingeständnis: „Ich weiß heute: Ich habe es versäumt, mich als externer Promotionsstudent genauer mit den Fragen der wissenschaftlichen Redlichkeit im Umgang mit den Quellen zu befassen, insbesondere auch im Hinblick auf die Kennzeichnung von Quellen aus dem Internet.“

Das immerhin verbindet den CDU- Mann mit gewiss nicht wenigen Studenten. Doch theoretisch zumindest hätte Graf es besser wissen können: In der Promotionsordnung seiner Ex-Fakultät hätte er lesen können, dass zum Promotionsverfahren „eine Versicherung darüber“ gehört, „dass der Bewerber die Dissertation selbständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die den benutzen Werken wörtlich oder sinngemäß entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht hat“.

So kompliziert ist das mit dem korrekten Zitieren also nicht. Doch verbindet Graf eben auch etwas mit dem bekanntesten aller zeitgenössischen Plagiatoren, mit dem früheren Verteidigungsminister: Das ist die Neigung, eigene Fehler mit Überlastung und dem Vergessen durch Stress zu erklären. Wie dem Freiherrn im Laufe seiner politischen Karriere die Festplatten und Disketten mit den Textfragmenten durcheinandergeraten waren, so dass er am Ende alles für selbst gedacht hielt, führt Graf die Beschleunigung seines politischen und auch seines Familienlebens per Eintritt in eine Koalition und per Vaterschaft an, um seine „Fehler“ zu erklären. Erst bei der Arbeit an einer Kurzfassung der Dissertation für eine Zeitschrift sei ihm bewusst geworden, dass er „wissenschaftlich an einigen Stellen nicht fehlerfrei“ gearbeitet habe.

Dass in der Zeit der Zweifel mindestens zwei Anfragen wegen seiner gesperrten und in der Universitätsbibliothek nicht einsehbaren Arbeit an ihn gerichtet wurden, hat seine Zweifel womöglich verschärft. Solche Zweifel könnten auch Fraktionskollegen kommen.

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