Von Tag zu Tag : Schaukel fährt

Stefan Jacobs über BVG-Busse, die vier Mal so schnell sind wie erlaubt.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Haben Busse eine Seele? Was selbst bei manchen Fahrern ungewiss ist, wird an diesem Freitag im 347er offenbar. Als der Bus ins Friedrichshainer Hinterland abbiegt, leuchtet auf dem Display neben dem Tacho ein Maulschlüssel. Das ist Maschinendeutsch und heißt: „Ich will in die Werkstatt, und zwar sofort!“ Aber erst muss der Bus – Mercedes, ziemlich neu und ziemlich leer – durch die Hildegard-Jadamowitz-Straße, die gerade wegen ihres Tempolimits berühmt wird: Das Schild mit der „5“ sieht aus, als hätte es eine Null verloren. Straßenschäden. Der Fahrer zieht mit Tempo 20 vorbei. Das verspricht, spektakulär zu werden. Denn am Donnerstag hat die BVG mitgeteilt, dass ihre Busse selbst bei Tempo 5 mit der Karosserie aufs Pflaster schrappen und deshalb ab Montag in die nahe Marchlewskistraße ausweichen. Das Wochenende ist also die letzte Chance fürs Abenteuer zum Kurzstreckentarif.

Die Hildegard-Jadamowitz-Straße verläuft parallel zur Karl-Marx- Allee und erschließt die sogenannten Stalinbauten von der Rückseite her. Sie ist mit ihnen in den 1950ern angelegt worden. Auf einem Grund aus Schutt, dessen Erneuerung nach Auskunft von Baustadtrat Hans Panhoff Millionen verschlingen würde.

Mächtiges Geschaukel. Der Fahrer bremst, die Passagiere recken die Hälse zu diesem Blick, mit dem sie als loyale BVG-Kunden gewöhnlich Störenfriede wie Busspurparker oder taumelnde Radfahrer vernichten. Aber der Feind hier ist kaum erkennbar. Keine scharfkantigen Löcher, die nach Asphalt flehen, sondern rundliche Kuppen zwischen geschwungenen Senken. Wohl ideales Terrain für wilde Spielzeugautorennen. Aber der große Bus muss einen Bogen machen bis fast auf den Gehweg, um die tiefsten Täler zu umkurven. Obwohl die Tachonadel jetzt auf ihrer Nullposition knapp unter dem Tempo-10-Strich ruht, schunkelt die Gesellschaft auf den Sitzen. Mit getretener Bremse lässt der Fahrer den Bus weiterkriechen, weil die langen Überhänge an Front und Heck beim Einfedern sofort aufsetzen würden. Die Passage gelingt schmerzfrei. Und mehrere nachfolgende Autos kommen selbst mit Tempo 30 heil durch. Man könnte das Geld für die Sanierung mithilfe eines Blitzers ansparen. Das wäre ein pragmatischer Berliner Weg.

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