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Berlin : Vor fast 90 Jahren erfand ein Weddinger Handwerker den Durchsteckschlüssel

08.03.2000 00:00 UhrVon Petra Ullmann

Die Kopie wird vom Fachmann auf den ersten Blick entlarvt. Wo das ungeschulte Auge nur einen alten, ziemlich großen Schlüssel mit zwei Bärten sieht, erkennt Schlossermeister Manfred Schweiger sofort: "Dieser Durchsteckschlüssel ist nicht von uns, der ist nachgemacht." Denn mit diesem Modell kennt er sich aus. Vor 87 Jahren entwickelte sein Onkel, Johannes Schweiger, die neuartige Technik und erwarb die Patente für Durchsteckschloss und -schlüssel, die heute noch als "System Schweiger" bekannt sind. Doch die etwas unhandlichen Modelle sind vom Aussterben bedroht.

Schon bald werden sie zu den Alt-Berliner Raritäten gehören: Moderne Schlüssel brauchen nicht nur weniger Platz in der Manteltasche, die neuen Schlösser sind auch eine größere Hürde für Einbrecher.

Zusammen mit Gegensprechanlagen bieten sie einfach mehr Sicherheit. Außerdem gibt es, wie der 53-jährige Manfred Schweiger beklagt, kaum noch zuverlässige Hauswarte, die das Schloss jeden Abend "scharf machen", sprich zuschließen. Denn das ist nötig, damit die Idee des "Schließzwangs" auch funktioniert.

Neuberliner reagieren in der Regel verwirrt, wenn sie zum ersten Mal den Bolzen mit den zwei Bärten in der Hand halten. Dabei ist das Konzept so brillant wie einfach: Es zwingt die Mieter, die Tür wieder abzuschließen, nachdem sie sie geöffnet haben und stellt somit sicher, dass die Tür abends immer verriegelt ist. Kommt der Mieter spät nach Hause, benutzt er die eine Seite seines Doppelbarts wie jeden üblichen Hausschlüssel und öffnet die Tür. Bis hierhin ist alles ganz normal. Doch nun wird es ungewöhnlich: Der Metallbolzen wird zur anderen Seite durch geschoben. Erst dann geht man hinein und schließt die Tür von innen. Um ihn abziehen zu können, muss der Schlüssel noch einmal herumgedreht werden, was nichts anderes bedeutet, als dass man abschließen muss.

Johannes Schweiger kam mit dieser Idee kurz vor dem ersten Weltkrieg dem steigenden Sicherheitsbedürfnis der Berliner Mieter entgegen. "In den großen Wohnhäusern mit zwanzig Mietparteien und zwei Hinterhöfen wurde es den Leuten zunehmend unangenehm, dass jeder Zutritte hatte", erzählt Manfred Schweiger.Sein Onkel schloß clever eine Marktlücke und sicherte seiner Firma für Jahrzehnte das Monopol in diesem Bereich.

Der Familienbetrieb, der sich als einziger auf diese Technik spezialisiert hatte, erlebte in den fünfziger Jahren einen wahren Boom, was den Einbau seiner Schlösser betraf. Auch Wohnungsbaugenossenschaften griffen darauf zurück. Zeitweise hatten 60 bis 70 Prozent der Berliner einen Durchsteckschlüssel in der Tasche, sagt Schweiger, vor allem in den "Arbeiterbezirken wie Kreuzberg und Wedding" seien sie weit verbreitet gewesen. Hier sind sie auch heute noch am ehesten anzutreffen. Doch die große Zeit ist natürlich vorbei. In Neubauten werden seit vielen Jahren andere Techniken verwendet. Auf etwa 8000 bis 9000 schätzt Manfred Schweiger die Zahl der Durchsteckschlösser, die heute noch in Benutzung sind, allesamt in Altbauten.Das Geschäft in der Weddinger Gerichtstraße 12 bis 13 wird noch immer von der Familie betrieben: Sohn und Tochter sind mit eingestiegen und werden die Tradition wohl weiterführen, auch wenn die Geschäfte im Moment nicht ganz so gut laufen. Über den erfinderischen Onkel weiß Manfred Schweiger nur wenig, er hat ihn selbst nicht mehr kennen gelernt und ist sich nicht mal sicher, "ob der mein Onkel oder mein Großonkel war". So lässt sich die genaue Entstehungsgeschichte des Schlüssels wohl nicht mehr rekonstruieren.

Doch er bleibt das Markenzeichen des Betriebes und ziert das Firmenlogo, auch wenn längst sämtliche Schlossarbeiten und elektronische Sicherheitstechnik zum Programm gehören. Sogar im Internet ist die Firma Kerfin, wie sie schon seit 1893 heißt, mit einer eigenen Homepage vertreten.

Noch ist die Uhr nicht ganz abgelaufen für das Kuriosum Durchsteckschlüssel, das nie seinen Weg über Berlin hinaus fand. Eine stichprobenartige Umfrage unter Schlüsseldiensten in Moabit ergab, dass man zumindest hier mit dem Doppelbart noch sehr vertraut ist, wenn auch die Herstellung als "etwas umständlich" empfunden wird.

Vielleicht ist der eigentliche Grund für das langsame Aussterben ja auch ein ganz anderer. Findige Köpfe haben nämlich einen Weg gefunden, trotz Durchstecksystem den lästigen Schließzwang zu umgehen: Man muss nur einen Bart abschleifen. Damit kann man den Schlüssel zwar noch ganz "normal" umdrehen und durchstecken. Um ihn aber abzuziehen, braucht es kein lästiges Abschließen mehr. Das spart dem müden Heimkehrer ein paar Handgriffe - hebt aber das wunderbare System aus den Angeln.Mehr zum Thema im Internet unter: www.kerfin.de .

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