Vorstandswahlen : Ein Musiker aus Bayern ist neuer Piratenchef in Berlin

Der 47-jährige Bruno Kramm wurde am Sonnabend von einer Mitgliederversammlung der Hauptstadt-Piraten zum Nachfolger von Christopher Lauer gewählt, der schon nach einem halben Jahr aufgab.

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Ich bin;s, der Neue: Bruno Kramm von den Piraten.
Ich bin;s, der Neue: Bruno Kramm von den Piraten.Foto: dpa

Die Berliner Piraten haben den 47-jährigen Musikproduzenten Bruno Kramm zum neuen Landeschef gewählt. Der gebürtige Münchener ersetzt den bisherigen Parteichef Christoph Lauer, der im September – nach einem halben Jahr im Amt – zurücktrat und die Partei verließ. Dem waren heftige Konflikte mit der Bundespartei vorausgegangen. Sein Nachfolger Kramm forderte auf einer Mitgliederversammlung am Sonnabend die Parteifreunde auf, „urban, aufmüpfig, kreativ und selbstbestimmt“ zu agieren und die derzeitige „Mutlosigkeit abzustreifen“.

Der neue Piratenkapitän setzte sich bei der Vorstandswahl mit zwei Drittel der abgegebenen Stimmen gegen den Berliner Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner (Markenzeichen: Latzhose und Kopftuch) und die Neuköllner Autonome Franziska Jentsch durch. Kramm war bis Anfang 2012 Mitglied der Grünen, dann saß er im Vorstand der bayerischen Piraten und gehört mit seiner Band „Das Ich“, als Musikproduzent und Herausgeber eines Musikmagazins zur sogenannten Schwarzen Szene. Nebenbei engagiert sich der frisch gewählte Piratenchef beim Chaos Computer Club und bei Attac, gilt als Experte des Urheberrechts und kandidierte, allerdings erfolglos, bei den letzten Bundestags- und Europawahlen.

Der charismatische Hutträger, der mit finnischer Frau und Tochter jetzt in Brandenburg lebt, versicherte auf der Vollversammlung der Piraten, trotz seiner vielfältigen Aktivitäten genug Zeit für die von Krisen geschüttelte Partei zu haben. Er „brenne“ für die stadtpolitischen Themen, etwa die Flüchtlingspolitik. Die Berliner Piraten hätten eine „großartige Bilanz“ vorzuweisen und sollten sich nicht einschüchtern lassen. Er habe „Demut vor der Vielfalt der Partei“, vor deren Aufmüpfigkeit und Unkonventionalität.

Die optimistischen Töne kamen bei den rund 150 anwesenden Mitgliedern offenbar gut an. Nach dem Rücktritt des bisherigen Landeschefs Lauer war es sehr schwierig geworden, noch geeignete Kandidaten für den erneuerungsbedürftigen Vorstand zu gewinnen. Für die Nachwahl von zwei Beisitzern und eines Schatzmeisters fanden sich auf der Mitgliederversammlung erst in letzter Minute genügend Kandidaten. Für 2013 lag am Sonnabend immer noch kein geprüfter Rechenschaftsbericht vor, der alte Landesvorstand wurde deshalb nicht entlastet.

Die bundesweit sichtbaren Auflösungserscheinungen der Piraten sind auch am Berliner Landesverband nicht vorüber gegangen. Die Mitgliederzahlen sind seit Anfang 2013 rückläufig, momentan gibt es in der Hauptstadt noch 664 Beitrag zahlende Piraten. In aktuellen Meinungsumfragen steht die Berliner Partei noch bei drei Prozent. Als erster Landesverband etablierten die Piraten am Sonnabend eine Ständige Mitgliederversammlung, also einen dauerhaften Parteitag im Netz.