Wahlfälschung in der DDR : "Auf unserer Wahlparty wurde gelacht"

Heute vor 25 Jahren wurden die Kommunalwahlen in der DDR gefälscht – wieder einmal. Doch Oppositionelle in Ost-Berlin deckten erstmals den Betrug auf. Ein Aktivist erinnert sich.

Andreas Otto
Zählen, bitte. Bei Wahlen in der DDR war das positive Ergebnis stets schon programmiert. Doch am 7. Mai 1989 gelang es Oppositionsgruppen erstmals, die falschen amtlichen Ergebnisse im Ostteil Berlins (hier ein Foto aus dem Wahllokal am Ernst-Thälmann-Park) durch eigene Zählungen zu korrigieren. Ein Anfang vom Ende der DDR. Foto: Ullstein Bild
Zählen, bitte. Bei Wahlen in der DDR war das positive Ergebnis stets schon programmiert. Doch am 7. Mai 1989 gelang es...Foto: Ullstein Bild

Dass die Tage der SED und der DDR gezählt waren, ahnte auch ich im Mai 1989 nicht. Wie viele DDR-Bürger, die nach dem Mauerbau geboren wurden, lebte ich mit der geteilten Stadt. Meine Frau, unser kleiner Sohn und ich wohnten im Prenzlauer Berg, seit ich 1985 nach Berlin gezogen und ein Studium an der Ingenieurschule für Elektrotechnik aufgenommen hatte. In unserer Immanuel-Kirchengemeinde organisierten wir unter dem Titel „Springbrunnen“ offene Jugendveranstaltungen mit Musik und Theaterstücken. Jede Woche diskutierten wir im Donnerstagskreis über religiöse und politische Themen. Wenn Stephan Krawczyk oder andere oppositionelle Künstler auftraten, waren wir dabei. Im Frühjahr 1989 waren die Kommunalwahlen in der DDR auch unser Thema. Aus den Oppositionsgruppen kamen Aufrufe zum Boykott der Wahlen am 7. Mai – heute vor genau 25 Jahren. Und es gab die Idee, die Jubelergebnisse der SED zu entlarven.

Wahlen in der DDR: Man hatte keine Wahl

Wahlen in der DDR zeichneten sich dadurch aus, dass es nichts zu entscheiden gab. Auf dem Stimmzettel stand die Einheitsliste der Nationalen Front, die Mandate waren vorher aufgeteilt zwischen der SED und ihren Hilfstruppen, den Blockparteien und Massenorganisationen. Das Streichen oder Ankreuzen einzelner Kandidaten war nicht üblich; wer im Stimmlokal eine Wahlkabine nutzte, machte sich verdächtig. Die Wahlzettel wurden in der Regel einfach entgegen genommen und in die Urne geworfen. „Zettel falten“ nannte der Volksmund das. Die Ergebnisse standen vorher fest.

Die in den Wahllokalen gezählten Stimmen wurden zwar nach oben weitergegeben, aber nie veröffentlicht. Fast 40 Jahre lang verkündete die SED gut 99 Prozent Zustimmung für ihre Einheitslisten. Warum haben die DDR-Bürger das so lange mitgemacht? Die einen, weil sie es richtig fanden, die anderen, weil sie die Diktatur fürchteten oder zu spüren bekamen.

So sah der Mauerstreifen aus
Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die Hochhäuser der Leipziger Straße im Osten der Stadt zu erkennen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Berliner Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de! Foto: Sommer/ImagoWeitere Bilder anzeigen
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07.06.2017 13:58Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die...

In der kirchlichen Stephanus-Stiftung in Weißensee organisierten vor 25 Jahren Mitarbeiter um Evelyn Zupke und Mario Schatta ein eigenes Wahlbüro und organisierten eine unabhängige Auszählung der Stimmen in diesem Stadtbezirk. Mit einigen Freunden aus unserer Kirchengemeinde machten wir dabei mit.

"Unser Hauptmedium war das Westfernsehen"

Aus heutiger Sicht sind das alles keine großen Aktionen: Wahlergebnisse im Wahllokal mitzählen, Zahlen vergleichen und ins Internet stellen kann schließlich jeder. In einer Diktatur ist das anders. Jede Handlung, die den Staat infrage stellt, selbst wenn sie sich auf Gesetze des Landes beruft, wird als feindlich angesehen. So war Wahlfälschung in der DDR verboten, aber gleichzeitig Mittel zur Legitimation der SED-Herrschaft.

Andreas Otto Foto: promo
Andreas Otto war 1989 in der DDR-Bürgerbewegung aktiv. Heute sitzt er für Bündnis 90/ Die Grünen im Abgeordnetenhaus.Foto: promo

Das Wahllokal, in dem ich gezählt habe, war in Karow. Das dortige Wahlkomitee war offensichtlich durch die Staatssicherheit vorgewarnt und bemühte sich, uns auf Abstand zu halten. Fragen, etwa zur Anzahl der Wahlberechtigten, wurden von den älteren Genossen nicht beantwortet. Aber meine Freunde und ich konnten die Anzahl der Ja- und Nein-Stimmen und der für ungültig erklärten Stimmen mitschreiben und weitergeben. Die Angaben aus 66 von 67 Weißenseer Wahllokalen konnten zusammengetragen und publik gemacht werden. Unser Hauptmedium war das Westfernsehen. Daneben enthielten die wenigen Untergrundzeitungen die Vergleiche der Zahlen aus dem Parteiorgan „Neues Deutschland“ und aus unserer unabhängigen Zählung. Durch diese konzertierte Aktion wurde erstmals für einen ganzen Bezirk nachgewiesen, dass die SED systematisch die Ergebnisse fälschte. Als SED-Genosse Egon Krenz am Abend des 7. Mai im DDR-Fernsehen die übliche Zustimmung verkündete (allerdings erstmals von „nur“ 98 Prozent), wurde er auf unserer alternativen Wahlparty einfach ausgelacht. Und wenn die Untertanen ihre Herrscher auslachen, ist das Ende meist nicht weit.

Seit 1990 gehe ich stets in dem Bewusstsein zu Wahlen, dass sie keine Selbstverständlichkeit sind.

Der Autor war 1989 in der DDR-Bürgerbewegung aktiv. Heute sitzt er für Bündnis 90/ Die Grünen im Abgeordnetenhaus.

Die Mauer vom Osten betrachtet
Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach dem Mauerfall. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie selbst Fotos der Berliner Mauer aus dem Osten der Stadt heraus gemacht? Senden Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de. Foto: Detlef PeukerAlle Bilder anzeigen
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06.05.2014 13:59Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach...
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