Wahlkampf in einer Berliner Eckkneipe : Das Wahllokal

Auf der Straße, im TV, im Internet - draußen tobt der Wahlkampf. In der Kneipe sitzen die Menschen und reden. Über Politik? Nur am Rande. Politisch? Ist das hier trotzdem! Sieben Tage dort, wo man sich trifft.

von und William Veder [Bilder]
Quellenschutz. Da die Gäste der Moabiter Gastwirtschaft "Zur Quelle" zwar mit uns reden, jedoch meist ungern fotografiert werden wollten, beschränken wir uns bei der Bebilderung unserer Wahlkampfreportage auf Außenansichten und Detailaufnahmen.
Quellenschutz. Da die Gäste der Moabiter Gastwirtschaft "Zur Quelle" zwar mit uns reden, jedoch meist ungern fotografiert werden...Foto: William Veder

Wahlkampf ist Volksnähe. Man muss da ran an die Leute, ganz dicht. Steinbrück lädt ins Wohnzimmer, Merkel hält Bierzeltreden. Klar, ist wichtig, die Herzen und Hirne, die müssen erreicht werden. Mit Kampagnen, den Fernsehspots, den hingehängten Lächelgesichtern am Straßenrand. Das Volk entscheidet. Was aber denkt dieses Volk tatsächlich, worüber spricht es, jeden Tag. So kurz vor der Wahl. Zum Frühstück Merkel, zum Abendessen Steinbrück. Und dazwischen: bisschen Brüderle, bisschen Trittin? Ist das so?
Was wird zum Beispiel geredet, gedacht, wo der kleine Mann von der Straße sein kleines Bier von der Theke trinkt? In der Eckkneipe? Die war ja mal Volksort. Ist heute, trotz Nichtraucherschutz, trotz Internet, noch immer geteilte Öffentlichkeit, in der man sich freiwillig einander aussetzt. Auch wenn man sonst nichts gemein hat. Nicht die Herkunft, nicht die Religion, nicht die Arbeit. In die Kneipe gehen - das ist auch jedes Mal: ein Experiment.
Auch deshalb muss man genau dahin. Und dann dort eine ganze Woche verbringen, während draußen Wahlkampf ist. Sieben Tage lang an der Volksseele riechen. Immer auch Milieustudie, Maulschau. Mitkriegen, wohin die Gespräche treiben, ohne selbst Einfluss zu nehmen. Falsch wäre: Reinplatzen, Tür ins Haus, was halten Sie eigentlich von Angela Merkel? Stattdessen: Warten, auch das Alltägliche, das Gefasel, das Nichts aushalten und dieses Nichts dann protokollieren.

Die Quelle, Alt-Moabit Ecke Stromstraße, ist dafür der richtige Laden, ein Berliner Original. Vorzeigeeckkneipe. Nicht zu weit draußen, nicht zu weit drin. Da vorne Wedding, dahinten Mitte. Stand schon dort, früher Destille, als Deutschland noch Kaiserreich war. Weimarer Republik, Weltkriege. Wirtschaftswunder, Mauerfall. Unbeeindruckt von den Zeitläuften. Lenin hat hier das 19. Jahrhundert gehen, das 20. kommen sehen. Karl Dall, später, die Zeit vergessen. Hier trinken Rentner, Arbeitslose, Angestellte, die Obdachlosen aus dem nahe gelegenen Park, die Beamten aus dem nahe gelegenen Innenministerium.
Die Quelle ist das Herz von Moabit, sagen die Leute. Nie geschlossen, immer offen für alle. Man muss nur durch die große Tür treten, reingehen. Volk wagen. Hereinspaziert.