Was bringt der Blitzermarathon? : "Die notorischen Raser haben längst aufgerüstet"

Mit großem Aufwand beteiligt sich die Berliner Polizei am bundesweiten Blitzermarathon, doch diese Aktion hat Grenzen. Ein Experte über die Tücken von Tempolimits – und darüber, wie auch scheinbar vernünftige Autofahrer kriminell werden können.

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Auch die Berliner Polizei beteiligt sich am ersten bundesweiten Blitzmarathon.
Auch die Berliner Polizei beteiligt sich am ersten bundesweiten Blitzmarathon.Foto: dpa

Am „Blitzmarathon“ beteiligt sich an diesem Donnerstag auch die Berliner Polizei. Reine Show oder höchste Zeit?

Die Sache ist zweischneidig. Einerseits wird das Thema auf die Agenda gehoben – in den Medien ebenso wie am Stammtisch, auch wenn es da mehr im Sinne von „Morgen musst du aufpassen!“ läuft. Die Sensibilität steigt also. Ob das dauerhaft etwas bewirkt, ist eine andere Frage.

Die Polizei hat die Standorte der Kontrollstellen vorab veröffentlicht, um dem üblichen Vorwurf der Abzocke zu begegnen. Halten Sie das für vernünftig?
Nur ausnahmsweise, bei einer so plakativen Aktion. Sonst sollte die Polizei selbstbewusst genug sein, Standorte nicht vorher zu verkünden. Der Abzocke-Vorwurf ist ja völliger Quatsch. Hier wird nämlich nicht irgendwer hinterrücks um sein Geld gebracht, sondern einfach das Gesetz durchgesetzt. Wer das fährt, was auf dem Schild steht, muss nichts zahlen.

Am Freitag werden viele aufatmen, weil es vorbei ist – und wieder Gas geben, da sie im Alltag erfahrungsgemäß kaum erwischt werden. Reicht der Kontrolldruck aus?
Mit Sicherheit nicht. Die notorischen Raser haben doch längst aufgerüstet. Die unterhalten sich nicht nur, wo regelmäßig kontrolliert wird, oder hören das im Radio. Sie nutzen auch immer bessere Radar-Apps, die inzwischen leider ziemlich gut funktionieren. Man erlebt immer öfter, dass auf Hauptstraßen die üblichen 60 Stundenkilometer gefahren werden und plötzlich alle auf Tempo 50 abbremsen, weil sie offensichtlich gewarnt sind. Und siehe da: Dort steht dann wirklich ein Radarwagen. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass nur etwa jedes 700. Verkehrsdelikt entdeckt wird. Das Risiko ist also überschaubar, und schlimmstenfalls zahlt man halt 30 oder 50 Euro. Die Strafen sind ja gering, und jeder weiß, dass man manchmal monatelang keine Kontrolle sieht.

Mit diesen Geräten blitzt die Berliner Polizei
Anlässlich des ersten bundesweiten Blitzermarathons stellt die Berliner Polizei die Geräte vor, die sie bei den Kontrollen am Donnerstag einsetzen will.Alle Bilder anzeigen
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09.10.2013 14:25Anlässlich des ersten bundesweiten Blitzermarathons stellt die Berliner Polizei die Geräte vor, die sie bei den Kontrollen am...

„Wer rast, tötet“, heißt es in der Ankündigung der Polizei, und wer sich nicht an Regeln hält, „verachtet unsere Gesellschaft“. Das sind ungewohnt deutliche Töne. Erreicht man damit die Richtigen?
Es sind auf jeden Fall klare Worte, die ich gut finde und mir öfter wünsche. Ihre Hauptadressaten erreichen sie allerdings nicht: Der Verkehr ist ja nur ein winziger Ausschnitt unseres gesamten Lebens. Wer sich da asozial verhält, tut das auch sonst und wird sich auch durch solche Ansagen nicht ändern. Unser Grundproblem ist, dass sich 10 bis 15 Prozent der Verkehrsteilnehmer grob verkehrswidrig verhalten. Ich rede nicht von denen, die zehn Stundenkilometer über dem Limit im Strom mitschwimmen. Sondern von denen, die 70, 80 oder 90 fahren, Busspuren benutzen und auf der Autobahn rechts überholen und drängeln. Diese Leute kriegen wir nur durch Härte in den Griff. Diese Härte entsteht durch das Punktesystem, mit dem solche Täter systematisch erfasst werden – bis für sie irgendwann eine Zwangspause zum Nachdenken fällig wird.

In diesem Dokument können Sie nachlesen, an welchen Stellen in Berlin die Polizei Blitzer aufstellt

Müssten die Geldstrafen höher sein, um die wirklichen Rüpel zu bremsen?
Das Problem ist, dass Reiche sich höhere Geldstrafen besser leisten können. Im Gegensatz dazu ist das Punktesystem sozial ausgleichend, weil es jeden gleichermaßen trifft. Anderswo in Europa geht es bei den Geldstrafen nicht um 50 oder 100 Euro, sondern um deutlich höhere Summen, die sich in manchen Ländern sogar am Einkommen orientieren und damit sozial gerechter sind. Das machen wir in Deutschland auch, aber nur in Strafverfahren. Bei Ordnungswidrigkeiten wie geringen Tempoverstößen wäre der bürokratische Aufwand gigantisch.

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