Was lange gärt : "Berliner Berg Bier" will Berliner Weiße wieder etablieren

Die Gründer von "Berliner Berg Bier" wollen Braugeschichte schreiben – und die Berliner Weiße wieder in aller Munde bringen.

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Grüner wird’s nicht. In ihrer eigenen Bar werden die Gründer von „Berliner Berg Bier“ demnächst auch ihre eigenen Braukreationen anbieten, darunter auch Berliner Weiße. 
Grüner wird’s nicht. In ihrer eigenen Bar werden die Gründer von „Berliner Berg Bier“ demnächst auch ihre eigenen Braukreationen...Foto: Fabiana Zander Repetto

Eine urige Bar in Neukölln: Die Wände sind – wie auch sonst – unverputzt, shabby chic. Holzstühle und Tische aus alten Weinkisten stehen in dem Raum mit dem grüngefliesten Tresen, samt grüner Zapfanlage. Auf den ersten Blick also eine Kneipe von vielen – in dem hippen Berliner Bezirk gibt es unzählige Bars in diesem Stil. Eines aber ist hier anders: Das Bier, das aus der Zapfanlage sprudelt, wird nur ein Stockwerk tiefer im Hinterhof des Wohnhauses in der Kopfstraße 59 von Hand gebraut. Zumindest soll es das, ab kommendem Januar. Und dann soll es auch eine Biersorte geben, die aus den Kneipen weitgehend verschwunden ist: Die Berliner Weiße – so, wie sie vor 150 Jahren gebraut wurde.

Bis es so weit ist, und die Brauanlage im Kellergewölbe eingebaut ist, stellen die Gründer von „Berliner Berg Bier“ ihr Bier noch in „befreundeten“ Brauereien her, etwa bei Pfefferbräu in Prenzlauer Berg. In Berlin gibt es mindestens 20 Gasthaus- und Kleinbrauereien (siehe Infokasten), in denen es handgebrautes „Craft Beer“ gibt. Der Begriff kommt aus dem Amerikanischen und könnte mit „handwerklich gebrautem Bier“ übersetzt werden. Vor allem steht der Begriff dafür, dass fernab der großen Industrie nach alten Traditionen gebraut wird.

Crowdfundingcampagne auf startnext

„Unter den Brauereien in Berlin gibt es kaum Konkurrenz, man grenzt sich durch seine eigene Rezeptur von den anderen ab“, sagt Robin Weber, der Geschäftsführer der Brauerei. Mit seinem langen Vollbart und den schicken Lederschuhen passt der 29-Jährige sehr gut in das Ambiente der szenigen Bar. Es sei also kein Problem, derzeit noch woanders zu brauen. Das Bier schmeckt jetzt schon so, wie es die Gründer wollen – das Lager ist einem Pils ähnlich im Geschmack: vollmundig und malzig, ein wenig bitter. Das Pale Ale ist fruchtig und hat eine zitrusartige frische Säure. „Es ist uns wichtig, unsere eigenen speziellen Rezepte zu kreieren. Viele kleben nur ihr Etikett auf ein von anderen gebrautes Bier. Das wollen wir nicht“, sagt Richard Hodges, der Braumeister.

Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne auf startnext.de konnten die Wahlberliner bis jetzt 50 000 Euro einspielen. „Wir hätten das Projekt auch ohne Crowdfunding hochgezogen, aber es wäre viel schwieriger geworden“, sagt Weber. Mit 43 Verkäufen war die lebenslange Bierflatrate für 250 Euro ein Hit. Die Käufer bekommen jeden Tag in der Bar ein Bier für sich und Begleitung – das ganze Leben. „Das ist natürlich eine kleine Umsatzwette – denn wer trinkt schon nur ein Bier“, scherzt Weber.

Die Echte ist ohne Sirup

Von dem so eingenommenen Geld wird derzeit der 80 Quadratmeter große Kellerraum renoviert und gefliest, damit dort bald die Sudbrauanlage und zwei Abfüllanlagen angeschlossen und in Betrieb genommen werden können. Denn so lange die Gründer woanders brauen müssen, können sie ihr Herzstück, die Weiße, noch nicht herstellen. Die würde nämlich das restliche Bier verderben.

Der Nichtkenner stellt sich unter der Berliner Weiße das bunte Waldmeister- oder Himbeersirup-Gemisch vor – doch da wissen Weber und sein Braumeister Hodges mehr: „Die echte Weiße wird nach norddeutscher Tradition nicht mit Sirup getrunken“, sagt Weber. Die Besonderheit am Weiße-Braustil sei, dass das Bier mit Milchsäurebakterien und Wilder Hefe vergoren wird. „Das sind eigentlich Schädlinge, die man nicht in der Brauerei haben will – denn wenn du die Bakterien einmal in der Brauanlage hast, kannst du dort kein anderes Bier mehr herstellen, ohne dass es verdirbt“, so Hodges. Deshalb müssten sie auch zwei verschiedene Abfüllanlagen in ihrem Keller einbauen. „Wir werden auch alle Schläuche und Tanks in Weiße und restliches Bier trennen müssen“, sagt Hodges.

Zugabe von Säure

In Berlin habe es noch bis vor 150 Jahren hundert Brauereien gegeben, die nur die traditionelle Weiße produziert hätten, erzählen die beiden. Inzwischen mache das nur noch eine, „BrewBaker“ in Moabit. In der industrielleren Herstellung von Bier wurde dieser traditionelle Braustil aufgegeben, Berliner Kindl Weiße etwa, entstehe durch die Zugabe von Säure in normal hergestelltes Bier.

Die Gründer von „Berliner Berg Bier“ sind eigentlich zu viert, doch nur Weber und Hodges machen das Ganze hauptberuflich. Dabei kommt Weber eigentlich aus einer anderen Ecke: Der studierte Soziologe hatte, damals noch in Hannover, an Projekten zur kulturellen Jugendbildung auch mit dem Thema Alkoholprävention gearbeitet – um jetzt ausgerechnet eine Brauerei aufzuziehen. Aber widersprüchlich findet er das nicht. Craft-Beer sei eher etwas für 25-plus-Jährige, das liege auch am etwas höheren Preis von 3 bis 3,50 Euro pro Flasche.

In drei Wochen ist Eröffnung

Die anderen beiden Gründer, Uli Erxleben und Finn Age Hänsel hatten zusammen mit Weber bereits vor ein paar Jahren ein Start-up gegründet – doch die gemeinsame Begeisterung für Biervielfalt, ließ die drei umdenken. Dann haben sie sich Hodges als Braumeister dazugeholt: „Wir kannten uns mit der Unternehmensgründung aus, Richard mit dem Brauen“, erzählt Weber stolz. Jetzt kann er es kaum abwarten, die Bar und bald auch die hauseigene Brauanlage in Betrieb zu nehmen. Eine Schanklizenz haben sie schon, und in etwa drei Wochen soll offiziell Eröffnung gefeiert werden.

Seit Anfang Oktober liefert Berliner Berg Bier an rund 30 Bars und Spätis in Berlin aus. Für dieses Jahr rechnen sie mit 250 Hektoliter, es sollen aber mal 2000 Hektoliter jährlich werden – das sei aber gar nicht so viel, wie es klingt. Augustiner etwa braue immerhin etwa eine Million Hektoliter im Jahr, sagt Weber. Bis eröffnet werden kann, hat Weber noch einiges zu tun, ganz abgesehen vom Anlageneinbau: Er müsse den Lack von der Tür kratzen. Shabby chic eben.

Mehr unter www.berlinerberg.com

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