Weiterbau oder nicht? : A 100-Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht hat begonnen

27.09.2012 08:25 Uhrvon
Flashmob gegen den A-100-Ausbau: Hier haben Demonstranten die Oberbaum-Brücke besetzt. Foto: dpa
Flashmob gegen den A-100-Ausbau: Hier haben Demonstranten die Oberbaum-Brücke besetzt. - Foto: dpa

UpdateDie Hürden, um die A 100 zu stoppen, sind hoch. Trotzdem ist es möglich, dass nachgebessert werden muss. Nun hat die Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig begonnen. Und es gibt für die Kläger bereits ein erstes negatives Signal.

Kommt sie oder verschwindet sie in der bereits reichlich gefüllten Truhe mit gescheiterten Projekten? Am Donnerstag hat gegen 10:30 Uhr vor dem Bundesverwaltungsgericht die Verhandlung zum geplanten Weiterbau der Stadtautobahn A 100 vom Dreieck Neukölln bis zunächst zum Treptower Park begonnen. Nur wenige Besucher sind da, die meisten Sitze bleiben leer. Die beklagte Stadtentwicklungsverwaltung ist in Leipzig mit rund 30 Juristen und Mitarbeitern vertreten, die rund 15 Kläger kommen mit der Hälfte aus. Sie wollen erreichen, dass der Weiterbau der A 100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park nicht verwirklicht wird und klagen gegen die Stadtentwicklungsverwaltung, die den Weiterbau genehmigt hat.

Vorbereitende Arbeiten, die die Verwaltung  bereits angeordnet hatte, waren vom Gericht gestoppt worden.

Der Weiterbau des 3,2 Kilometer langen Abschnitts, der unter anderem auch vom ADAC gefordert wird, soll nach Angaben der Verwaltung  462 Millionen Euro kosten. Der Bundesrechnungshof hat Kosten in Höhe von mindestens 475 Millionen Euro ermittelt. Finanziert würde der Bau vom Bund. Ein Urteil aus Leipzig wird wahrscheinlich erst im Oktober verkündet.

Schon zu Beginn der Verhandlung gibt es aber für die Kläger ein erstes negatives Signal: Zu ihnen gehört auch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, und der Vorsitzende Richter Wolfgang Bier bezweifelt, ob das Bezirksamt überhaupt klageberechtigt ist. Eine Klage gegen einen Planfeststellungsbeschluss des Senats durch das Bezirksamt sei nach der Verfassung nicht zulässig.

Auch im Vorfeld war bereits klar: Die Hürden, die zum kompletten Scheitern des Projekts genommen werden müssten, sind hoch. Das sagte am Mittwoch der Anwalt der Gemeinschaft von 15 Klägern, Carsten Sommer. Er sei sich aber sicher, dass am Ende „etwas herauskomme.“ Die Frage sei nur: was?

Möglicherweise fordert das Gericht die planende Stadtentwicklungsverwaltung auf, einige Bereiche nachzubessern – etwa beim Lärmschutz für die Anwohner. Dies hatten die Richter auch bei der – erfolglosen – Klage gegen den Flughafenausbau in Schönefeld angeordnet. Bereits im Vorfeld der Verhandlung hätten die Richter erkennen lassen, dass sie sogenannte Abwägungsfehler in der Planung der Verwaltung sehen. Mehrfach seien Unterlagen nachgefordert worden, sagte Sommer weiter.

Allerdings sei das Planungsrecht in den vergangenen Jahren so geändert worden, dass der Rechtsschutz von Klägern erschwert worden sei. Die Richter gäben den Planern fast immer die Möglichkeit, Fehler zu beseitigen und die Vorhaben zu retten. Trotzdem sei ein Erfolg von Klagen auch weiter immer möglich. So sei zum Beispiel der Bau eines Autobahnabschnitts in Dortmund gescheitert, weil die Kommune damit auch Änderungen bei eigenen Straßen vornehmen wollte.

Bildergalerie: Streit um den Ausbau der A 100

Sommer wird die Klage der Gemeinschaft, zu der sich unter anderem der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, die Wohnungsgenossenschaft Neukölln sowie mehrere Grundstückseigentümer und Anwohner an der geplanten Trasse zusammengeschlossen haben, hauptsächlich auf vier Säulen stützen: Die von der Verwaltung angeführte Entlastung von Stadtstraßen in der Umgebung der Autobahn werde es nicht geben. Der Verkehr nehme nach den Prognosen der Stadtentwicklungsverwaltung auch ohne die Autobahn ab.

Zudem habe die Verwaltung den Mehrverkehr etwa auf der Elsenstraße oder im Boxhagener Kiez „verschwiegen“. Auch die „Funktionsfähigkeit“ ist nach Ansicht von Klägeranwalt Sommer nicht gewährleistet. Rechnerisch sei erwiesen, dass es rings um die Anschlussstelle am Treptower Park zu Staus kommen werde.

Dies hätten vom Bezirk beauftragte Gutachter bestätigt, sagte Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Weil dabei erheblicher Druck von der Senatsverwaltung ausgeübt worden sei, habe der erste Gutachter den Auftrag zurückgegeben. Detaillierte Angaben zu den Kosten, die auf den Bezirk durch die Beteiligung am Klageverfahren zukommen, machte Schulz nicht.

Umfrage

Haben Sie Verständnis für die Klage gegen den A100-Ausbau?

Als dritten und vierten Punkt führt Sommer die seinen Angaben nach durch den Autobahn-Bau erhöhten Lärm- und Schadstoffwerte an, deren Grenzwerte an der Elsenstraße nicht eingehalten werden könnten.

Die Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, Petra Rohland, bleibt optimistisch: Der Bau sei planerisch gut vorbereitet. Jetzt werde man die Entscheidung der Richter abwarten.

Sollte der Bau vor Gericht scheitern, ist eine Menge Geld in den Sand gesetzt. Eine Kleingartenkolonie ist schon vor Jahren – mit finanzieller Entschädigung der Besitzer – geräumt worden. Auch Grundstücke sind bereits gekauft worden, und auch die Planungskosten in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags wären für die Katz’ gewesen.

Der Bau des 3,2 Kilometer langen Abschnitts soll nach Angaben der Verkehrsverwaltung 462 Millionen Euro kosten; der Bundesrechnungshof erwartet Kosten in Höhe von mindestens 475 Millionen Euro. Veranschlagt war der Bau zunächst mit 420 Millionen Euro.

Ob es das benötigte Geld vom Bund geben wird, falls die Richter den Bau zulassen, bezweifelt BUND-Landesgeschäftsführer Tilmann Heuser. Bereits jetzt reiche das Geld nicht einmal für bereits begonnene Bauten.

Die Bau-Gegner wollen das Geld, sollte es doch locker gemacht werden, umschichten und unter anderem in die Sanierung vorhandener Bundesstraßen stecken – etwa in die A 114 in Pankow, die bereits einem Feldweg gliche, sagte Heuser. Aber auch die Sanierung des Landwehrkanals oder der Aufbau der Dresdner Eisenbahn könnten mit diesem Geld erfolgen, sagte Heuser.

Derzeit sind die Mittel allerdings zweckgebunden. Baut Berlin die Autobahn nicht, geht das Geld des Bundes in andere Bundesländer – für den Straßenbau.

Umfrage

Wären Sie damit einverstanden, dass in Ihrer Nähe ein Asylbewerberheim eingerichtet wird?

Service

Zehlendorf Blog

Wir möchten mit Ihnen ein Experiment wagen: Unsere Zehlendorf-Seite ist online - das digitale Magazin aus dem Berliner Südwesten. Ein journalistisches Produkt zum Mitgestalten. Jeden Tag kümmern wir uns, gemeinsam mit Jugendlichen und Leser-Reportern, um die spannendsten Geschichten aus dem Stadtteil, um lokale Politik und das Lebensgefühl der Menschen.
Der Zehlendorf Blog - das neue hyperlokale Online-Magazin

Entdecken Sie Berlin


Wo sind die besten Cafés der Stadt zu finden? Wo die besten Spielplätze? Oder wie finde ich die interessantesten Museen und Theater?
Mit der neuen Best-of-Berlin-App können Sie spielend Berlin entdecken.

Der Stadtleben-Blog

In Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.
Berichte aus einer lauten Stadt

Nachrichten aus den Bezirken

So eine fantastische Bundesregierung hat es seit Gründung der Bundesrepublik noch nicht gegeben! Eine ausgefeilte Good-cop-bad-cop-Show stellt an schierem Unterhaltungswert alles in den Schatten, was auf sämtlichen Privatsendern zusammen produziert wird.
Diskutieren Sie mit!

Weitere Themen

Willkommen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden Lesungen und Salons, Konzerte, Vorträge und Seminare für Leserinnen und Leser statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Das Stadtmagazin des Tagesspiegels.

Tagesspiegel-Spendenaktion

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...