Berlin : Wild und weg

Nicht nur die Stadtbären belasten die Bezirkskasse – auch dem Tiergehege Jungfernheide droht das Aus.

Ronja Spiesser

Berliner bekommen Weißhirsche in der Stadt eher selten zu sehen. Im Wildgehege des Volksparks Jungfernheide leben zwei der seltenen Tiere – doch deren Verbleib im dortigen Wildtiergehege ist ungewiss. Durch neue Auflagen, die dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zur Haltung der Tiere vorgegeben wurden, sind die Kosten gestiegen. 100 000 Euro muss der Bezirk nach eigenen Angaben für das Gehege jährlich ausgeben. Auch ein neuer Zaun müsste gebaut werden, der nochmals etwa 80 000 bis 90 000 Euro kosten würde. Doch der Bezirk hat Finanzprobleme. „Wir haben eine Deckungslücke von etwa 2,2 Millionen Euro jährlich“, sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Da müsse man überlegen, wo man sparen könne. Und Bezirksstadtrat Marc Schulte (SPD) empfindet die derzeitige Tierhaltung im zweitgrößten Park Berlins als „nicht zeitgemäß“. Er habe daher empfohlen, das Wildgehege aufzugeben. „Es macht keinen Sinn, ein Tiergehege zu erhalten, in dem man regelmäßig Tiere erschießen muss“, sagt er. Den Tieren – hierbei handelt es sich um Wildschweine, Rehe und zwei Weißhirsche – geht es im Gehege so gut, dass sie sich schnell vermehren. Wenn es zu eng werde, müsse geschossen werden – aus Tierschutzgründen.

In den vergangenen Wochen hatte es auch in Mitte eine Finanzierungsdebatte gegeben – um den Zwinger der Stadtbären; auch dieser kostet den Bezirk viel Geld. Bis zum Frühjahr sollen Maxi und Schnute nun bleiben, dann wird erneut diskutiert. Zur Debatte steht ein Umzug in einen Bärenpark in Mecklenburg.

Würden nun auch die Tiere in der Jungfernheide verschwinden, stünde das Gehege des Volksparks das erste Mal seit seiner Anlegung in den 1920er Jahren leer. Der Park entstand ursprünglich aus einem riesigen Waldgebiet und dem ehemaligen königlichen Jagdrevier. Das Wildgehege darin wurde mehrmals versetzt, seit 1990 ist es im östlichen Teil des Parks zu finden und wird täglich von vielen Menschen besucht.

Durch neue EU-Auflagen sind die Kosten angestiegen, denn das Veterinäramt hatte den Gehegezustand überprüft und festgestellt, dass mehr Personal gebraucht würde. Auch die Fütterung der Tiere durch Besucher hatte es untersagt.

In der Hasenheide hatte es vor drei Jahren ein ähnliches Problem gegeben, doch dieses wurde durch einen Investor gelöst: Das Bezirksamt Neukölln hatte das Tiergehege in der Hasenheide aus Finanzproblemen aufgeben müssen. Auf Initiative des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) wurde allerdings ein privater Abnehmer gefunden. Seit Januar dieses Jahres ist die Union Sozialer Einrichtungen Schirmherr und verwaltet das Tiergehege in Neukölln. Als gemeinnützige GmbH setzt sie dort in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Arbeitslose als Tierpfleger ein, um sie in die Arbeitswelt zu reintegrieren, unter der Leitung professioneller Tierpfleger.

Auf Anfrage bekundete der Geschäftsführer Wolfgang Grasnick auch Interesse am Wildgehege in der Jungfernheide. Ob dies allerdings tatsächlich vom Bezirk abgegeben wird, entscheidet sich erst Anfang Dezember. Wie Amtskollege Buschkowsky hat Naumann noch nicht Initiative ergriffen. Doch stellte der Bezirksstadtrat Schulte klar, dass man über die Erhaltung des Wildgeheges in jedem Fall erfreut wäre, ein privater Abnehmer wäre vielleicht die Lösung.

Sollte die Finanzierung scheitern, sei man sich sicher, in anderen Tierparks und Wildgehegen Abnehmer für die Weißhirsche zu finden. Was dann mit den Rehen und Wildschweinen des Geheges passieren wird, soll erst am 5. Dezember entschieden werden. Dann befasst sich der Ausschuss für Tiefbau und Grünflächen in einer Versammlung mit dem Thema.

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