Wohnungsbau in Berlin : "Das Tempelhofer Feld muss frei bleiben"

Stadtplaner Florian Mausbach sieht geeignetere Flächen als das Tempelhofer Feld für den Wohnungsbau in Berlin – wie den Spreebogen. Ein Gastbeitrag.

Florian Mausbach
Das Tempelhofer Feld in Berlin.
Das Tempelhofer Feld in Berlin.Foto: dpa

Berlin steht an der Schwelle zur Vier-Millionen-Metropole. Die Stadt wächst in Baulücken und Stadtbrachen, in die Höhe und in die Breite. Nach Sanierung und Erneuerung der Nachwendezeit, nach „kritischer Rekonstruktion“ von Stadtgrundriss und Stadtbild, verlangt das dramatische Wachstum nach mutiger Entwicklungsplanung, nach einem neuen städtebaulichen Leitbild aus bewährter Tradition, freiheitlicher Moderne und neuer Experimentierfreude. Für eine Stadt, die über sich hinaus wächst.

Berlin – von Geburt Einwanderer-, Kolonial- und Pionierstadt – lebt nicht aus seinem Umland. Das Umland wächst mit Berlin, das anzieht und ausstrahlt, bis Frankfurt, Brandenburg, Cottbus und Stettin, und als größte deutsche Stadt und Hauptstadt weit darüber hinaus.

In Berlin und im Umland wächst die Nachfrage bei Industrie, Technologie und Logistik nach konfliktfreien Flächen nahe von Auto- und Eisenbahn. Industriegebiete an attraktiven Wasserlagen geraten unter den Druck der Urbanisierung, wie die klassischen Standorte der „Elektropolis“, der AEG in Oberschöneweide oder von Siemens in Spandau-Gartenfeld. Sie wandeln sich mit Industriedenkmälern aus Hallen, Ziegelbauten und Speichern in gemischte Quartiere der „Digitopolis“. Die Digitalwirtschaft verändert die Stadt mit neuen urbanen Arbeitswelten. Anders als Städte mit historischer Silhouette muss Berlin hohe Häuser nicht fürchten.

Die „Mutter aller Flughäfen“

Eine geplant akzentuierte Höherentwicklung bietet die Chance zur Gestaltung einer Skyline, eines neuen metropolitanen Stadtbildes. Hochhaus-City sind globale Marktplätze. Ihre Konzentration um die Knotenpunkte des Verkehrs entlastet die Stadt vom Auto und fördert den öffentlichen unter- und oberirdischen Verkehr. Hochhäuser an Ufern, Parks und Stadträndern mit Blick ins Freie schaffen gute Wohnlagen und das Erlebnis großer Stadt- und Naturräume.

Wachstumsringe werden Stadt und Umland erweitern. Müssen neue Stadtquartiere oder Großsiedlungen Schlafstädte sein? Berlins neue Gründerzeit kann von der alten mit ihrer sozialen Mischung aus Wohnen, Gewerbe und Kultur lernen. Es ist die Berliner Mischung, die am besten die Integration der Neubürger gewährleistet.

Florian Mausbach.
Florian Mausbach.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Weil Berlin wächst, muss das Tempelhofer Feld frei bleiben. Eine Metropole braucht öffentlichen Freiraum auch für Open-Air-Events, unverträglich mit Wohnbauten an den Rändern. Lollapalooza gehört aufs Tempelhofer Feld mitten in die Stadt wie im Grant Park in Chicago. Die „Mutter aller Flughäfen“ ist ein Welterbe, das als Ganzes unter Schutz gehört: Gebäude und Flugfeld.

Start- und Landebahnen mit den Großzeichen des Flugleitsystems und die ungestörte Weite des Flugfeldes machen den Reiz der Tempelhofer Freiheit aus. Es ist ein Volkspark neuen Typs, ein City-Park wie der am Gleisdreieck mit den Spuren des Eisenbahnknotens oder wie der Mauerpark mit Karaoke-Messen und Graffiti auf der Hinterlandmauer der früheren Grenze. Es sind Zeugnisse der Stadtgeschichte und als metropolitane Freiräume unverzichtbare Begegnungsorte für die Integration im Schmelztiegel Berlin.

Blick auf den Spreebogen

Wer eine zentrale Grünfläche zur Bebauung sucht, sollte den Blick auf den Spreebogen werfen. Hier ist nach Milliardeninvestitionen für den Kreuzungsbahnhof über Straßen- und Bahntunneln eine Wiese entstanden, eine von Reisenden mit Rollkoffern hastig durchquerte Transitzone. Wo sonst auf der Welt gibt es eine sechs Hektar große Wiese vor dem Zentralbahnhof?

Tempelhofer Feld - Impressionen
Auf dem Tempelhofer Feld sammeln sich die Strohballen. Am 16. September fand dort wieder das Festival der Riesendrachen statt. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Tempelhofer Felds an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 67Foto: Jörg Carstensen/dpa
18.09.2017 11:39Auf dem Tempelhofer Feld sammeln sich die Strohballen. Am 16. September fand dort wieder das Festival der Riesendrachen statt....

Hier sollte wie einst, bevor der Architekt des Führers tabula rasa machte, eine lebendige Großstadt entstehen, ein urbanes Stadtviertel zur Vollendung des unfertigen Parlaments- und Regierungsviertels. Der Turmbahnhof verlangt nach Verdichtung. Im Hintergrund lassen erste zaghafte Bürotürme erahnen, dass hier eines Tages der Central Business District einer Ost-West-Metropole entstehen kann.

Berlins staatsbürgerliche Mitte liegt mit Kanzleramt und Reichstag im Spreebogen, die weltbürgerliche auf Schloss- und Museumsinsel. Historisches Symbol der bürgerlichen Stadtmitte ist das Rote Rathaus. Doch fehlt es dort an öffentlichen Einrichtungen der Bürgerschaft.

Ein großer Schritt zur Wiederbelebung der kommunalen Mitte wäre die Errichtung der Zentral- und Landesbibliothek gegenüber dem Humboldtforum im Berliner Schloss. Gibt es einen zentraleren Standort für eine Zentralbibliothek als die sechs Fußballfelder große Fläche des Marx-Engels-Forums? Marx und Engels – ihr Denkmal fände Platz am Spreeufer – würden eine Volksbibliothek gegenüber dem Adelsschloss begrüßen. Lessing-Mendelssohn-Bibliothek sollte sie heißen! Nach den Philosophen und Literaten der Aufklärung, die hier in der Altstadt gelebt und gewirkt haben - für die gegenseitige Achtung von Christen, Juden und Muslimen.

Florian Mausbach, Stadtplaner, war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Der 71-jährige lebt in Berlin.

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