Wohnungsmangel in Berlin : Baut alles zu!

Es fehlen Wohnungen, da sind sich in Berlin alle einig. Sollen aber welche entstehen, regt sich immer wieder Protest. Wer sich daran beteiligt, gibt vor, am Allgemeinwohl interessiert zu sein. Die Wahrheit: Bereits-Berliner diskriminieren die Zuzügler. Deshalb mehr Bauen!

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Berlin hat viele Baustellen - nicht genug, findet die Autorin. Foto: AFP
Berlin hat viele Baustellen - nicht genug, findet die Autorin.Foto: AFP

Ach ja, natürlich, Berlin braucht neue Wohnungen, da stimmen wir doch überall gerne mit ein in diesen Ruf, nicht wahr? Sind ja alle voll, die Wohnungen, die schon da sind, voll oder irgendwie doof. Sie sind voll mit Leuten wie mir und vielleicht Ihnen, die/der Sie jetzt diese Zeilen lesen. Und so sehr der Wohnungsruf uns ein bisschen freut, beweist er doch, dass viele andere Menschen uns folgen und so leben wollen wie wir, so sehr stört er uns auch. Denn bauen heißt verändern, und Veränderungen finden wir Bereits-Berliner gar nicht so gut.

Darum schallt es, kaum dass einer etwas bauen will, aus den Reihen der im Umkreis Hausenden, dass das hier jetzt aber gerade leider gar nicht gehe. Weil hier ja alles schon so schön ist. Sei es die tolle Aussicht, die unberührte Grünfläche, der Rest Wildnis, quasi Nicht-Stadt in der Stadt, sei es, dass man sich an die Brache eben gewöhnt hat, sich in Jahren städtebaulichen Komas auch daran gewöhnen konnte. Die Stadt hat ihr Selbstbild als Brache und Freizeitparadies so oft nachgemalt und bestätigt, dass daraus längst eine Tatsache geworden zu sein scheint. Eine Art Recht und ein Anspruch der hier Lebenden, mit dem man jetzt wiederum seine Mühe hat. Die bereits Hausenden sagen also: Bauen ja, aber bitte gerne woanders.

Ariane Bemmer. Foto: Mike Wolff
Ariane Bemmer.Foto: Mike Wolff

So fallen bei Berliner Platzverteilungsfragen regelmäßig Wohnraumplaner und Freiraumverteidiger übereinander her. Jeder will mehr für sich. Das ist unnötig, die Stadt ist groß genug für beides. Wenn es aber zur Abwägung kommen muss, dann wiegt die Wohnraumnot schwerer – weil Wohnen anders als Drachensteigenlassen zur Existenzsicherung gehört. Doch wollen offenbar viele Städter nichts so wenig wie noch mehr Stadt. Sie huldigen stattdessen der Brache. Sicher, dort finden sie die viel zitierten Freiheits- und Freiräume, die sie selbst gestalten können, über die sie bestimmen können. Aus denen dann aber oft nur ganz individuell genutzte Freizeiträume werden. Freiraum, Freizeit – oft wird Ersteres gesagt und Zweiteres gemeint.

Schon heute gilt aber: Stadt ist Stadt. Stadt ist viele Menschen, wenig Platz. Es wäre natürlich frech, aber könnte man nicht sagen: Wer Brache will, soll aufs Land ziehen?

Der Neuberliner der vergangenen Jahrzehnte hat sich damit nicht belastet. Kaum in Berlin angekommen ist er zum Besitzstandswahrer verkommen. Alle Freiheit, die er hier so freudig vorgefunden hat, schnürt er ab, macht seinen Zaun drum, nennt das Umzäunte „Berliner Flair“ – und will das nun schützen, will seinen Lebensstil konservieren, seine Gewohnheiten verewigen. Die meisten Proteste gegen Bauprojekte kommen entsprechend aus jenen Vierteln, in die einst in extragroßen Margen zugezogen wurde. Kreuzberg und Neukölln, wenn es um die umstrittene Bebauung am Tempelhofer Feld geht, Prenzlauer Berg und Mitte in Sachen Mauerparkbebauung.

Es sind die Viertel, die sich mit Phänomenen wie Gentrifizierung auseinandersetzen. Und die Protestler, die einstigen Gentrifizierer, wollen nicht selbst gentrifiziert werden. Also verlangen sie nach einem Polster nach unten: nach billigen Wohnungen nämlich. Das sind natürlich alles berechtigte Ansinnen, keine Frage. Aber werden die Motive der Aktivisten nicht vernebelt? Die werden zu sozialer Solidarität und Kiezverantwortung verklärt, und plötzlich kämpfen alle für ein lebens- und liebenswertes Berlin für jedermann. Aber stimmt das? Oder verfolgen und verteidigen die Antihausbauprotestler nicht vor allem ihre Partikularinteressen, genauer: ihre speziellen Freizeitvorlieben?

Eine Frage, die dem Protest gegen Wohnungen am Tempelhofer Feld, am Mauerpark mal gestellt gehörte, könnte sein: Wie weit würdet ihr gehen, um eure Vorstellungen vom schönen Leben zu verfolgen? Die Wette ist: nicht sehr weit. Berlin ist – ein Blick aufs Satellitenbild vergegenwärtigt das – eine Stadt voller Leerräume. Die liegen dann auch mal am Stadtrand. Da müsste man sich dann hinbewegen, wenn man raus aus der Stadt will. Bäh? Viel zu weit? Genau. Was umgekehrt aber auch heißt, dass im Kampf gegen neue Häuser auch eine gut eingebürgerte Vorgarten-Bequemlichkeit verteidigt wird.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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