Berlin : Zwei Langnasen kochen super

Ganz hoch hinaus: Wie Marzahner Zwillinge Chefköche eines Nobelrestaurants in Bangkok wurden

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Gäste des „Mezzaluna“ sehen bisweilen doppelt. Das liegt nicht an den edlen Weinen, die hier ausgeschenkt werden. Die Küchenchefs des Bangkoker Nobelrestaurants sind Zwillinge und kommen aus Berlin. Aus einer Marzahner Plattenbausiedlung haben Mathias und Thomas Sühring den Sprung in die thailändische Hauptstadt geschafft – und damit in die Spitzengruppe der Gourmet- Gastronomie.

Der „Dome“ mit seiner goldenen Kuppel ist die Krone des 247 Meter hohen State Tower. Im oberen Teil des zweithöchsten Wolkenkratzers der Stadt befindet sich das Luxushotel Lebua. Über den 358 Zimmern und Suiten beginnt im 63. Stock mit einer Sky-Bar das kulinarische Highlight der Metropole mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt. Die orientalischen Fährboote auf dem Fluss Chao Phraya wirken winzig von hier oben. Über die Bar gelangt man dann in die Spitze der Kuppel. Hier in der 65. Etage befindet sich das Reich der beiden Berliner. Die Zwillinge haben aus dem einst italienischen Restaurant „Mezzaluna“ einen Gourmet-Tempel gemacht, zu dessen Gästen auch Kronprinz Maha Vajoralongkorn zählt. Hier spielen auch Szenen des aktuellen Kino-Hits „Hangover 2“.

Davon, dass ihre Söhne einmal hier landen würden, hätten die Eltern der Zwillinge am 30. April 1977 nicht einmal zu träumen gewagt. Im Abstand von fünf Minuten erblickten Thomas und Mathias im Krankenhaus Friedrichshain das Licht der Welt. Die Söhne eines Zimmerers und einer Verwaltungsangestellten wuchsen in Marzahn auf und erlebten als Zwölfjährige den Mauerfall. Als die Mittlere Reife ins Haus stand, war aus der 34. Polytechnischen Oberschule am Landsberger Tor die dritte Gesamtschule Marzahn geworden. Weil ihnen eine berufliche Perspektive fehlte, beschlossen die Brüder, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und das Abitur zu machen.

Der Großmutter, die auf ihrem Grundstück bei Frankfurt (Oder) Schweine hielt und Gemüse anbaute, hatten die Zwillinge da schon gelegentlich beim Zubereiten deftiger Hausmannskost wie Soljanka oder Grüne-Bohnen-Eintopf geholfen. Später jobbten sie in den Schulferien in der Küche des Krankenhauses Friedrichshain. An ihrer Geburtsstätte durften sie jetzt Teller spülen. Nach dem Abi kam erstmal der Wehrdienst.

Doch was danach? Den entscheidenden Tipp gab die damalige Freundin von Thomas. „Warum kocht ihr nicht?“ Weil die Zwillinge einen guten Start haben wollten, bewarben sie sich 1998 nur in den besten Häusern der Hauptstadt. Thomas bekam eine Lehre im Hilton am Gendarmenmarkt, Mathias im Maritim proArte an der Friedrichstraße – und beide kamen in ihrem Zufallsberuf schnell auf den Geschmack. 2001 gewannen sie in Maastricht mit der Junioren-Nationalmannschaft der Köche den Weltmeistertitel. Nach der Ausbildung fragte sie Spitzenkoch Sven Elberfeld, ob sie nicht in seinem Sterne-Restaurant „Aqua“ in Wolfsburg arbeiten wollten. Drei Jahre später wechselte Thomas nach Rom, Mathias ins holländische Zwolle. Bis Thomas 2007 der Anruf aus Bangkok erreichte. „Eigentlich wollte ich ja nach Asien, aber ich dachte, ich müsse noch so viel lernen und es sei noch zu früh, selbst Küchenchef zu werden“, erinnert er sich. Es folgten Gespräche mit Eltern, Freunden und Bruder Mathias. Alle ermunterten ihn und dann trafen die Zwillinge eine folgenschwere Entscheidung. „Ich sagte, ich nehme an, wenn mein Bruder als gleichberechtigter Partner mitkommen kann“. Anfang 2008 ging es los.

„Das war der richtige Schritt“, resümiert Thomas Sühring heute. Zwar fand man keine professionellen Arbeitskräfte vor, denn eine Lehre für Küchenpersonal gibt es in Thailand nicht. „Aber die Leute sind sehr wissbegierig und haben eine gute Auffassungsgabe“, sagt Bruder Mathias. „Man braucht viel Geduld, dann kann man auch viel mit dem Team erreichen.“ So haben die Zwillinge nach drei Jahren den Schritt gewagt, das „Mezzaluna“ auf ein modern-innovatives Gourmetangebot umzustellen, wozu neben besten Zutaten aus 15 Ländern auch die verstärkte Verwendung von thailändischen Produkten zählt.

„Jetzt können wir mit allen Zutaten und Kochstilen herumspielen“, freut sich Thomas Sühring. Erst bei der Teambesprechung am Vormittag wird festgelegt, was abends auf den Tisch kommt. Neben einem dreigängigen Menü à la Carte zaubern die Zwillinge in ihrer zum Gastraum offenen Küche ein täglich wechselndes Sechs-Gang-Dinner. „Das fördert die Kreativität“, sagt Mathias. Inzwischen zählen neben ausländischen Besuchern auch immer mehr Thais zu ihren Gästen, die eigentlich dafür bekannt sind, dass sie nichts essen, was sie nicht kennen.

Das „Mezzaluna“ hat nur 40 Plätze, dazu kommt ein kleiner Nebenraum. 20 bis 40 Menüs produzieren die Zwillinge mit ihrem 14-köpfigen Küchen- und zehnköpfigen Serviceteam pro Abend. „Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Mathias und Thomas ergänzt: „Wir haben noch so viele Ideen“. Mit Sternen hat es noch nicht geklappt, denn von Michelin gibt es in Asien bisher nur Ausgaben für Tokio und Hongkong/Macao.

In der Küche wird nicht nur zwischen den Brüdern Deutsch gesprochen. Eine Kollegin vom Service kommt aus Hamburg, der Praktikant aus Magdeburg und Barchef Alex aus Südtirol. Heimweh haben die Zwillinge nicht in Thailand, Familie und Freunde haben sie schon besucht. Umgekehrt finden es die Brüder auch immer wieder schön, für einen Besuch nach Berlin zurückzukehren, auch wenn dazu in letzter Zeit nur selten Gelegenheit war. Das Interesse am Geschehen in ihrer Heimatstadt ist ungebrochen. Die Sührings fragen sich, ob Klaus Wowereit wohl Regierender Bürgermeister bleibt. Und wie sich Hertha BSC nach dem Wiederaufstieg in der Bundesliga macht. Bis auf weiteren können Sie ihren Informationsdurst nur aus der Ferne stillen – per Satellitenfernsehen.

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