Chico Buarques Roman "Vergossene Milch" : Trau keinem über 100

Der brasilianische Bossa-Nova-Musiker und Romancier Chico Buarque sieht sich in seinem neuen Roman "Vergossene Milch" in den Jahrhundertkammern der Erinnerung um.

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Der brasilianische Musiker und Autor Chico Buarque. Foto: Bel Pedrosa
Der brasilianische Musiker und Autor Chico Buarque.Foto: Bel Pedrosa

Das Gedächtnis ist eine Rumpelkammer. Je älter man wird, desto mehr häuft sich an. Von manchen Dingen fragt man sich, wie sie dorthin gekommen sein mögen. Andere findet man kaum wieder. Ordnung zu schaffen, dafür bräuchte man noch einmal ein ganzes Leben. Eulálio Montenegro d’Assumpção ist in biblischem Alter, ein ganzes Jahrhundert hat er auf dem Buckel, ein Veteran und Überlebender, der seine Erinnerungen hegt wie einen Schatz.

Gebrechlich liegt er in einem heruntergekommenen Krankenhaus in Rio de Janeiro, und wer sich an seinem Bett niederlässt, muss sich seine Geschichten anhören: Auch die 80-jährige Tochter wird Opfer seines Mitteilungsdrangs. Manchmal beginnt er, medikamentös angestachelt, auch noch von einer Zukunft zu träumen. Aber natürlich gilt für ihn doppelt: Traue keinem über 100. Eulálio ist ein unzuverlässiger Erzähler, und zuweilen merkt er das selbst: „Ich habe so viele Erinnerungen und Erinnerungen an Erinnerungen an Erinnerungen, dass ich nicht mehr weiß, in welcher Gedächtnisschicht ich eben war.“

Chico Buarque schafft eine Jahrhundertfigur

Chico Buarque, der berühmte Bossa-Nova-Musiker, Komponist und Romancier, springt leichtfüßig zwischen diesen verschiedenen Schichten hin und her, ohne dem Leser auch nur einmal sicheren Boden zu bieten. Mit Eulálio hat der 69-jährige Buarque im wahrsten Sinne des Wortes eine Jahrhundertfigur erschaffen. Mit „Vergossene Milch“ knüpft er an die Lebensfäden seines Protagonisten nämlich auch die Geschichte seines Landes. Kunstvoll spiegelt er die großen Umbrüche Brasiliens, von der Kolonialzeit über die Militärdiktatur bis zur Gegenwart, lässt die Gegensätze zwischen Ober- und Unterschicht, Arm und Reich, den offenen und latenten Rassismus aufblitzen. Aber er tut das subtil und mit einer ironischen Haltung auch seinem Erzähler gegenüber.

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09.10.2013 12:23

Der wächst in einem begüterten Haus auf, Aufenthalte in Europa gehören dazu ebenso wie ein distinguierter Lebensstil, aber mit Eulálio beginnt bereits der Niedergang der Familie. Als der Vater stirbt – er wird erschossen von einem politischen Gegner (so die Legende) oder einem gehörnten Ehemann (was der Wahrheit vermutlich näherkommt) –, geht es stetig bergab. Immerhin lernt Eulálio auf der Beerdigung seine große Liebe Matilde kennen. Noch 80 Jahre später beherrscht die dunkelhäutige Schönheit seine Gedanken. Eulálio als Nachkomme der weißen Kolonisatoren, Matilde als Nachfahrin afrobrasilianischer Sklaven: Selbst in seinen Erinnerungen versucht er, Matildes Hautfarbe klassenbewusst zum Verblassen zu bringen.

Konfliktbelasteter Multikuluralismus

Die Frage nach der nationalen Identität war in Brasilien über Jahrzehnte bestimmend. Was wir gerne als gelungene Form des Multikulturalismus lesen, ist bis heute konfliktbelastet. Chico Buarque hat mit Eulálio in diesem Sinne einen typischen, also zutiefst widersprüchlichen Charakter geschaffen. Dass immer wieder neue Variationen seiner Biografie aus den Erinnerungskammern auftauchen, hat nicht nur mit den Demenzerscheinungen seines Alters zu tun, sondern auch mit den Turbulenzen der Geschichte, mit Schuldgefühlen und einem inneren Widerstreit.

Matilde wird für Eulálio zum mythischen Wesen, weil sie früh aus dem gemeinsamen Leben verschwindet. Buarque erzählt all das, in der Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner, mit großer Eleganz, einem feinen Gespür für den Rhythmus der Geschichte, mit einem Sinn für die allegorische Kraft seiner Figur. „Das Gedächtnis ist ein wahres Chaos“, heißt es in diesem schmalen, absurd-komischen, zugleich düsteren Roman, „aber es ist alles da, wer bloß ein bisschen wühlt, kann in seinem Kopf alles finden. Nur darf kein Außenstehender sich einmischen, wie ein Hausmädchen, das die Papiere wegräumt, um im Arbeitszimmer Staub zu wischen.“

Chico Buarque: Vergossene Milch. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2013. 208 Seiten, 19,99 €.

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