1968 : Das große Gefühl

Seit 40 Jahre gibt es 68: Doch was ist von der Studentenbewegung geblieben? Selbstironie, sarkastische Töne und gute Laune kennzeichnen die Generation. Die Revision einer linken Geschichte.

Klaus Hartung
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Eroberung der Straße. Demonstranten in Berlin, im April 1968. -Foto: picture-alliance/dpa

Um 1968 liegt ein Vorhof von Imperativen. Etwas Unerledigtes dauert fort. Keine andere Episode der Bundesrepublik hat die Kraft, einen derart frisch gereizten Furor auszulösen. Ich kenne keinen Weggefährten von damals, der in der Siegestoga des 68er-Revolutionärs herumstolziert. Typisch sind eher Selbstironie, sarkastische Tonlage und – ja, doch! – gute Laune. Die narzisstische Mitgift von 68, die Selbstachtung, kann man dankbar eingestehen. Aber das Unerledigte interessiert hier. Was hält 68 aktuell, was löst immer noch Verurteilungszwänge aus?

Prima Klima

In den vergangenen Jahrzehnten gab es nur einen, sehr ambitionierten Versuch, sich mit der 68er- Erbschaft kritisch auseinanderzusetzen: den Kongress „Prima Klima“ 1986 in Frankfurt. Meine Erinnerung an die Vordiskussionen ist stärker als die an den Kongress selbst. Da war es wieder, das Gefühl der Teach-ins, der SDS-Debatten: die Intensität, die langen Redebeiträge.

Auf dem Kongress selbst, war der Appell zur Selbstkritik, ja doch, ein ceterum censeo. Von Anfang an gab es zwei gegenläufige Motive. Helmut Schauer beschwor das Gespenst einer zweiten Restauration: Der lange Marsch sei „nicht durch die Institutionen gegangen, er droht heute vollends in ihnen, in der brüchigen, destruktiven Normalität des Alltags zum Erliegen zu kommen“. Die Gegenposition: Die Rede vom Scheitern der 68er und vom alles erstickenden Zeitgeist der BRD sei falsch. Dem Selbstkritikappell stellte sich allein Christian Semler. Ziemlich tonlos räumte er „unverzeihliche Fehler“ ein und betonte, man habe die Demokratiebewegung in Osteuropa unterschätzt. Er war der Einzige, der Osteuropa überhaupt erwähnte.

Es war ein typischer 68er-Kongress: Die unerledigte Vergangenheit lastete wie ein Bann über ihm. Dass nur drei Jahre später das vertraute Gebäude unserer Welt zusammenbrechen und mit dem Mauerfall eine neue Zeitrechnung beginnen würde, schien kein Redner zu ahnen. Der Saal leerte sich, und übrig blieb die Frage, wer den Müll beseitigt.

Dutschkes Stimme

Alle, die heutzutage meinen, die 68er seien an allem schuld, und sich jetzt anstrengen, den Mythos endgültig auszuradieren, sind nur Epigonen der 68er. Die Selbstliquidation begann schon 1969. Die K-Gruppen stellten sich ausdrücklich gegen alles, was vorher war. Die „kleinbürgerlichen“ Studenten mit ihren „links- oder rechtsopportunistischen“ Verirrungen mussten „überwunden“ werden. Die Spaltung verschlang auch das Private, ich verlor mit einem Schlag Freunde. Die gerade noch langhaarigen Genossen kehrten im Namen des Proletariats zum Façonschnitt zurück und widmeten sich ihrer zwölfstündigen Parteiarbeit.

Welch traurige Grotesken die Linientreue hervorbringen konnte, zeigte die große Vietnamdemonstration im Januar 1973 in Bonn, zur Zeit der Tet-Offensive des Vietkong. Rudi Dutschke sollte erstmals nach dem Attentat auf ihn wieder reden. Die Demonstranten jubelten, als sie seine Stimme, die Stimme von 68, wieder hörten. Aber die K-Gruppen-Organisatoren hatten ihm das Ehrenwort abgezwungen, nicht wieder die Studentenbewegung auszurufen. Anstelle der „Sieg im Volkskrieg“-Arien warnte er vor der Möglichkeit einer Niederlage. Hinter ihm stand ein Partei-Aufpasser, der laut den Ablauf seiner Redezeit skandierte.

Ab 1969 trieb die Bewegung in die krude Alternative: Organisation oder Gewalt. Ich folgte der Aktionslinie, agierte lang, zu lang im Vorfeld des „illegalen Kampfes“. Der Wirklichkeitsverlust der Haschrebellen- oder Tupamaro-Milieus konnte dabei mit den Kaderorganisationen durchaus mithalten. Hier beginnen die schwarzen Löcher meiner Biografie. Als sich die RAF gründete, gab es auch wieder richtige und falsche Genossen. Die Richtigen lieferten Geld, Wohnungen, Pässe; die Mehrheit machte aus gesunder Skepsis nicht mit. Aber viele hatten den Boden unter den Füßen verloren. „Die Bewegung“ verarmte politisch, aus der Gesellschaft wurde das „Schweinesystem“: Die politische Sprache infantilisierte oder erstarrte im Parteikauderwelsch. Radikalere Dementis der antiautoritären Lust an der Kritik sind kaum denkbar.

Problematisch ist dabei, dass der radikal-obsessive Bruch unbegriffene Kontinuitäten erleichterte. Tradiert wurden gleichwohl Solidaritätszwang, Feindbilder, Opferkult, Ausblendung der Mehrheitsgesellschaft und die Neigung, den Minderheitenstatus zu verewigen. Unerschütterlich auch die Links/Rechts-Trennung, verbunden mit der Überzeugung, links seien die besseren Menschen.

Ironie der Geschichte: Während in den Metropolen Berlin, Frankfurt und Hamburg die Linienkämpfe tobten, eroberte 68 die Provinz. Der Impuls der antiautoritären Bewegung zersetzte den Obrigkeitsstaat; die lebensreformerische Tendenz und ihre Institutionen, die WGs, Kinderläden und Stadtteilgruppen pflanzten sich ungebrochen fort. Als die alte Bundesrepublik zu Ende ging, erkannte die westdeutsche Linke, dass es immer ihre Republik gewesen war, die nun vergoldet in der Abendsonne aufleuchtete.

Geschichte geht voran

Die Datierungsfrage ist keine Pedanterie: „68“ war 67. Bis dahin hatte links von der SPD das politische Nichts gelegen, der SDS besetzte diese Stelle. 1967 war noch alles zusammen: Die große Welle des Aufbegehrens, die Auseinandersetzung auf der Straße, Teilhabe an den weltweiten Protestbewegungen, neue Lebensformen. Auch die Gewaltfrage war präsent. Aber es ging noch um „Gegengewalt“, und das wurde auch so verstanden. Der 2. Juni und der Tod von Benno Ohnesorg waren der große Schock. Nie wieder hat es soviel Kritik, Aufklärung und gemeinsame intellektuelle Anstrengung gegeben wie nach diesem Schock. Aus der antiautoritären Bewegung war unversehens eine politische Kraft geworden.

68 selbst war ein Jahr des Übergangs. Der internationale Vietnamkongress gab das Gefühl eines globalen Zusammenhangs.Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April provozierte den Angriff auf die Springerzentrale. Die Osterunruhen wurden als emanzipatorische Gewalterfahrung gefeiert. Die SDS-Parole „Vom Protest zum Widerstand“ mobilisierte die Provinz. Der Zulauf der „revolutionären“ Lehrlinge und jungen Arbeiter wurde bejubelt, nun zählten allein die „Etappen“ des Kampfes. Im November wurden bei der „Schlacht am Tegeler Weg“ mehr Polizisten als Demonstranten verletzt. Die „Etappen“-Philosophie verlangte, das „Militanz-Niveau“ festzuhalten. Hellmut Gollwitzer riskierte viel, als er die Trennung von „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ vorschlug. Die Angst war größer, dass die Chance, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, durch ein Innehalten vertan werde. Das große Gefühl war verflogen, die privaten Tragödien begannen.

Ohnmacht und Allmacht

Wir waren weder als narzisstische Egomanen determiniert, den Totalitarismus unserer Väter zu wiederholen, noch können wir uns vom bitteren Nachher distanzieren. Es waren die Erfahrungen von 67 selbst, das exzentrische Glück, die unverhoffte Möglichkeit einer besseren Welt, die uns überwältigt hat. Selbst die Gewalt hatte etwas zu tun mit dem gewalttätigen Festhalten an dem einzigartigen Gefühl, dass sich der Horizont öffnet. Dass es oft die besten Motive sind, die am schrecklichsten pervertieren können, dass vor allem aus dem Guten das Böse entspringt, ist noch heute schwer akzeptierbar. Selbstkritik muss beides zusammen sehen, die große Erfahrung und ihre bestürzenden Verwandlungen.

Das große Gefühl: Nein, kein Hedonismus. Die Männer erstrahlten in juveniler Virilität, aber die Frauen entdeckten schnell, dass sie in Wahrheit grüne Jungs waren. Die legendäre Kommune 1 war nicht hedonistisch, sondern leistungsorientiert. Genial, wie sie begriff, dass sie Projektionsfläche für die unruhige Jugend war, und damit politisch spielte.

Das große Gefühl war etwas anderes. Richtig ermessen kann es nur, wer den Gefühlsabsturz danach erlebt hat. Bis zum 2. Juni 67 waren unser Lebensgefühl und unsere zeitgeschichtliche Analyse ziemlich identisch: Als radikale Opposition hatten wir keine Chance. Die „Spiegel“-Affäre, die geplanten Notstandsgesetze, die Große Koalition, der erste Tote: Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Und dann begann die Welt, sich um uns zu drehen. Plötzlich waren wir es, die die Politik zu Reaktionen zwang. Die Wende von der Ohnmacht zur Allmacht: Wir konnten tatsächlich unsere eigene Geschichte schreiben. Das Gefühl verstärkte sich, als die enthusiastische Erfahrung sexueller Befreiung hinzukam. Kein Wunder, dass unsere Augen blitzten.

Der große Zusammenhang

Eine Doppelhelix der sich gegenseitig steigernden Revolutionserwartung bannte uns. Die Revolte in der ganzen westlichen Welt. Die Kulturrevolution. Dutschke proklamierte, Che sei aufgebrochen in den Urwald. Und wohin brechen wir auf? Wir waren frei vom Sog der Nazi-Vergangenheit, wir gehörten der Welt. Der „Viva Maria“-Film lehrte, dass die Inszenierung der Revolution die Revolution macht. Der revolutionäre „Prozess“ ging auch in die Tiefen der Kindheit. Es galt, die „autoritäre Persönlichkeit“ zu zerstören. Es war ein Trip. Die Realität zerschlug diesen großen Zusammenhang. Wir revidierten ihn nicht wirklich, sondern trugen eine Verlusterfahrung weiter. Vielleicht gab es eine Scham über den Abflug in den Trip.

Der große Erfolg

Apologien sind langweilig. Die Erfolge von 68 liegen irgendwo zwischen dem Satz „Die 68er sind an allem schuld“ und der These, dass 68 nur eine Randerscheinung eines gesellschaftlichen Umbruchs war. Dass unsere Kinder freilich mit einem Gefühl politischer Impotenz studieren, wenn sie an 68 denken, kann nicht froh stimmen.

Ohne Freude am Paradox ist eine ernsthafte Beschäftigung mit 68 allerdings kaum denkbar. Die List der Geschichte war mindestens so mächtig wie die Revolte: 68 scheiterte an dem, was es wollte, und war erfolgreich mit dem, was es nicht wollte. Wir bekämpften die repräsentative Demokratie und ernteten eine gestärkte repräsentative Demokratie. Wir bekämpften den Staatsapparat und bekamen eine liberale Staatsgewalt. Die obrigkeitshörige Beamtenschaft und der Untertanengeist verschwanden. Die Revolte strapazierte – und vitalisierte die formale Demokratie. Mithin ist die Rede von 68 als zweiter Gründung der Republik nicht ganz falsch, es ereignete sich so etwas wie eine nachholende Jugendzeit der Republik. Und Deutschland erlangte nebenbei eine europäische Normalität.

Natürlich sind da auch lineare Erfolgsgeschichten wie die Frauenbewegung oder die Veränderung der Kindererziehung, die mit den Kinderläden begann. Die größten Wirkungen von 68 finden sich bei Verhaltensnormen, Lebensformen, Bildung und Sozialpolitik. Hier entstand ein mixtum compositum aus alternativer Kultur und Sozialstaat. Der Staat sollte Kreativität freisetzen, jugendliche Delinquenten nur therapieren und Einzelfallgerechtigkeit herstellen; Ausländer retteten uns vor dem Deutschsein; Eltern versagten nicht, sondern brauchten finanzielle Zuwendungen, Schulschwänzen war keine Frage der Disziplin, sondern der Therapie. Ein unübersehbarer Teppich von Initiativen, Beratungen, Kommissionen, Forschungen breitete sich aus. Gegen den damit verbundenen Freiheitsverlust und die zunehmende Macht der Sozialbürokratie gab es kaum Proteste. So kann man streiten, ob die Linke größere Probleme mit dem unerledigten 68 oder mit ihren Erfolgen danach hat.

Das große Scheitern

Generationenverantwortung – kann es so etwas geben? Vielleicht hätten Spott und Hohn über die Grand-Guignol-Performance des bewaffneten Kampfes Schlimmeres verhindert. Ich deutete damals in der Untergrundzeitschrift „883“ verklausuliert an, die Baader-Befreiung sei nicht gerade der optimale Einstieg in den illegalen Kampf. Klartext hätte bedeutet, der Artikel wird nicht gedruckt. Hatte ich Angst, als Verräter verjagt zu werden, und zog die Selbstzensur vor? Ist das eine Frage der Schuld oder der Selbsterkenntnis?

Die bleierne Zeit habe ich verpasst. Als ich im Irrenhaus in Italien arbeitete, standen die Patienten Schlange für Psychopharmaka. Gleichzeitig zeigte das Fernsehen Schleyers Staatsbegräbnis mit Trauermarsch. Ich rief in Berlin an, ob ich kommen solle. Solidarität! Nein, hieß es, bleib’, wir kommen! Als die „taz“ den offenen Brief der Braunmühl-Brüder an den Mörder ihres Vaters abdruckte, trat die Bonner Redaktion in Streik. 1985! Der langanhaltende Solidaritätszwang.

Was fingen wir andererseits mit den Chancen an, die sich durch die Amnestie der sozialliberalen Koalition eröffneten? Ich kann mich an keine einzige Debatte erinnern, bei der – wenigstens theoretisch! – die ausgestreckte Hand prüfend berührt wurde. Als dann die Regierung Brandt in die Defensive geriet und „Berufsverbote“ erteilt wurden, gingen die wieder verloren, die vorher durch die Amnestie gewonnen werden konnten. Ein historischer Moment, von beiden Seiten verspielt. So blieb das kritische Potenzial draußen, auch die SPD verlor eine ganze Generation. Es begann der lange Weg zur Gründung der Grünen, es begann die Erfolgsgeschichte der 68er bei der Umgestaltung der Gesellschaft.

Verblasst damit langsam die Generationsverantwortung? Ich glaube, es hatte Folgen, dass 68 zwar ständig negiert oder „überwunden“, aber nie politisch beendet wurde. So entfalteten wir unser Gutmenschenparadies. Privat lästerten wir über die verbrauchte Luft und die sprachlichen Verrenkungen. Aber in diesem alternativen Milieu lebten wir auch ganz gern, in der die Generationen sich duzten. Es versprach uns andauernde Jugend und die Vermeidung der Realitätsprüfungen des Erwachsenseins.

Es ist also nicht verwunderlich, dass nach 68 keine neue Generation politischer Intellektueller angetreten ist. Noch immer bewachen die greisen Überlebenden der Gruppe 47 die Schützengräben der Political Correctness. Im Unterschied zu Frankreich, wo nach dem Pariser Mai André Glucksmann und andere einen Generationswechsel unter den Mandarinen durchsetzten, bestimmten in Deutschland nie die 68er die großen Debatten der Nation. Denn wo waren die intellektuellen Dissidenten unter den Maoisten, die die Verbrechen der Kulturrevolution und des Stalinismus auf die Tagesordnung setzten? Waren nicht die boat people unsere Sache – zu schweigen von Pol Pot und den killing fields? Die Kap Anamur entlastet da nicht. Warum suchten wir nicht den öffentlichen Streit? Etwa wieder die alte Angst vor dem falschen Beifall?

Nun hat sich der Zeitgeist gewendet. Es ist unser Schleier, der zerreißt, unsere Werte schlagen ins Gegenteil um. Die Kids sagen jetzt „Du Opfer!“, wenn sie Blödmann meinen. Das ist das Ende unserer Opferkultur. Wir spüren, dass die soziale Kälte nicht von den Neoliberalen, sondern aus dem Herzen des Sozialen kommt. Unsere multikulturelle Toleranz lief zumeist auf Nichtwissen und Indifferenz hinaus. Und als die Mauer fiel, erkannten wir in den Bürgerrechtlern von 1989 zwar unseresgleichen wieder. Aber wir verübelten, dass sie unsere Welt zerstörten. Das gemeinsame Interesse wäre es gewesen, das große Thema der Wiedervereinigung zu debattieren: das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit.

Das unheilige Paar

Gewiss, die Geschichte ist geschehen. Dazu, dass es sich in Deutschland gut lebt, dass ein stabiles, pragmatisches, konsensorientiertes und außerordentlich demokratisches Land entstanden ist, haben wir viel beigetragen. Und für Revisionen unserer Geschichte ist es nicht zu spät. Diese Mühe erlaubt es dann auch, die schöne Seite dieser Zeit unverstellt zu erkennen.

Wie nervtötend ist es, dass die erinnerungsgeilen Medien immer wieder das schreckliche Paar Andreas Baader/ Uschi Obermaier aufrufen? Natürlich, Sex & Crime, das geht. Wir, die wir unsere Sache nicht erledigt haben, dürfen uns ärgern. Aber protestieren? An der Entsublimierung von Sexualität und Gewalt waren wir nicht ganz unschuldig.

Klaus Hartung war in den Sechzigern im SDS und später Redakteur bei der „taz“ und der „Zeit“. Eine ausführliche Version seines Essays erscheint im Mai in „Die Revolte. Themen und Motive der Studentenbewegung“, „Ästhetik und Kommunikation“, Heft 140/41

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