• 20 Jahre Reichstagsverhüllung: Interview mit Christo: "Ein Teil des Kunstwerks waren die Menschen"

20 Jahre Reichstagsverhüllung: Interview mit Christo : "Ein Teil des Kunstwerks waren die Menschen"

Vor genau 20 Jahren wurde der verhüllte Reichstag mit fünf Millionen Besuchern zu einem gefeierten Symbol für das vereinte Berlin. Hier erzählt Christo, wie er 24 Jahre für sein Projekt kämpfte.

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Foto: Wolfgang Volz/laif
Juni 1995, Christo verhüllt den Reichstag. Der Künstler, heute 80 Jahre alt, trat über Jahrzehnte mit seiner Ehefrau Jeanne-Claude...Foto: Wolfgang Volz/laif

Christo, schön, Sie wieder zu treffen.
Ah ich sehe, Sie sind eine Veteranin, ich erkenne diesen Arbeitsausweis wieder. Sie haben für mich beim Verhüllten Reichstag als Monitor gearbeitet.

Ich habe als einer von 1200 Helfern Nachtschichten geschoben und Stoffschnipsel verteilt.
Und das T-Shirt haben Sie auch dabei, geben Sie her, ich signiere es – oh, das habe ich schon getan.

Können Sie schätzen, wie viele Unterschriften Sie damals in den zwei Wochen geleistet haben?
Ich weiß, dass wir allein für eine Aktion des Tagesspiegels einen Sonderdruck Ihrer Zeitung signiert haben. Das waren 23 000 Unterschriften für die Leute, die da kamen. Jeanne-Claude und ich haben um fünf Uhr morgens begonnen und bis mittags signiert.

Sie haben die Stadt verändert. Berlin, ja ganz Deutschland, sei nach diesen zwei Wochen im Juli 1995 nicht mehr dasselbe, schrieben die internationalen Zeitungen: die Deutschen entspannt und gelassen, offen und gemeinschaftlich, eine Art Sommermärchen.
Also ich denke nicht, dass ich die Deutschen verändert habe. Aber wir wissen tatsächlich vorher nie, wie sich ein Projekt entwickelt, wenn es so groß und komplex ist. Und wie die Leute das annehmen werden. Schauen Sie, bei „The Umbrellas“ …

… das waren 1991 diese Schirme an der kalifornischen und der japanischen Küste …
… da haben die Japaner ihre Schuhe ausgezogen, wenn sie die Fläche unter den Schirmen betraten, weil sie sich gefühlt haben wie in einem Haus. Und Japaner ziehen im Haus nun einmal die Schuhe aus.

Das heißt, sie benahmen sich wie immer. Die Deutschen zeigten sich aber von einer eher atypischen Seite: Zu allen Tages- und Nachtzeiten lagerten Picknick-Gruppen um den Verhüllten Reichstag. So hatte die Welt Deutschland noch nicht gesehen. Und die Berliner sich selbst wohl auch nicht. Es war ein gemeinsames Fest aller Berliner.
Das war vielleicht der Effekt, aber nicht unser Ziel. Ich will jetzt nicht den Begriff Schönheit verwenden, denn Schönheit ist banal. Aber uns ging es vor allem darum, einen großartigen, visuellen Effekt zu erzielen. Es sollte etwas Überwältigendes, Fremdartiges sein, das durch seine physische Präsenz wirkt. Uns beschäftigten Proportion, Bewegung, Lichtreflexion.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb damals, „Nirgendwo wird Ästhetik so zum Ereignis“. Würden Sie im Rückblick sagen, dass die Menschen, die sich damals um den Reichstag herum versammelten, Teil der Kunst waren?
Natürlich, 100 000 Quadratmeter Stoff sind ja noch kein Kunstwerk. Das Werk ist ja nicht das Gewebe, die Taue, das ist auch der Himmel, die anderen Gebäude.

Sie haben 24 Jahre gebraucht, um den Verhüllten Reichstag zu realisieren.
Ja, und viele denken, wir haben in dieser Zeit Däumchen gedreht. Aber das Reichstagsprojekt wurde drei Mal offiziell abgelehnt.

Stimmt es, dass auch die Sowjets ihre Erlaubnis geben mussten, solange der Viermächtestatus für Berlin galt?
Sie mussten angehört werden. Der Reichstag lag im britischen Sektor, aber 30 Meter von der Fassade entfernt begann technisch gesehen die sowjetische Zuständigkeit. Als unser Projekt 1981 das zweite Mal vom Bundestag abgelehnt wurde, erschien in der russischen „Prawda“ ein Artikel, der das Reichstagsprojekt als irrelevante, kapitalistische Kunst beschrieb.

Das sah Helmut Kohl später sehr ähnlich. Von ihm stammt laut „Spiegel“ die Aussage, er wisse zwischen Kunst und einer PR-Aktion zu unterscheiden.
Wir haben vor der letzten Abstimmung im Bundestag mit hunderten Abgeordneten persönliche Gespräche von je einer halben Stunde geführt, um sie von dem Projekt zu überzeugen. Und Helmut Kohl war einer der größten Gegner, er hatte eine namentliche Abstimmung angeordnet, um kontrollieren zu können, wer aus der Reihe tanzt.

In der Plenarsitzung wurde am 25. Februar 1994 70 Minuten über das Kunstwerk debattiert. Das Abstimmungsergebnis lautete: 292 dafür, 223 dagegen, 9 Stimmenthaltungen.
Rita Süßmuth, die damalige Bundestagspräsidentin, war vorher sehr pessimistisch. Sie hatte ausgerechnet, dass wir keine Chance auf genug Stimmen hatten. Aber ich versuchte, eine optimistische Haltung zu bewahren. Das tue ich immer. Am Abend vorher bereitete ich eine Präsentation von „Over the River“ vor, zwei großen Studien zur Überspannung eines Flusses in Colorado, die man nach unserer Niederlage enthüllen würde. Ich würde damit demonstrieren, was schert mich Berlin, ich habe doch noch andere Ziele. Nun, wie Sie wissen, kam alles ganz anders.

Was genau hat Sie denn an Berlin geschert, dass Sie all das auf sich genommen haben?
Nirgendwo sonst standen sich Ost und West so dicht gegenüber. Die Stadt war geteilt, aber mit vier Mächten – und der Reichstag genau in der Mitte. 1995 war der Reichstag aber kein Ort der Konfrontation mehr, auf der Wiese vor dem Gebäude kamen Ost- und West-Berliner in der vereinten Stadt zusammen. Und so gelang die Realisierung genau zum richtigen Zeitpunkt! Bis 1989 wären wir mit dem Projekt bloß eine Fußnote des Kalten Krieges geworden.

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