"A Most Violent Year" von J. C. Chandor : Wo die Gewalt wohnt

Die Gier, die Moral, die Heizöl-Mafia: J. C. Chandors „A Most Violent Year“ spielt Anfang der Achtziger. Nie wieder war die Kriminalitätsrate in New York so hoch. Kann da einer zu Geld kommen und dabei sauber bleiben?

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Abel Morales (Oscar Isaac) und seine Frau Anna (Jessica Chastain) in einer Szene des Films "A Most Violent Year".
Abel Morales (Oscar Isaac) und seine Frau Anna (Jessica Chastain) in einer Szene des Films "A Most Violent Year".Foto: SquareOne/Universum/dpa

Hand aufs Herz: Noch nie faule Kompromisse gemacht, wegen der Karriere, der Familie, der Kinder? Noch nie Ungerechtigkeiten in Kauf genommen, um des eigenen Vorteils willen? Niemals in Gelddingen geschummelt, es mit der Moral nicht ganz so genau genommen?

Wer all diese Fragen reinen Gewissens abwehren kann, wer im Leben immer sauber und integer geblieben ist, der wird mit „A Most Violent Year“ vermutlich wenig anzufangen wissen. Alle anderen dürften sich wiederfinden. In Abel Morales (was für ein Name!), dem aufstrebenden New Yorker Sohn kolumbianischer Einwanderer (Oscar Isaac), der seine Heizölfirma nach vorne bringen will, ohne zum Mobster zu werden. All sein Geld steckt er in die Anzahlung auf ein Fabrikgelände am East River; mit dem Zugang zum Wasserweg könnte er zur Nummer eins im Heizölgeschäft aufsteigen. Vier Wochen hat er Zeit, um die Restsumme aufzutreiben: 1,5 Millionen Dollar.

Schöne neureiche Welt. Die Firma hat Abel von seinem Schwiegervater übernommen, einem Mafia-Boss. Aber Abel will legal bleiben, unbedingt. Er ahnt nicht, dass seine schöne Frau Anna (Jessica Chastain im schneeweißen, eng gegürteten Maxi-Mantel, sie war die Heldin in "Zero Dark Thirty") die Bücher frisiert. Als das Paar einen Hirsch anfährt, ist sie es, die das Tier kurzerhand erschießt.

New York im Würgegriff des Verbrechens

Es ist ein hartes Geschäft. Winter 1981, laut Statistik das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate in New York City, nie wieder war die Stadt derart im Würgegriff des Verbrechens. Eine kalte Sonne steht über der Stadt, das Licht ist trüb, die Luft eisig. Abel joggt durch die Suburbs, kein schickes Viertel. Eher was für Emporkömmlinge, für Menschen, die keine Angst haben, sich die Finger schmutzig zu machen. Abels Mantel ist zu dünn für die Jahreszeit, er passt auch sonst nicht recht in sein Outfit. Reich sein, Boss sein, er übt noch. Das Haus, das er mit Frau und Kindern bezieht, nimmt sich aus wie ein Ufo, ein irgendwie unwirklicher Traum – vor dem ausgerechnet am Kindergeburtstag die Polizei mit Durchsuchungsbefehl auftaucht. Abel hat viele Probleme. Der Gewerkschafter seiner Firma will die Fahrer bewaffnen, denn die Konkurrenz überfällt die Tankwagen inzwischen am helllichten Tag, stiehlt das Öl, schlägt die Fahrer übel zusammen. Aber Abel bleibt stur, Waffen kommen ihm nicht ins Haus, bei aller Sorge um die Mitarbeiter. Auch dann nicht, als die kleine Tochter eine geladene Pistole im Vorgarten findet? Und warum lächeln die anderen so freundlich, der italienische Heizölmagnat beim Friseur, die jüdischen Grundstückbesitzer beim Deal um das Gelände am Fluss? Warum ermittelt der Staatsanwalt (David Oyelowo) gegen ihn? Und wer finanziert Abel seinen Kredit, als die Bank abspringt?

Jenseits der Moral

Drüben im Dunst liegt die Skyline Manhattans. Am Anfang glaubt man, für einen Moment das World Trade Center zu erblicken. Aus der Ferne schaut Abel auf jene Hochhäuser, in denen „Margin Call“ spielt, J. C. Chandors Film über die Finanzkrise. Darin retten Broker die eigenen Millionen, indem sie über Nacht faule Wertpapiere abstoßen und damit die Finanzwelt in den Abgrund reißen. Auch ein Film über die Gier, der beste zum Crash 2008.

Die Helden von „Margin Call“ waren Männer ohne Skrupel, sie handelten jenseits jeglicher Moral. Abel hat die Grenze noch nicht überschritten. Aber auch diesmal geht es Chandor weniger um Psychologie als um die dem Kapitalismus innewohnende Gewalt, um ein archaisches System (von Orgelmusik untermalt, so biblisch wie Abels Name), das dem Helden keine Wahl lässt. War er je nicht korrupt? Wie fremdgesteuert ist der Selfmade-Mann, wie sehr bestimmt einen das liebe Geld? Wer will das schon so genau wissen.

Die Mafia, das wird allmählich klar, toleriert ihn nur so lange, wie er nicht zu mächtig wird. Anna weiß mehr, will mehr als ihr Mann, auch davor kann Abel kaum noch die Augen verschließen. Er will sauber bleiben? Er war es nie, will aber partout die brutale Realität ignorieren, deren Akteur er längst ist. Die neuesten New-York-Morde in den Radionachrichten, die Verfolgungsjagd über verrottetes Fabrik- und Bahngelände nach den Öldieben, die Schuld, die Abel auf sich lädt, die noch bei gleißendem Schnee verdüsterten Bilder – die Gewalt lauert überall. J.C. Chandor ("All Is Lost") ist ein Meister der kaum greifbaren, aber omnipräsenten Bedrohung.

Beim Joggen hält Abel sich keuchend fit, so lernt der Zuschauer ihn kennen. Als Mann der Tat wie als Getriebenen, als einen, der ganz nach oben will und doch nur außer Atem gerät. Es sind die anderen, die das Heft in der Hand halten, diejenigen, die Abel nun um Wucherkredite anbetteln muss. Etwa den smarten, superreichen Peter (Alessandro Nivola), der in seinem Neubau-Bunker auf einem gigantischen Indoor-Tennisplatz Bälle übers Netz feuert. Ein irrwitzigere Innenarchitektur der Macht hat man im Kino selten gesehen.

In 11 Berliner Kinos. OV: Cinestar Potsdamer Platz, OmU: FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon

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