• Abschluss der Frankfurter Buchmesse 2014: Alles so schön durchgängig hier - warum bloß?

Abschluss der Frankfurter Buchmesse 2014 : Alles so schön durchgängig hier - warum bloß?

Die Stimmung bei den Verlagen ist in jeder Hinsicht gut. Seltsamerweise könnte bei all dieser demonstrativen Gelassenheit ausgerechnet die Frankfurter Buchmesse selbst zu einem Problemkind werden.

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Alles so schön durchgängig? Am Publikumstag sicher nicht mehr.
Alles so schön durchgängig? Am Publikumstag sicher nicht mehr.Foto: dpa

Wer sich nach einem langen Buchmessetag ein weiteres Mal versichern will, dass es der Buchbranche nicht wirklich schlecht geht, ihr es vermutlich nie wirklich schlecht gehen wird, muss zum Empfang der Droemer Knaur Verlagsgruppe in den Frankfurter Hof gehen. Wie so viele Verlagsempfänge hat auch dieser eine gewisse Tradition. Und wie stets hält hier Droemer-Verlagsleiter Hans-Peter Übleis zu Beginn eine kleine Ansprache, in der er, ebenfalls wie stets!, Optimismus verbreitet und die anwesenden Autoren und Autorinnen seines Verlags und deren aktuellen Bücher vorstellt. 

„Unsere Branche ist die beste, die es gibt“, sagt er dieses Mal. Das Buch zeichne sich durch seine „Unverwundbarkeit, Unkaputtbarkeit“ aus und die Branche sei wie eine große „Wundertüte“. Deren Inhalt: Buchhandlungen, die Verlage, die angeschlossenen Medien, die Literaturkritik insbesondere, und natürlich: die Autoren. „Alle Räder stehen still, wenn der kreative Geist nicht will“, wortflügelt Übleis noch, bevor er den kreativen Geist des Verlages vorstellt, der die vielen Erfolgsbücher durchzieht.

Von ihrem Stoff her spiegeln sie größtenteils exakt das, was die Gesellschaft bewegt: Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ oder Markus Morgenroths „Sie kennen dich! Sie haben Dich! Sie steuern dich!; Susanne Schädlichs Roman „Herr Hübner und die sibirische Nachtigall“ über zwei Menschen, die nach dem Krieg in Bautzen und im Gulag landen. Oder „Ich bin Malala“, die Autobiografie der frischgebackenen pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai

Frankfurter Buchmesse: Gute Stimmung auch bei C.H. Beck und Kiepenheuer & Witsch

Ja, die Droemer Knaur Verlagsgruppe ist ein höchst erfolgreicher, dem großen Publikum zugewandter Gemischtbuchladen. Hier finden sich die Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr, die Mystery-Fantasy-Bücher von Tanja Kinkel und Markus Heitz, der Populärmedizin-Schmus von Werner Bartens („Wie Berührung hilft: Warum Frauen Wärmflaschen lieben und Männer mehr Tee trinken sollten“). Und da sitzt an diesem Abend auch der Deutsch-Rapper MC Fitti gut gelaunt und mit langem Vollbart zusammen mit seiner Posse in den Feierräumen 11-15 des Frankfurter Hofs und signiert sein Buch „Aus meinem Auspuff kommt Konfetti“, auf dass die Medien-und Literaturbetriebsmenschen damit ihren halbwüchsigen Kindern eine Freude machen können.

Die Stimmung bei Droemer ist also in jeder Hinsicht gut und ungezwungen. Aber nicht nur hier. Beim Empfang des C.H. Beck Verlags im Hessischen Hof geht es ungleich gediegener, gesetzter als bei Droemer zu, doch dieses Mal sind so viele Leute wie nie gekommen. Das erinnert gerade in den beiden hinteren Räumen an das Gedränge auf einem Popkonzert. Ein hoher Druck liegt auf dieser Veranstaltung, vermutlich weil an diesem Abend Thomas Pikettys Buch über „das Kapital im 21. Jahrhundert“ vorgestellt wird: ein Hype. Und womöglich das ultimative Wirtschaftsbuch der vergangenen Jahre. (Was nach Hype und erster Begeisterung schon wieder bezweifelt wird). Und bevor Piketty und sein Moderator beginnen, übergibt Verleger Hans Dieter Beck in Vertretung seines erkrankten Bruders Wolfgang Beck schnell noch den Staffelstab an die jüngere Generation, den Wolfgang-Beck-Sohn Jonathan. Und sorgt sich auch sonst nicht um den Verlag: „Den digitalen Medienwandel sind wir gut angegangen, den haben wir fast schon im Griff.“ 

Bilder von der Frankfurter Buchmesse 2014
Jaron Lanier bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.Weitere Bilder anzeigen
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13.10.2014 11:47Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In diesem Jahr ging er an...

Einen Abend zuvor hatte auch Joachim Unseld erklärt, dass es für seine kleine, feine Frankfurter Verlagsanstalt vergleichsweise super laufe: „Alle meine drei Herbsttitel sind in der Messebeilage im ,Spiegel‘, Touissant, Haratischwili, Kirchhoff, das gab es noch nie!“. Und am Stand von Kiepenheuer &Witsch sitzt am Samstagvormittag Verlagsleiter Helge Malchow, verweist auf aktuelle Dauerbestsellerbrenner wie Dave Eggers „Der Circle“ oder Volker Weidermanns Zweig-Roth-Buch „Ostende 1936“ und sagt: „Das passt schon“. Selbst dass Thomas Hettche mit seinem Roman „Pfaueninsel“ wieder einmal knapp am Gewinn des Deutschen Buchpreises vorbeigeschrammt ist, sieht man bei Kiepenheuer & Witsch entspannt: Ein Bestseller ist Hettches Roman trotzdem geworden, 40.000 sind verkauft, und das Weihnachtsgeschäft kommt auch noch. 

Der Markt entwickelt sich gemächlich

Es scheint, als seien Gelassenheit, Ruhe und Optimismus erste Verlegerpflichten. Tatsächlich entwickelt sich der Markt gerade auch bezüglich der E-Books weiterhin gemächlich, nicht explosiv. In Deutschland liebt man gedruckte Bücher einfach, da hat kaum einer Eile, die zu ersetzen. Dazu passt, dass sich das Geschäft für den stationären Buchhandel wieder erholt hat. Nach einem schwachen ersten Halbjahr liegt man dort im Moment nur noch ein Prozent unter dem Umsatz des Vorjahres - und das eben wegen Weihnachten umsatzstärkste Quartal kommt erst noch. In der Branche ist einerseits der digitale Wandel allerorts zu spüren - andererseits gibt es die Zeit, um viel auszuprobieren. Die Verlage versuchen eigene E-Book-Vermietungsmodelle (von wegen Kindle Unlimited!), starten E-Book-Single-Editionen (von wegen Kindle Singles!), betreiben Direktmarketing oder richten Selfpublishing-Plattformen ein (wie zum Beispiel de Gruyter und Droemer). 

Natürlich gibt es da die Bedrohung durch Amazon, dessen Monopolstreben. Das Problem, ohne den Online-Buchhändler nicht zu können, andererseits sich im Amazon-Würgegriff zu befinden. Doch die „apokalyptischen Reiter“, als die ein Peter Licht Amazon, Google, Facebook und Co in seinem Buch „Lob der Realität“ bezeichnet, haben in der Buchbranche bei weitem nicht so verheerend gewütet wie in der Musikbranche, zumindest bislang nicht. „Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses“ hat sich Licht einmal gewünscht - mit den Kindles, Tolinos oder iPads möchte das sicher niemand tun. Die entlasten manche Bibliothek durchaus zum Vorteil, mit beispielsweise den Werkausgaben von Ken Follett, Stephen King oder Paulo Coelho.    

Alles so schön durchlässig und durchgängig hier

Seltsamerweise könnte bei all dieser demonstrativen Gelassenheit ausgerechnet die Buchmesse selbst zu einem Problemkind werden. Zumindest hatte es in den ersten drei Messetagen den Anschein, als wären viel weniger Menschen als sonst durch die Hallen getingelt, als wäre weniger sogenanntes Fachpublikum als sonst da gewesen. Alles so schön durchlässig und durchgängig hier - warum bloß?, fragte man sich auf mancher, natürlich supervollen, Verlagsparty. Und dass trotz Helmut Kohls gespenstischem Auftritt. Trotz des schön ruhigen, kühlen Finnlandpavillons. Trotz Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die mit „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ ihr erstes explizit autobiografisches Buch vorstellte.

Trotz eines Reinhold Messners, der unentwegt empfahl, sich für sein Buch „Über Leben“ Zeit zu nehmen. Das könne man nicht einfach so weglesen, dafür sei das viel zu schwer, so Messner. Und trotz eines Akif Pirincci, der seine noch gar nicht fertige Schmähschrift  „Die Verschwulung der Gesellschaft“ vorstellte. In deren Zentrum: eine Abrechnung mit der Verweiblichung der Gesellschaft, mit dem Feminismus. Wie dumm und schrecklich das alles ist, muss hier nicht weiter erörtert werden. Nur dass sich auch bei Piriniccis Auftritt die Aufregung in Grenzen hielt (lohnt sowieso nicht), gerade im Vergleich mit Thilo Sarrazins Erscheinen seinerzeit.  

Nein, diese 66. Ausgabe der Frankfurter Buchmesse war eine ruhige, unspektakuläre. Business as usual war angesagt - und angesichts des großen Strukturwandels der Branche wegen der Digitalisierung lässt sich das als ausschließlich gutes Zeichen verstehen.

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