Ahmed Adnan Sayguns Oratorium „Yunus Emre“ : Sufimystik mit Pariser Farben

Im Konzerthaus führt die Berliner Cappella Ahmed Adnan Sayguns Oratorium „Yunus Emre“ auf. Ein Brückenschlag zwischen Orient und Okzident.

Tomasz Kurianowicz
Der Berliner Cappella Chor.
Der Berliner Cappella Chor.Foto: Berliner Cappella

„Verlassen sind Sommerhügel, die Feuerstellen sind leer und kalt.“ So düster beginnt das Oratorium „Yunus Emre“ des wichtigsten türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun (1907–1991) im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Zuvor hat noch der Musikwissenschaftler Emre Araci im Gespräch mit Kerstin Behnke, der Dirigentin des Berliner Cappella-Chores und der Kammersymphonie, in das Werk eingeleitet, das sich auf Verse des türkischen Mystikers Yunus Emre bezieht. Der Philosoph, im 13. Jahrhundert geboren, wollte mit dem Stück den islamischen Sufismus verteidigen und seine Zuhörer stärken im Kampf gegen innere Feinde: also gegen Selbstsucht, Eitelkeit, Ehrgeiz und Unglaube.

Schon der erste Teil des Oratoriums, das ganz klassisch auf Rezitativen, Arien und Chorälen aufbaut, legt dar, was der Türke vorhatte: eine Verschränkung der okzidentalen und orientalischen Tonkunst, ein Brückenschlagen zwischen Christentum und Islam im Geiste Atatürks. Der Chor singt das Werk in der Originalsprache. Das gelingt in derart feiner Diktion, dass die lyrische Kraft zum Ausdruck kommt. Der Komponist Saygun hat in Paris studiert. Der europäische Einfluss ist deutlich zu spüren, was daran erinnert, dass sich die Türkei am Anfang des 20. Jahrhunderts noch dem Westen annähern wollte. Im Grunde könnte das Werk auch von Brahms stammen, wären da nicht chromatische Brechungen und eruptive, von einer spirituellen Melancholie zeugende Flötensoli im Mittelteil.

Das Ensemble zeigt Höchstleistung. Auch die Solisten überzeugen mit Ausdruck und bringen das Oratorium zum Glühen – allen voran Sopranistin Ilkin Alpay und Tenor Kerem Kürkcüoglu. Das Finale ist zugleich der Höhepunkt des Abends: Plötzlich verschwinden die pessimistischen Töne und werden abgelöst von Hoffnungsschimmern in Dur, was auch der Text unterstreicht: „Zerstörtes Herz ist Lichtes voll, davon getragen sei’n alle Dunkel!“ Es liegt nahe, diesen Satz im Lichte der türkisch-europäischen Beziehungen zu betrachten. Wie überhaupt die ganze Aufführung, die bewusst in der Nähe des evangelischen Kirchentages stattfindet: Sie ist eine Erinnerung daran, dass es sie gibt, die Brücken zwischen Orient und Okzident. Man muss sie nur gehen.

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