Amanda Vaill: Roman "Hotel Florida" : Die Wahrheit oder so was

In ihrem Roman „Hotel Florida“ berichtet Amanda Vaill von den literarischen Verstrickungen im Spanischen Bürgerkrieg.

Erhard Schütz
Kampfgefährten. Ernest Hemingway (Mitte) mit Joris Ivens (li.) und Ludwig Renn (re.) im Spanischen Bürgerkrieg. Foto: Ullstein bild
Kampfgefährten. Ernest Hemingway (Mitte) mit Joris Ivens (li.) und Ludwig Renn (re.) im Spanischen Bürgerkrieg.Foto: Ullstein bild

Heute findet man in Madrid dort, wo einst das Hotel Florida stand, eine Filiale der Kaufhauskette El Corte Inglés. 1924 war das Hotel als zehnstöckiger Prachtbau errichtet, 1964 abgerissen worden. Dazwischen, 1936 bis 1939, im Spanischen Bürgerkrieg, wurde das Florida heftig ramponiert, zugleich aber zu einem der wohl spektakulärsten Orte der Literatur- und Mediengeschichte. Denn hier residierte, was international journalistisch oder literarisch Namen und internationalistisch Rang hatte. Insgesamt etwa 35 000 internationale Freiwillige kämpften in diesem Probelauf zum Zweiten Weltkrieg zeitweise auf Seiten der demokratisch legitimierten Regierung gegen Franco und seine Truppen, etwa 17 000 kamen dabei um.

Während die Republikaner von der Sowjetunion unterstützt wurden, finanziert im Wesentlichen von dem nach Moskau verbrachten spanischen Goldreserven, Franco von Deutschland und Italien massive Hilfe erhielt, gaben sich England, Frankreich und die USA strikt neutral. Neben Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und aus Nazideutschland oder dem faschistischen Ungarn Exilierten, waren es daher vor allem Intellektuelle der demokratischen Länder, die für die Sache der Republik kämpften, entweder direkt oder aber journalistisch, literarisch und filmisch. Humanitäre Idealisten wie Salonkommunisten, meist getrieben von Sehnsucht nach Sinnvollem, nach der richtigen Seite und dem höheren Auftrag. Und das Florida war der Ort, wo sich die prominentesten oder ehrgeizigsten unter ihnen trafen, sich austauschten, betranken, stritten und liebten.

Drei Paare stehen im Zentrum von Amanda Vaills Buch: Ernest Hemingway und Martha Gellhorn, die Fotografen Robert Capa und Gerda Taro, der spanische Zensor und Schriftsteller Arturo Barea und seine Mitarbeiterin, Geliebte und spätere Frau Ilse Kulcsar. Letzteres das hierzulande wohl unbekannteste, aber vielleicht bemerkenswerteste Paar. Um sie herum Leute wie John Dos Passos, Lillian Hellman, Michail Kolzow, Joris Ivens und viele andere.

Eine halbe Million Menschen starben

Die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs, der nahezu einer halben Million Menschen das Leben kostete, ist immer wieder rekonstruiert und erzählt worden. Bisher aber noch nicht aus dieser Perspektive und auf diese Weise: fokussiert auf die internationalen Intellektuellen und ihre Propaganda für die demokratische Sache, die sich freilich immer mehr zur stalinistisch gesteuerten, das heißt terrorisierten, entwickelte.

Basierend auf Autobiografien, Tagebüchern, Forschungsliteratur und unzähligen Archivalien, werden die vier Jahre chronologisch durchlaufen, mit wechselnden Schauplätzen: Barcelona, Bilbao, Madrid, Valencia, Teruel, dazu kommen Moskau, Paris, New York oder Key West. Und immer wieder das Hotel Florida. Amanda Vaill folgt ihren Figuren, ihren Konstellationen, Wendungen und Schicksalen, ohne sie zu schulmeistern und zu zensieren. Ihre Kunst, die einen mehr als 400 vollgepackte Seiten bei der Stange hält: Sie gibt wieder, was sie für sich oder übereinander sprachen. Daraus entsteht nicht nur eine plastisch detaillierte Geschichte der Wirren und der Verwüstungen dieses Krieges, sondern auch ein Panorama menschlicher Stärken und Schwächen, von Intrigen und Denunziationen, Zynismus und Mitleid, Aufschneiderei und Bescheidenheit, Eitelkeiten und Großherzigkeiten, Liebe und Lüge. Es ist auch die Geschichte der Überführung von Improvisationen in Professionalität, Chaos in Alltag, nicht zuletzt die der Spannung von tagtäglicher Lebensbedrohung und normalem, ja Luxusleben. Vor allem ist es eine exemplarische Ursprungsgeschichte moderner medialer Kriegsberichterstattung in Schrift, Foto und Film. Eine Geschichte von Opfern für die Wahrheit, mehr jedoch von der Wahrheit als Opfer. Alle Zeugen waren ja keine embedded journalists, sondern für die gerechte Sache Begeisterte, die aufrütteln und einwirken wollten. Und dafür verbogen sie nötigenfalls die Fakten, stellten sie Bilder, erfanden sie Szenen und Figuren – im Dienste der höheren Wahrheit, von der sie überzeugt waren.

Nicht zuletzt arbeiteten sie auch gegeneinander, gegen vermeintliche Zauderer, Kritikaster, gar Verräter. Die stalinistische Trotzkistenparanoia verband sich bald mit der Furcht vor der sogenannten Fünften Kolonne der Faschisten zu Terror, Folter und Exekution, kostete vielen (und eher den Besseren) das Leben. Wie Michail Kolzow, der dabei mitwirkte und dessen Zynismus die Kumpane erschreckte, wurden nicht wenige schließlich selbst Opfer des Terrors, den sie gutgeheißen oder der „höheren Sache“ wegen hingenommen hatten.

Jeder kämpfte für seine Wahrheit

Wer da angewidert war und nicht mehr mitmachen wollte, wurde verfemt und verfolgt: John Dos Passos, Arthur Koestler, George Orwell oder der ehedem kommunistische Musterschüler Gustav Regler. Egon Erwin Kisch, der hier nicht vorkommt, auch er zeitweilig dort, hat mitgeholfen, Regler zu denunzieren, indem er detaillierte „Belege“ für dessen angeblichen Verrat erfand. Kisch soll damals geraten haben, nicht über das Leiden der Menschen, sondern über das der Tiere im Zoo zu berichten. Einzig das rühre die amerikanischen Herzen.

So kämpfte jeder für seine Wahrheit. Um sich militärische Expertise zu bescheinigen, suggerierte Hemingway beispielsweise, er habe unter höchster Lebensgefahr zehn Tage lang die Front abgefahren, zu der er lediglich ein paar Ausflüge unternommen hatte. Joris Ivens’ dokumentarisches Material war, ganz abgesehen vom Soundtrack, eher gestellt. Am aberwitzigsten Robert Capas berühmtestes Foto, das des fallenden Soldaten: Es entstand, als man vor der Kamera Sterben simulierte – und einer dabei wirklich von einer feindlichen Kugel getroffen wurde. Capa und Taro, die sich tatsächlich den Gefahren aussetzten, die Hemingway sich eher zuschrieb, erlebten aber auch das Dilemma authentischer Kriegsbilder: Die Medien wurden der vermeintlich immer gleichen Zerstörungs- und Leidensszenen bald überdrüssig. Auch Barea, der die ausländischen Korrespondenten zensierte und später im internationalen spanischen Rundfunk selbst berichtete, war hin und her gerissen zwischen Gräuel-, Mitleids-, Helden- und Siegesszenarien. Er wird, von den Stalinisten denunziert und mit dem Tode bedroht, zusammen mit Ilse Kulcsar über Paris nach England gelangen.

Als Gerda Taro 1937 von einem zurückweichenden T-36 tödlich überrollt wird, ist sie 27 Jahre alt. Um sich über den Verlust zu betäuben, wird sich der gerade 24-jährige Capa in den nächsten Kriegsschauplatz, den japanisch-chinesischen, stürzen. Hemingway, der gegenüber den Skrupeln von Dos Passos den stalinistischen Terror verteidigt hatte, wird 1940 seinen großen Roman „Wem die Stunde schlägt“ veröffentlichen und für seine nun kritischere Sicht der russischen Seite heftig kritisiert werden. Zwar wird der Spanier Barea darüber schreiben: „Nicht Spanien, sondern Hemingway“, doch blieb dieses Buch unter all den vielen eindrucksvollen literarischen Zeugnissen nicht nur das erfolgreichste, sondern wohl auch das am tiefsten anrührende. Hotel Florida macht nun Hemingway und alle die vielen anderen – ein Mehrfaches der Homer’schen Helden – zu Figuren eines eindringlichen, lange nachwirkenden Epos dieses Krieges, aus dem der Zweite Weltkrieg hervorging, und der wie die Blaupause zu den heute um uns herum tobenden Kriegen wirkt.

Amanda Vaill: Hotel Florida. Wahrheit, Liebe und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg. Aus dem Amerikanischen von Susanne Held. Klett-Cotta, Stuttgart 2015. 493 S., 24,95 €.

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