Andrej Hermlin : "My Way"- Ein Leben zwischen den Welten

Andrej Hermlin, der Bandleader des Swing Dance Orchestra aus Berlin erzählt aus seinem musikalischen Leben zwischen Pankow und Clarinda.

Hannes Schwenger

Erst kürzlich hat Angela Merkel ein langes biografisches Interview als Buch erscheinen lassen. Es heißt „Mein Weg“, und wir wissen, wohin er führte: aus der DDR ins Bundeskanzleramt. Doch wohin führt eine DDR-Biografie, die den Frank-Sinatra-Titel „My way“ in Anspruch nimmt? Von Pankow nach Clarinda, der Heimatstadt Glenn Millers, wo der Autor 2001 zum 100. Geburtstag des Swing-Königs aufspielt.

Die Rede ist von Andrej Hermlin, dem Bandleader des international erfolgreichen Swing Dance Orchestra aus Berlin. Mit der Bundeskanzlerin hat er noch eines gemeinsam: jenen Eigensinn, ohne den er als Sohn des Dichters Stephan Hermlin kaum seinen Weg gefunden hätte. Der 1965 Geborene gehörte zwar nicht mehr zu den Jahrgängen der DDR-Jugend, denen für Jazz-Tänze („Auseinander-Tanzen“) Prügel von der FDJ drohten, aber seinen Swing-Stil hat er sich dennoch autodidaktisch und als Hörer von West-Sendern angeeignet.

Seine Prüfung an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ bestand er, mit dem selbst gewählten Schwerpunkt Swingmusik, erst im zweiten Versuch und mit der Note 4. Ein „Kuhhandel“ mit der Prüfungskommission sei dazu nötig gewesen, erinnert er sich.

An Eigensinn hat es ihm also nicht gefehlt, auch nicht als politischer Mensch, der sich trotz aller früheren Konflikte mit DDR-Autoritäten nach dem Ende der SED deren Nachfolgepartei PDS anschloss. Die SED war die Partei seines Vaters, der einst ein siebenseitiges Stalin-Poem und ein Drehbuch zum Geburtstag Walter Ulbrichts verfasst hatte. Stephan Hermlin hatte allerdings auch bei Honecker gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und kritische Kollegen in Schutz genommen.

Nach der Wende von 1989 geriet er ins Zwielicht, weil er einräumen musste, seine aller Ehren werte antifaschistische Biografie als deutscher Jude und Emigrant in Frankreich durch einen erfundenen KZ-Aufenthalt und spanische Bürgerkriegsmeriten ausgeschmückt zu haben. Das war – wie wir heute wissen – selbst der Stasi bekannt, die davon allerdings öffentlich keinen Gebrauch machte; sammelte sie Material gegen den Vertrauten Honeckers?

Als guter Sohn verteidigt Andrej Hermlin den Vater gegen die vermeintliche Kampagne aus dem Westen, zu der selbst Stephan Hermlins Tochter aus erster Ehe beigetragen habe. Andrej Hermlin wirft der Halbschwester „Verrat“ vor, nimmt es aber selber nicht so genau mit Schutzbehauptungen für den Vater, der dem DDR-Dissidenten Lutz Rathenow aus der Haft und zur Ausreise in den Westen verholfen habe. Tatsächlich hat Rathenow die DDR nie verlassen und den Fall der Mauer in Ostberlin erlebt. Dass Stephan Hermlin für andere bei Honecker intervenierte, ist ebenso Tatsache wie seine Beschimpfung ausgereister Autoren als „Kriminelle“ oder der Dank des Politbüros, dass er Robert Havemann von der „Berliner Begegnung“ ferngehalten habe. Für Günter Kunert, den Andrej Hermlin vor dessen Ausreise als liebsten Freund der Familie gekannt hatte, war er deshalb im Rückblick ein „Diener zweier Herren“.

Wenn Andrej Hermlin also Licht und Schatten der DDR in verfließenden Farben malt, hat das auch mit dem Privileg eines – Originalton Stephan Hermlin – „spätbürgerlichen“ Elternhauses zu tun, in dem liberale Erziehung, Westauto und Westmedien selbstverständlich waren. Ferienreisen führten nicht nur zu den Großeltern in Moskau, sondern auch nach Paris, nach London und zum Skilaufen mit Klaus Wagenbach nach Ascona. Das lässt ihn so weit über den Tellerrand der DDR blicken, dass er als Rekrut der Nationalen Volksarmee seinem Vorgesetzten widerspricht, als der Richard von Weizsäcker unter die „führenden Köpfe des uns bedrohenden Imperialismus“ einreiht. Genüsslich meldet er ein paar Tage später einen Westkontakt seiner Familie: „Genosse Oberleutnant, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass meine Eltern an diesem Morgen auf Einladung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nach Bonn abgereist sind.“

Natürlich muss er sich in der Kaserne dennoch vieles anhören. Am schlimmsten: antisemitische Witze. Er begreift: „Vor mir steht ein Faschist, er trägt die Uniform der Nationalen Volksarmee, und doch ist er ein Faschist.“ Nein, Andrej Hermlin ist kein Bruder Lustig. Das Glück, seinen Weg in der DDR als Kind privilegierter Eltern zu gehen, hat ihn weder überheblich noch nostalgisch gestimmt. Dazu hat der Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer russischen Mutter, der schon als Sechsjähriger von Nachbarskindern als „Russenschwein“ beschimpft wurde, keinen Anlass.

Andrej Hermlin: My Way. Ein Leben zwischen den Welten. Aufbau Verlag, Berlin 2011. 304 S., 19,95 €.

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