Armenien-Drama von Fatih Akin : "The Cut": Der stumme Schrei

Bestürzend aktuell: Fatih Akins hochverletzliches Armenien-Drama „The Cut“ erzählt vom Gutbleiben im Grundbösen.

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Der höchstsubventionierte deutsche Produktion 2012: Fatih Akins "The Cut" wurde mit 5, 75 Millionen Euro unterstützt. Hier Nazaret (Tahar Rahim, zweiter von links) in der Wüste mit anderen verschleppten Armeniern.
Der höchstsubventionierte deutsche Produktion 2012: Fatih Akins "The Cut" wurde mit 5, 75 Millionen Euro unterstützt. Hier Nazaret...Foto: Pandora Film

Fast hundert Jahre sind seit jenem Genozid des der heutigen Türkei vorangegangenen Osmanischen Reichs an den Armeniern vergangen, den „The Cut“ zum Ausgangspunkt der Geschichte einer nahezu vollständigen Familienauslöschung nimmt. Und zugleich ist Fatih Akins bislang ehrgeizigster und aufwendigster Film erdrückend von Aktualität umstellt. Fortwährend funken dem Zuschauer Fernsehbilder mitten in das historische Horrorpanorama – und scheinen das so sorgfältig Nacherfundene und Nachempfundene nach seiner Relevanz gegenüber dem Schrecken des Tatsächlichen zu befragen.

Die brutalen Attacken der internationalen Terrorarmee IS gegen christliche Gemeinden im Irak: Wie sehr orientieren sie sich, zumindest im Kern, am Modell des von der Türkei fatal uneingestandenen Völkermords, dem 1915 und 1916 bis zu anderthalb Millionen christlicher Armenier zum Opfer fielen? Der neu aufflammende Krieg zwischen der Türkei und ihrer kurdischen Minderheit, die Bilder der kaputtgeschossenen Stadt Kobane, die gigantischen Flüchtlingscamps in der Wüste Jordaniens und jenseits der irakischen Grenze zur Türkei: Geradezu mit Gewalt verstellen die sich häufenden menschengemachten Katastrophen dieser Tage den Blick auf einen Film, der sich in aller epischen Breite und Ruhe zu einer humanistischen Mahnung voranarbeitet, zu einer Elegie vom Gutbleiben mitten in grundböser Welt.

Auch die Entstehungsgeschichte von „The Cut“ weist in ihrer historisch-politischen Schärfe weit über das zwar visuell überwältigend angelegte, doch dramaturgisch ins Minimalistisch-Private treibende Filmgeschehen hinaus. Ursprünglich hatte Fatih Akin, seit seinem Debüt „Kurz und schmerzlos“ (1998) für Spielfilm-Intervalle von flinken zwei, drei Jahren bekannt, einen Film über Hrant Dink drehen wollen. Über jenen armenischstämmigen Herausgeber der Istanbuler Wochenzeitung „Agos“, der 2007 von einem 16-Jährigen auf offener Straße erschossen worden war. Aber Akin fand, er hat es oft gesagt, keinen einzigen türkischen Darsteller, der die Rolle gewagt hätte. Wie einen Mann spielen, der wegen des Mahnens an den Völkermord immer wieder vor Gericht gezerrt wurde – in einem Staat, der ebenjenen Genozid bis heute nicht beim Namen nennt und dessen Premier Tayyip Erdogan nicht zur von 100.000 Menschen begleiteten Beerdigung kam, sondern lieber einen Autobahntunnel eröffnete?

"Die ultimative Einwanderergeschichte will ich erzählen!"

So hat es, seit dem Komödien-Hit „Soul Kitchen“, fünf Jahre gedauert, bis Fatih Akin seine schon früh beherzt unter dem Motto „Liebe, Tod und Teufel“ ausgerufene Trilogie beenden konnte. Die thematisch äußerst verschiedenartigen Filme sind in leidenschaftlicher Energie unter dem Leitmotiv Migration vereint. Ging es in seinem mit dem Goldenen Berlinale-Bär, dem Deutschen und Europäischen Filmpreis ausgezeichneten „Gegen die Wand“ (2004) noch um von türkisch-familiären Konventionen befreite Sexualität und Liebe, verlegte Akin sich in „Auf der anderen Seite“ (2007, Drehbuchpreis in Cannes) auf ein subtiles Familien- und Generationenpanorama zwischen Deutschland und der Türkei. Zum Kinostart damals kündigte der Regisseur seinen geplanten „Teufel“-Film so an: „Die ultimative Einwanderergeschichte will ich erzählen!“

Eine Auswanderergeschichte ist „The Cut“ geworden, ultimativ. Ein individueller Exodus, der den Helden, den armenischen Schmied Nazaret (Tahar Rahim), aus seiner Heimatstadt Mardin, in der heutigen Türkei an der Grenze zu Syrien gelegen, über Aleppo, den Libanon, Kuba, Florida und Minneapolis bis in die kalte Winterwelt von North Dakota führt. Bevor er von osmanischen Militärs zum Steineklopfen weggefangen wird, lebt der Familienvater friedlich mit seiner Frau Rakel (Hindi Zahra) und den beiden kleinen Töchtern Lucinée und Arsinée zusammen. Den Kollektivmord an den mit ihm gefesselten Armeniern überlebt er knapp. Ein türkischer Soldat mit Skrupeln sticht ihm in den Hals, Nazaret verliert nur die Stimme, nicht das Leben. Am Ende seiner Odyssee, die nur mehr durch die Töchtersuche angetrieben wird, gibt es eine der wohl traurigsten Familienzusammenführungen der Filmgeschichte.

Als „The Cut“ im September beim Filmfest Venedig Premiere feierte (Cannes hatte ihn verschmäht, und Akin zog ihn kurz vor der öffentlichen Niederlage „aus persönlichen Gründen“ zurück), wurde ihm allerhand vorgeworfen. Die Armenier sprächen merkwürdiges Englisch, der Film sei altmodisch, ein überladenes Stationendrama, holzschnitthaft simpel, ja naiv. All diese schnellen Einwände mögen ihre Berechtigung haben. Tatsächlich fehlt es an widersprüchlichen, also dramaturgisch ergiebigen Figuren – die Armenier sind grundgut, die Türken und später die Yankees meist finstere Typen. Auch brilliert „The Cut“ weder mit der Wildheit von „Gegen die Wand“ noch mit der Drehbuch-Vertracktheit von „Auf der anderen Seite“. Für diesen „Schmugglerfilm“, wie Akin seine auch sehr fürs türkische Publikum gedachte neue Arbeit nennt, muss das aber kein Nachteil sein.

Ob "The Cut" tatsächlich am 5. Dezember in die türkischen Kinos kommt?

Gerade aus der Reduziertheit auf seinen sanften Helden Nazaret (der Name gemahnt nicht zufällig an Jesus von Nazareth) bezieht der Film beachtliche Wucht. Und es gibt in diesen 138 Minuten, die aus einer Welt aus Tausendundeiner Nacht in den kargen Hobo-Kosmos eines Jack London hinüberführen, immer wieder Szenen, die in einer zeitlosen Hölle auf Erden zu spielen scheinen. Die stärkste: ein riesiges Wüstenlager aus zerfetzten Zeltplanen mit halbnackten, verhungernden Armeniern, alles totenbleich sandfarben – und eine Dahinsiechende bettelt Nazaret an, sie zu töten; nach herzzerreißendem Zögern tut er es. Und verflucht Gott. Und kratzt sich das Kreuz aus dem Handgelenk.

Auch hier trifft das moralischste Argument gegen „The Cut“, wonach Fatih Akin das Grauen ästhetisiere, nur bedingt. Es geht um das Herausbrechen einer wahren Empfindung aus dem zwangsläufig arrangierten Bild. Das allerdings setzt voraus, dass der Zuschauer ganz bei dem Helden ist; vielleicht auch besonders aufmerksam dafür, wie bewusst der Regisseur seine Story gegen ihre nachhaltig kontroverse historische Folie humanisiert und damit jeder faden Parteinahme entzieht. Und wenn der Genre-affine Akin auf den irreführenden Hinweis, sein Film sei ein Western, verzichten würde, umso besser. Denn in „The Cut“ geht es nie um Rache, sondern um Suche. Um das, was aus einer bloß rachedurstigen Welt zu retten wäre.

Nun startet dieser hochverletzliche Film mit 100 Kopien in Deutschland. Schon möglich, dass Fatih Akin, der mittlerweile 41 Jahre alte Sonnyboy des deutschen – und auch türkischen – Kinos, Schiffbruch damit erleidet. Verdient hätte er ihn nicht. Aufregender noch allerdings ist die Frage, ob „The Cut“ tatsächlich am 5. Dezember in die türkischen Kinos kommt. Wie lautete die Morddrohung auf Twitter? Man halte die „weiße Mütze“ für Akin schon bereit – ein direkter Hinweis auf den Mörder von Hrant Dink. Der fest geplante Kinostart aber ist ein Zeichen, dass auch die Türkei sich bewegt: trotz allem historisch nach vorn.

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