Artemis Quartett : Drei Blumen für Friedemann Weigle

Das Artemis Quartett hat im Juli seinen Bratschisten verloren. Nun haben sie mit einem Konzert Friedemann Weigle gedacht.

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Vineta Sareika, Gregor Sigl, Eckart Runge und Friedemann Weigle
Noch zu viert: Vineta Sareika (1. Geige), Gregor Sigl (2. Geige), Eckart Runge (Cello) und Friedemann Weigle (Bratsche)Foto: Molina Visuals

Drei Blumen. Den ganzen Abend liegen sie auf dem Boden. Liegen, nicht stehen. Markieren eine Leerstelle. Verweisen auf den, der fehlt. Im Juli ist Friedemann Weigle gestorben, Bratschist des Artemis Quartetts, und die drei, die noch übrig sind – Eckart Runge (Cello), Gregor Sigl (2. Geige) und Vineta Sareika (1. Geige) – haben dieses Konzert im Kammermusiksaal seinem Andenken gewidmet.

Berührend verloren und haltlos wirken sie auf dem Podium und strahlen doch zugleich feste Entschlossenheit aus, weiterzumachen. „Partita für Trio“ ist eine von ihnen selbst arrangierte Suite aus den Goldberg Variationen, der Englischen Suite und der Sinfonia BWV 795 von Bach einerseits, aus „Oblivion“ und „Fuga 9“ von Piazzolla andererseits. Barock und Tango, zwei Herzkammern, zwei Welten, in denen sich Friedemann Weigle gleichermaßen zu Hause fühlte. Bezwingend, wie hier drei starke musikalische Charaktere zusammenkommen, um ein größeres Ganzes zu schaffen. Das mit den letzten Takten von Bach verdämmert, auszoomt, als sei’s ein Windhauch. Als sei’s unser Leben.

Gespaltene Töne

Es ist eine Stimmung, die sich in der Einleitung von Schumanns Klavierquartett op. 47 nahtlos fortsetzt, jetzt mit Pianistin Elisabeth Leonskaja, deren Zusage diese Tournee gerettet hat. Ein Spiel wie hinter Scheiben bei Regen, nicht expressionistisch zugespitzt, dafür ins Flächige tendierend. Die vier wollen nicht den begnadeten Melodiker Schumann in den Vordergrund stellen, sondern etwas anderes: eine Atmosphäre der Brüchigkeit schaffen, Vorläufigkeiten aufzeigen – vielleicht auch als Verweis auf Schumanns schwankende Psyche. Dabei hilft die wirklich außergewöhnliche Besetzung: Klavierquartette sind eigentlich für Klavier, Geige, Bratsche und Cello geschrieben. Die fehlende Mittelstimme, die Präsenz zweier Geigen verleihen dem Gesamtklang etwas Gespaltenes, Zwielichtiges.

Friedemann Weigle
Der Bratschist Friedemann WeigleFoto: IMAGO

Schließlich Brahms. Die gerade erschienenen Quartette 1 und 3 sind die letzten Aufnahmen von Artemis mit Friedemann Weigle, künstlerisches Vermächtnis. Gravitationszentrum des Klavierquartetts op. 60 ist das Andante. Eckart Runges Cello singt, völlig der Außenwelt entrückt, die tragende Melodie. Der Finalsatz ist erfüllt vom Wettstreit zwischen Klavier und erster Geige, von Leonskajas rundem, gesättigtem Anschlag und dem Strich Sareikas, der hier noch mal eine neue Qualität von Festigkeit und Klarheit erreicht. Als Zugabe: erneut das Andante von Brahms. Weitere Worte gibt es nicht. Die Musik hat genug gesagt.

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