Kultur : Auf die Ohren

Peter Strickland lädt ins „Berberian Sound Studio“.

Martin Gobbin
Foto: rapideyemovies
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Diese Schreie! Ein Priester foltert eine Hexe brutal, reißt ihr die Haare aus – sie jammert, kreischt, winselt. Mancher Zuschauer hält sich da lieber die Hände vor die Augen. In „Berberian Sound Studio“ allerdings nützt das nichts. Denn zu sehen ist lediglich ein untersetzter Mann mittleren Alters. Vor einem Mikro rupft er Radieschen die Stängel aus.

Gilderoy (Toby Jones) ist Foley Artist – er produziert Filmgeräusche. Bei Dreharbeiten gehen viele Geräusche verloren, deshalb müssen sie im Studio neu erzeugt werden. Kaum einer kann das besser als Gilderoy, weshalb ihn die Produktionsfirma nach Italien einfliegt. Und wenn der Brite an die Radieschen geht, klingt das eben, als würden einer Hexe die Haare ausgerissen.

Die schauerlichen Töne braucht er für einen Giallo – die italienische Sonderform des okkulten Horrorfilms, populär vor allem in den 1970er Jahren. „Berberian Sound Studio“ zitiert dessen Konventionen nur am Rande. Regisseur Peter Strickland macht sich zunutze, dass es in den meist billigen Reißern nicht eben zimperlich zugeht. Deshalb sticht Gilderoy mit Messern auf Salatköpfe ein und schmettert schon mal Zucchini zu Boden.

Der Clou: „Berberian Sound Studio“ spielt nur die Geräusche ab. Der Film-im- Film läuft im Kopf des Zuschauers, wobei jeder einen anderen Film sehen dürfte. So leicht also lässt sich dem Vorwurf begegnen, durch das Kino stumpfe die menschliche Vorstellungskraft ab. Zudem lenkt der Psychothriller die Aufmerksamkeit auf jene Filmleute, die erst im Abspann erscheinen: Cutter, Effektspezialisten und Geräuschemacher. Nichts gruseliger, als wenn die eine Glühbirne über eine Küchenreibe ziehen.

Wenn wundert es da noch, dass Gilderoy alsbald dem Wahn verfällt? Und schon fällt der Film selber in eine fiebrige Traumlogik, die Realität und Fiktion so lange vermischt, bis das Zelluloid im Projektor verbrennt. Doch ein konsistenter Plot ist Stricklands Sache ohnehin weniger. Lieber feiert er jene Künstler, die unsere Kinoerlebnisse ebenso wie Regisseur oder Schauspieler prägen und deren Arbeit wir dennoch oft übersehen. Oder besser: überhören. Martin Gobbin

Babylon Mitte, Brotfabrik, Central, Eiszeit, Lichtblick (alle OmU)

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