Kultur : Aus dem Giftschrank

Hitler und Roosevelt: Das Deutsche Historische Museum Berlin zeigt Propagandakunst von 1930-1945

Michael Zajonz

Sie hängen einander gegenüber, die Gegner und Verbündeten von einst, und schauen aneinander vorbei: Adolf Hitler, Benito Mussolini, Josef Stalin und Franklin D. Roosevelt, verewigt auf Leinwand in Öl. Eine Galerie staatsmännischer Attitüden, von väterlich-freundlich (Roosevelt) über unnahbar (Hitler) bis zu über den Dingen schwebend (Mussolini).

Die Herrscherbildnisse sorgen für die erste Irritation beim Rundgang durch die Ausstellung „Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1933-1945“, die ab morgen im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen ist. Rund 400 Beispiele einer Kunst, die die neuere kulturhistorische Forschung mit dem Zusatz „Propaganda“ versehen hat, sind im Pei-Bau versammelt: Malerei, Bildhauerei, Architektur, aber auch die modernen Bildmedien Foto, Film und Plakat. Im konzentrierten Vergleich geht es um die ideologisch in Dienst genommene Kunstproduktion der Zwischenkriegs- und Kriegszeit aus Deutschland, Italien, der Sowjetunion und den USA.

Sofort stellen sich Fragen wie: Nazikunst im Museum, darf das sein? Es ist eine Art Pawlowscher Reflex der kulturpolitischen Debattenkultur in der Bundesrepublik, dass ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit geht, sobald die offizielle Kunst des NS-Regimes in deutschen Museen gezeigt werden soll. Zuletzt war das so im Sommer 2006, als die städtische Galerie in Schwerin eine ziemlich harmlose, aber auch einigermaßen unreflektierte Arno-Breker-Ausstellung gezeigt hat. Sie wurde von Einzelnen schon vor der Eröffnung verdammt. Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, fürchtete eine stillschweigende Rehabilitation von Breker. Hitlers Lieblingsbildhauer als Künstler zu präsentieren, verstößt gegen die Regeln des Ausstellungsbetriebs.

Auch für das Deutsche Historische Museum gilt: In einer – rein ästhetisch motivierten – Leistungsschau über die Kunst des 20. Jahrhunderts hätten Hitlers Hofkünstler definitiv nichts zu suchen. Doch Ausstellungen wie „Kunst und Propaganda“ wollen nicht relativieren, sondern eine als Kunst kaum erträgliche Kunstproduktion anhand der Originale historisch-kritisch vergleichen. Dergleichen hatte Antje Vollmer bereits 1988 im Bundestag gefordert. Enttabuisierung eines Giftschrankthemas lautet die Devise.

Kritisch-dokumentarische Ausstellungen zur Kunst der NS-Zeit hat es in der Bundesrepublik ab Mitte der siebziger Jahre gegeben. Auch die Staatskunst der Diktaturen in Deutschland, der Sowjetunion und Italien stand bereits zum Vergleich, etwa 1996 in der Europaratsausstellung „Kunst und Macht“, die damals auch im Berliner DHM zu sehen war. Dort wurde zugleich an die verfemte Moderne erinnert. Nun wendet sich das DHM erstmals ausschließlich der Propagandakunst zu. Auftragskunst war das übrigens nicht in jedem Fall – viele Künstler arbeiteten in vorauseilendem Gehorsam.

Ein neuer Historikerstreit dürfte sich anhand von „Kunst und Propaganda“ kaum entfachen lassen – auch wenn das Team um Kurator Hans-Jörg Czech zumindest ein Tabu bricht. Denn erstmals gesellt sich zur politischen Ikonografie der Diktaturen die der führenden westlichen Demokratie, den USA. Der Vergleich ist sinnvoll, weil es auch dort ab 1933 mit Roosevelts Politik des New Deal eine staatlich geförderte Kunst zu Propagandazwecken gegeben hat. Fotokampagnen wie die der ,Farm Security Administration‘ funktionierten zugleich als visuelle Bestandsaufnahme des ganzen Landes und als Arbeitsbeschaffungsprogramm, auf das auch Fotokünstler wie Walker Evans angewiesen waren. Doch selbst wenn die Aufnahmen Amerikas als great community alles andere als ideologiefrei sind, dokumentieren sie in ihrer Individuelles einschließenden Vielgestaltigkeit die Differenz zwischen den politischen Wertesystemen.

Die Ausstellung „Kunst und Propaganda“ erleichtert diesen Vergleich. In vier übergreifenden Themen hat Czech sein Material geordnet: Bilder der politischen Führerfiguren, Darstellungen des Menschenbildes, Bilder von Arbeit und Aufbau und Kriegsbilder. In jedem der Kapitel bleiben die Werke nach Nationen geordnet. Man muss ein paar Schritte machen, um die Rollenklischees, in die Künstler damals Bauern, Arbeiter, Frauen und Soldaten pressten, auf nationale Eigenarten hin zu überprüfen.

Denn die Unterschiede gibt es durchaus, trotz des für heutige Augen nivellierenden Zeitkolorits. Dass in Italien die Grenze zwischen Staatskunst und Avantgarde durchlässiger war, dass sich die akademischen Maler in Deutschland und der Sowjetunion sichtbar auf dieselbe Tradition berufen, dass der Neoklassizismus der Staatsbauten keine Spezialität Speers gewesen ist – all das ist bekannt. Doch erst in der Gesamtschau wird deutlich, dass keine andere Nation eine so rassistische, kriegsverherrlichende und dabei so biedere Bildpropaganda hervorgebracht hat wie die Deutschen.

Das Gros dieser gemalten und gemeißelten Volksgenossen stammt aus den Beständen des DHM. Im Jahr 2000 übernahm man 700 Bildwerke aus ehemaligem Reichsbesitz, bis dahin zwischengelagert – und vergessen – im Münchner Hauptzollamt. Hitler und seine Entourage hatten sie auf den seit 1937 im Münchner Haus der Kunst stattfindenden Großen Deutschen Kunstausstellungen ausgewählt. Etwa 10 000 Bildwerke beschlagnahmte 1946 die US-Armee unter Berufung auf die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz. Vieles davon wurde 1987 an die Bundesrepublik zurückgegeben, doch der harte Kern der NS-Hetzkunst lagert nach wie vor in Washington. Das DHM kann nun erstmals Machwerke wie Hans Schmitz’ Triptychon „Arbeiter, Bauern und Soldaten“ von 1941 wieder zusammenführen. Im DHM sind sie besser aufgehoben und aufbereitet als auf den Internetseiten obskurer brauner Kunsterklärer. Doch Gefahr geht von diesen Werken bestimmt nicht aus.

DHM, 26. Januar bis 29. April, täglich 10 bis 18 Uhr, Katalog (Michel Sandstein Verlag) 34 Euro

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