Ausstellung: "Avantgarde!" : Der Jahrhundertsturm

Die Brüche, die zum Ersten Weltkrieg führten, haben sich nicht erst 1914 ereignet. Am Kulturforum zeigt die Schau „Avantgarde!“, wie Gesellschaft und Kunst lange vor der Katastrophe brodelten.

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Litographie von Julius Klinger von 1909
Litographie von Julius Klinger von 1909Foto: SMB/Kunstbibliothek

Außer der Kernspaltung und der Atombombe, außer der Monstrosität von Auschwitz und der Schoah, außer dem Fernsehen und dem Triumph des Computers hatte die Menschheit bis zum Schicksalsjahr 1914 alles Große, Schöne oder Schreckliche schon gedacht und gemacht. Alles, was das 20. Jahrhundert im Grunde erschütterte und bewegte.

Man kann es, mit einiger Aufmerksamkeit, auch in der Ausstellung „Avantgarde!“ erkennen, mit der sich die Berliner Kunstbibliothek, die Staatlichen Museen und die Staatsbibliothek in ungewohnter Trinität in den Sonderausstellungshallen am Kulturforum direkt neben der Gemäldegalerie präsentieren. Die Schau der etwa 500 Exponate soll ein Pendant sein zur Weltkriegsausstellung im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, wo die Militaria dominieren und Kultur und Gesellschaft der Zeit beinahe völlig ausgeblendet werden. Im Logo der „Avantgarde“ gibt’s darum zur Jahreszahl 1914 die Losung „Aufbruch / Weltbruch“.

Doch von Brüchen ist erst einmal wenig zu sehen. Die zweigeteilte Ausstellung beginnt mit der „Welt von Gestern“ und präsentiert zunächst die Plakat- und Buchkunst der „Moderne 1890–1914“. „Gestern“ soll hier wohl suggerieren, dass der „Weltbruch“ und das „Heute“ erst mit der Wendung zum Krieg im Sommer ’14 begonnen habe – was angesichts aller technischer, sozialer und politischer Auf- und Umbrüche, die den Krieg mitbedingt hatten, etwas willkürlich erscheint. Zumal der zweite Teil im Untergeschoss, betitelt „Worte in Freiheit. Rebellion der Avantgarde 1909–1918“ die Vorbereitungen und Vorahnungen früher sieht.

Das Medium ist die Botschaft - das galt erstmals um 1900

„Gestern“ ist auch gar nicht die Kernbotschaft der ersten Sektion, weil sie den Blick auf die neue, bis heute im Prinzip dominante Welt der Bilder eröffnet. Dass das Medium die Botschaft sei, gilt zum ersten Mal, als um die Jahrhundertwende in den nunmehr auch nachts beleuchteten Großstädten die Plakatwerbung boomt, als die Werbegrafik zur eigenen Kunstform wird und der Gebrauchsdesigner sich als plakativer Universalkünstler fühlen darf. Und so schwelgt das Auge im frechen Strich und den grandiosen Farben der berühmten (oder hier zu entdeckenden) Propagandisten.

Archiv Egidio Marzona
Cover des Gedichts "Zang Tumb Tumb" von Marinetti, erschienen 1914.

Propaganda, so hieß alle Werbung noch, bis zum Krieg. Also werfen nicht nur die Pariser Can-Can-Girls ihre Röcke für Monsieur Toulouse-Lautrec. Es umschwirren schon Zeppeline und Doppeldecker die Dome von Frankfurt und München, 1905 verheißt man ein „Konkurrenz-Fliegen der ersten Aviatiker der Welt“ auf dem Flugplatz Berlin-Johannisthal, Ullstein wirbt für seine gleichnamige Wochenschrift „Die praktische Berlinerin“, Osram preist die „Neue elektrische Glühlampe“ mit „70 Prozent Stromersparnis“, „6-Tage-Rennen“. Tennisbälle, Schreibmaschinen, Filme, Autos werden ebenso beworben wie die „Internationale Ausstellung für Reise- und Fremdenverkehr Berlin 1911“, für die ein im Habitus an Sherlock Holmes gemahnender Gentleman mit Mantel, Pfeife, Baedecker detektivisch die große neue Welt erkundet.

Emil Orliks grafische Kunst gilt der Eröffnung von Max Reinhardts sezessionistischem Kabarett-Theater „Schall und Rauch“, Asta Nielsen lockt als Weißclown ins Kino der „Komödianten“ – und darunter, fast verloren, auch ein Plakat von Käthe Kollwitz, das anlässlich einer politischen Versammlung mahnt: „600 000 Gross-Berliner wohnen in Wohnungen, in denen jedes Zimmer mit 5 und mehr Personen besetzt ist. Hunderttausende Kinder sind ohne Spielplätze!“

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