Ausstellung "Süden" in der Deutsche Bank Kunsthalle : Kritzeln und Krackseln

Alle Finanzkrisen können der Sehnsucht der Deutschen nach dem Süden nicht wirklich etwas anhaben. Die Villa Romana präsentiert jetzt in der Deutschen Bank Kunsthalle vier Künstler, die sich mit Florenz auseinandersetzen - oder das Klischee gerade meiden.

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Foto: Michael Danner
Blick von der Terrasse der Villa Romana auf Florenz.

Süden – dieses Wort genügt immer noch, um ein ganzes Muster verheißungsvoller Assoziationen zu weben. Auch wenn die schrillen Töne der Finanzkrise inzwischen alles andere zu dominieren drohen, gelingt es manchmal doch, die Erinnerungen an das Mediterrane als ewige Sehnsucht der Deutschen zu reaktivieren. „Süden“ heißt deshalb schlicht und bewusst die zweite Ausstellung in der Deutsche Bank Kunsthalle Berlin, die seit dem Abschied des Guggenheim Museums im vergangenen Jahr auf eigenen Füßen steht. Sie dauert bloß zwei Wochen, bis dann zum Auftakt der Berlin Art Week die große Schau „Painting forever“ anschließt. Dafür dehnt sich „Süden“ mit einem kostenlosen Veranstaltungsprogramm zu einem Festival aus. Neben Filmen von Jane Campion („A Portrait of a Lady“, 1996) oder Franco Zeffirelli („Tee mit Mussolini“, 1999) und Künstlergesprächen wird es Musikworkshops wie auch Performances geben.

Im Zentrum aber stehen die vier gegenwärtigen Stipendiaten der Villa Romana, die jeweils mit mindestens einer Arbeit nach Berlin gereist sind. Schon einmal, vor fünf Jahren, hat man sich hier auf eine der ältesten Traditionen der Deutschen Bank besonnen und die damaligen Stipendiaten präsentiert. Das Finanzinstitut fördert die Künstlervilla in Florenz seit der Maler Max Klinger das Anwesen 1905 für den Nachwuchs erwarb.

Nun sind Shannon Bool, Mariechen Danz, Heide Hinrichs und Daniel Maier-Reimer, die ab heute in der KunstHalle ausstellen, zwar keine Neulinge mehr. Bool (Jahrgang 1975) hatte ebenso wie Hinrichs aufwendige Präsentationen in Kunstvereinen, die Performerin und Sängerin Danz zählt zu den aufstrebenden Künstlerinnen der Gegenwart. Und auch Maier-Reimer ist trotz der zahllosen Reisen, aus denen er für seine Arbeit schöpft, im Kunstbetrieb verankert. Der neunmonatige Aufenthalt in der Villa Romana aber erweitert alle vier Positionen um eine wichtige Facette: Florenz als Stadt der Renaissance, die diesen Geist bis heute atmet.

Davon zeugt in der Ausstellung die Skulptur „Michelangelos Palace“. Eine schlichte Marmorbank, die Shannon Bool in den ersten Monaten ihres Aufenthalts seit dem Frühjahr 2013 gefertigt hat. Die kanadische Künstlerin bezieht sich auf den Piazzale Michelangelo, von dem aus man den besten Ausblick über die Stadt genießt. Bänke gibt es dort ebenfalls. Genau wie bei Bool tragen sie die Spuren unzähliger Touristen, die ihre Namen oder kleine Botschaften in den Stein geritzt haben. Bloß dass keiner von ihnen sich spiegelverkehrt im Stein verewigt hat.

Heide Hinrich versucht, dem Klischee vom mediterranen Wohlfühlklima zu entkommen

Bool, die sonst gern mit Textilien und anderen vergänglichen Materialien arbeitet, wirkt wie im Bann der von Historie gesättigten Stadt. Sie bedient sich ihrer gewohnten Strategie, mithilfe feiner Verschiebungen ein alltägliches Bild komplett zu verfremden. Die Situation im Raum irritiert tatsächlich: Während sich die anonymen Kritzeleien durch ihre Spiegelung kaum noch entziffern lassen, sieht man auf der Bank sitzend einen uralten Teppich als Videoprojektion an der Wand, in dessen Mustern man wie in einem Buch lesen kann.

Auch Daniel Maier-Reimer (Jahrgang 1968) bezieht sich in der ausgestellten Arbeit auf seine temporäre italienische Heimat, die er wie die übrigen drei Künstler erst im November verlassen wird. Zu Fuß ist der Künstler über Tage an der kommunalen Grenze von Florenz entlang gelaufen. Seine Ausbeute konzentriert sich auf eine einzige Schwarzweiß-Fotografie der unspektakulären Natur am Rande der Stadt. Zum Werk gehört im zweiten Schritt die Kooperation mit dem in New York lebenden Künstler David Brooks, der dieses Motiv in der Kunsthalle nach seinen Regeln inszeniert – diesmal mit einem weißen, isolierenden Vorhang, dessen Befestigung an der Decke die Umrisse von Florenz noch einmal nachzeichnet.

Auf die anderen beiden Künstler scheint die Stadt nicht ganz dieselbe Magie auszuüben. Mariechen Danz (Jahrgang 1980) hat eine „Learning Box“ über den menschlichen Körper und seine Funktionen installiert, in dessen Zentrum ein Video läuft, das einen Auftritt von ihr zeigt. Heide Hinrichs’ (Jahrgang 1976) Ensemble zum Thema „lebende Materie“ setzt sich aus Videobildern, Steinen, Stoff und amorphen Tonskulpturen zusammen, die mehr auf der intuitiven Auswahl denn auf dem Einfluss toskanischen Lebensgefühls basieren. Aber vielleicht ist das genau ihre Strategie, den Klischees vom mediterranen Wohlfühlklima zu entkommen.

Deutsche Bank Kunsthalle, Unter den Linden 13/15, bis 8. September, tgl. 10 – 2 Uhr. Das gesamte Veranstaltungsprogramm ist unter www.deutsche-bank-kunsthalle.de zu finden.

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