Kultur : Bärte, Berge, Bayernland

Oberammergau-Doku: „Die große Passion“

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Jörg Adolph tappt in die Messias-Falle, und er weiß das. Sein zweieinhalb Stunden langer, kurzweiliger Dokumentarfilm über die Passionsspiele in Oberammergau hat viele Helden, aber nur einen Messias. Und der heißt nicht Jesus, sondern Christian.

Christian Stückl ist Oberammergauer, gelernter Holzschnitzer, Regisseur, Intendant des Münchner Volkstheaters und 2010 zum dritten Mal Spielleiter des weltbekannten Laienspiels von Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Der leidenschaftliche Motivator und Menschendompteur ist fast in jeder Filmszene präsent. Unter seiner Leitung ist das auf ein Pestgelübde von 1633 zurückgehende Passionsspiel zu einer religiös grundierten, dennoch weltlich professionellen Theaterproduktion geworden. Jede Frömmelei, jede Folklore ist daraus verbannt – und das trotz des pittoresken Szenarios aus Bärten, Bergen und Bayernland.

Jörg Adolph – vergangenes Jahr erhielt er für sein Porträt des Göttinger Verlegers Gerhard Steidl "How to make a book with Steidl" den Deutschen Dokumentarfilmpreis und die Goldene Taube des Leipziger Dokfilmfestivals – hat mit seinem Kameramann Daniel Schönauer zwei Jahre im idyllischen Ammertal verbracht, um die vielen Facetten des alle zehn Jahre stattfindenden, eine halbe Million Menschen anziehenden Riesenunternehmens ins Bild zu setzen. Ohne Kommentar, ohne Interviews, was für Oberammergau-Neulinge sowie Preußen wohl manche Frage offen lässt.

Die raffinierte Montage aus 300 Stunden Filmmaterial hat Anja Pohl besorgt. Dabei sind schon in die Beobachtung der zwei Jahre dauernden Vorbereitungsarbeit dramaturgische Brüche eingebaut. „Die große Passion“ zeigt Gemeindestreitigkeiten, Besetzungsquerelen, die Tourismusmaschine, die Geldprobleme, den Medienauftrieb, alles Unheilige also am jahrhundertealten Heilsgeschäft. Vor allem aber zeigt er die Hingabe an Gemeinschaft, Tradition, Spielfreude und, ja, Glaubenssuche. Jeder zweite der 5000 Dörfler macht bei den 100 Vorstellungen des sechsstündigen Passionsspiels mit. Dabei hat der Film viele sturzkomische Szenen: die beiden Jesus-Darsteller beim Probehängen am Kreuz, die Hohen Priester und Römer beim Kickern in der Spielpause, Jesus, der sich zwischen Kreuzigung und Auferstehung eilig das Theaterblut abduscht. So nah ist selbst mancher Einheimische dem Mythos Oberammergau noch nie gekommen. Da darf etwas Seligsprechung, ein bisschen Hommage schon sein. Gunda Bartels

Capitol, Cinema Paris, International

und Sputnik

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