• Banu Cennetoğlu und ihre Liste gestorbener Flüchtlinge: Wenn vom Leben nur eine Druckspur bleibt

Banu Cennetoğlu und ihre Liste gestorbener Flüchtlinge : Wenn vom Leben nur eine Druckspur bleibt

Die Künstlerin Banu Cennetoğlu erinnert an die Menschen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind. Sie gibt ihnen Namen. Eine Aktion von Maxim Gorki Theater und Tagesspiegel.

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Sie hält sich im Hintergrund. Banu Cennetozlu im Hain vor dem Maxim Gorki Theater.
Sie hält sich im Hintergrund. Banu Cennetozlu im Hain vor dem Maxim Gorki Theater.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Tote brauchen Namen, wie Neugeborene. Tote brauchen einen Namen und einen Raum, so wie die um sie Trauernden einen Ort brauchen, um trauern zu können. Die Anstrengung, solche Räume zu schaffen, steht am Beginn der Zivilisation und Kultur. Banu Cennetoğlu hat sich dieser Aufgabe verschrieben. Sie ist zu einem Teil ihres Lebens geworden: „The List“.

Banu Cennetoğlu, 1970 in Ankara geboren, ist eine international erfolgreiche Künstlerin. Zu ihren Stationen gehören die Biennale in Berlin und Istanbul, der Bonner Kunstverein, das San Francisco Art Institute. 2009 hat sie den türkischen Pavillon bei der Biennale in Venedig mit gestaltet, 2016 war sie DAAD-Gast in Berlin. Ihre Arbeit dreht sich um das Sammeln und Archivieren, sie vertraut dabei den traditionellen Medien des Buchs, der Zeitung. Sie braucht den Halt eines gedruckten Werks, die Haptik in einer haltlosen Welt. Das vermittelt „The List“ auf schmerzhafte Art. Banu Cennetoğlu tut etwas zutiefst Humanes, und sie sagt: „Es ist kein Kunstwerk. Es ist, was es ist“.

„The List“. An diesem Donnerstag liegt sie dem Tagesspiegel bei. 48 Seiten, schmucklos, kommentarlos. „The List“. Eine Kooperation des Tagesspiegels mit dem Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters. Diese Liste dokumentiert die Namen von Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten, die seit 1993 innerhalb oder an den Grenzen Europas gestorben sind. Jeder Mensch auf dieser Liste, jeder Tote hat eine Zeile. Herkunft, Todesdatum. Mehr als in jeder Meldung, jeder Nachricht aus dem Mittelmeerraum. Die Daten werden vom europäischen Netzwerk United for Intercultural Action zusammengestellt und aktualisiert. In diesem Netzwerk korrespondieren bis zu 500 Plattformen, Organisationen, Büros, Einzelpersonen. Manchmal dauert es Jahre, bis Informationen über Vermisste auftauchen (Stand der Liste: 15. Juni 2017).

Jeder Eintrag ein Schicksal, ein verlorenes Leben

Die griechische Tageszeitung „Ta Nea“ veröffentlichte 2007 in Zusammenarbeit mit Banu Cennetoğlu eine Liste mit den Namen von 8855 Toten. 2010, bei einer von der Kunsthalle Basel organisierten Plakataktion, umfasste „The List“ 13 284 Todesfälle. Die Liste, die Banu Cennetozlu jetzt in dieser Zeitung vorlegt, hat 33 293 Positionen. Jeder Eintrag ein Schicksal, ein verlorenes Leben. Nur die „Spitze des Eisbergs“, sagt Banu Cennetoğlu. Tatsächlich sind viel mehr Menschen auf der Flucht gestorben, im Mittelmeer ertrunken. Keiner kennt ihre Zahl. „The List“ dokumentiert, was an Daten beizubringen ist.

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Ausnahme. Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters, ist eine der wenigen Frauen in der Theaterleitung.
Gorki-Intendantin Shermin Langhoff über tote Menschen und eine diverse Mehrheitsgesellschaft

Im Sommer bei der Documenta in Kassel stand am Giebel des Fridericianums der Satz: „Being safe is scary“. Banu Cennetoğlu hat ihn dort anbringen lassen. Er stammt aus einer Universität in Athen, vom März 2016, als die EU mit der Türkei das sogenannte Flüchtlingsabkommen schloss. Es ist beängstigend, in Sicherheit zu sein. Der Satz spiegelt die unsichere Situation der Geflüchteten, aber zugleich auch die Haltung der Menschen in Europa, die fürchten, wegen der ankommenden Flüchtlinge ihren Wohlstand und ihre soziale Ordnung zu verlieren.

Sie will, dass die Menschen lesen – was da in der Zeitung liegt wie ein fremdes, verstörendes Fundstück. Zum Gorki-Herbstsalon stellt der aus Syrien stammende Künstler Manaf Halbouni am Brandenburger Tor sein „Monument“ auf, eine Riesenskulptur aus Reisebussen. Solche Barrikaden haben die belagerten Bürger in Aleppo gebaut, um sich vor Scharfschützen zu sichern. „Being safe is scary“, immer wieder. Auf Litfaßsäulen im Zentrum Berlins werden dann auch die Seiten der „Liste“ zu finden sein. Noch einmal betont Banu Cennetoğlu, dass „The List“ keine Kunstaktion sei. Damit will sie die Liste vielleicht vor Missverständnissen schützen. Der Name der Künstlerin steht irgendwo versteckt in all dem Kleinstgedruckten. Auf sie soll es nicht ankommen. Die Liste wird nicht in Ausschnitten, nur als Ganzes veröffentlicht. Darauf besteht sie. Es sei auch nicht, wie sie manchmal gehört hat in all den Jahren, nicht „Banus Liste“.

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