Berlin-Film "Oh Boy" : Impromptu der Großstadt

Schwarzweiß. Jazz. Alleinsein unter Leuten. In seinem Debüt "Oh Boy" erzählt Jan-Ole Gerster von 24 Stunden im Leben eines jungen Müßiggängers - mit Tom Schilling in der Hauptrolle.

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Immer wieder treten immer wieder andere Leute Niko (Tom Schilling) ziemlich nahe.
Immer wieder treten immer wieder andere Leute Niko (Tom Schilling) ziemlich nahe.Foto: X-Verleih

Nein, dieser Typ ist kein Jean-Paul Belmondo, im Gegenteil, obwohl er dauernd raucht. Und das Mädchen, das da frühmorgens verstört aus dem Bett kriecht, weil der Typ schon wieder abzuhauen droht, ist auch keine Jean Seberg, nur weil sie so kurzes Strubbelhaar hat und einen sehr besonderen Blick. Nein, das hier ist nicht Godards „Außer Atem“ - und in diesem so zart dahingleitenden Film ist überhaupt niemand außer Atem, es sei denn der Zuschauer.

Und wer wird denn gleich an „Berlin - Ecke Schönhauser“ denken, nur weil der Film teilweise Pappelallee Ecke Schönhauser spielt, in einer Wohnung, die mit ihren Kartonstapeln wie für immer frisch bezogen scheint? Sicher, es gibt ein paar Großmäuler wie in dem Defa-Klassiker, zu dem Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch geschrieben hat, aber auch sie sind irgendwie sehr Post-Ost. Und trotzdem. Liegt es an der jazzgespeisten Retro-Stimmung, die „Oh Boy“ durchzieht, oder am betörenden Schwarz-Weiß, das dieser Film mit den beiden über 50 Jahre alten gemeinsam hat?

Klar, Klassiker, diese zwei. Aber jetzt nicht gleich erdrückende Vorbilder, erst recht keine, die den Blick auf dieses so singuläre Debüt verstellen. Sondern nur schönes anderes Zeug, das einem für einen Augenblick in den Sinn kommt. Wie der Gedanke, dass der von Tom Schilling so zurückhaltend wie eindringlich gespielte Typ namens Fischer, Niko Fischer der absolute Antityp zu Bond, James Bond ist, von dem gerade alle reden. Ja, wer diese Woche nicht unbedingt den Daniel Craig braucht, um sich im Kino zu Hause zu fühlen, der sollte unbedingt bei Tom Schilling vorbeischauen, und nächste Woche und übernächste auch.

Niko also. 24 Stunden im Leben von Niko, 24 Stunden Berlin, gespiegelt in episodischen Begegnungen Nikos mit Leuten, die er aus der näheren und fernen Lebensnachbarschaft kennt – auch wenn Regisseur Jan-Ole Gerster (siehe Tsp-Porträt vom 30. Oktober) die Vokabel Berlinfilm lieber vermeidet. Und doch ist „Oh Boy“ auch eine Hymne auf das kalte, verlorene, einsame Berlin, wie es heute in aller Ruhe weiterexistiert, neben der ach so hippen Stadt gleichen Namens.

Niko ist ein Slacker, ein Drifter, ein Müßiggänger, einer, der sein Studium geschmissen hat und nichts anderes angefangen, einer, der jung ist, irgendwo in den Zwanzigern noch, aber kaum mehr was auf die Reihe kriegt. Der besondere Tag, an dem er eine Art Freundin verliert und für länger den Führerschein und definitiv die monatliche Überweisung vom Papa, ist eigentlich ein gewöhnlicher. Nur kommt alles auf einmal. Doch nichts von dem, womit üblich plotgesteuerte Filme dann so anfangen, fängt an.

Niko geht durch diesen Tag wie durch andere, vorsichtig, beobachtend, leise. Vom fiesen Idiotentest-Psychologen lässt er sich ebenso wenig provozieren wie von einem zudringlichen Nachbarn (Justus von Dohnányi), den BVG-Zivilkontrollettis entkommt er mit letzter Geschmeidigkeit, und darüber, dass der reiche Vater (Ulrich Noethen) ihm nun den Geldhahn abdreht, darf und will er sich nicht beklagen. Die sexuelle Attacke einer Ex-Mitschülerin (Friederike Kempter), die er früher gehänselt hat, übersteht er mit Würde, und auch Kumpel Matze (Marc Hosemann) darf ungestraft seine Witzchen mit ihm machen. Und trotzdem fragt Niko sich, ob nicht all die anderen sehr seltsame Leute sind, sondern eher er selbst. Ist er nicht.

Die Darsteller, die das Panoptikum um den famosen Tom Schilling bilden, laufen zu außergewöhnlicher Form auf – vor allem Justus von Dohnányi und Ulrich Noethen hat man so wohl noch nie gesehen. In nur 82 Minuten vergeht Nikos Tag von Morgengrauen bis Morgengrauen und zieht einem zugleich das Zeitgefühl weg, so schön unendlich dauert diese Sinfonie der Großstadt. Ach was, Sinfonie. Ein Impromptu ist Jan-Ole Gerster da gelungen, eines, das man immer wieder hören will.

Cinemaxx, Delphi, Hackesche Höfe, FaF, International, Kulturbrauerei, Yorck

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