Berlin-Fotograf Karl-Ludwig Lange : Stadt der Narben

Karl-Ludwig Lange ist einer der wichtigsten Berlin-Fotografen der Nachkriegszeit. Zehn Ausstellungen zeigen seine Arbeiten.

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Das Kranzler Eck in Berlin fotografierte Lange 1994.
Die Straßen im Blick: Das Kranzler Eck fotografierte Lange 1994.Foto: Karl-Ludwig Lange

Berlin war nach 1945 eine Stadt im Wartestand. Getrennt, geteilt, am Ende von einer Mauer durchschnitten. Von der alten Bedeutung war nicht mehr viel übrig, vom alten Glanz erst recht nicht. Durchhalten und weitermachen, lautete die Devise. Auf bessere Tage hoffen. Ins Bild gefasst hat dieses Lebensgefühl der Fotograf Karl-Ludwig Lange, als er in den siebziger Jahren wartende Passanten an Fußgängerampeln an der Charlottenburger Fasanenstraße und in der Schönhauser Allee am Prenzlauer Berg aufnahm.

Im Westen stehen Halbstarke in Schlaghosen und mit Günter-Netzer-Frisuren und Wirtschaftswunder-Neureiche in teuren Mänteln vor Juwelier- und Nachtclub-Reklamen. Im Osten sind die Fassaden und die Träger der Hochbahntrasse schwarzgrau verrußt, und die Mäntel entsprechen nicht der allerletzten Mode. Aber die Gesichter in beiden Teilen der Stadt ähneln einander. Sie blicken skeptisch in die Welt. Genauer gesagt: mürrisch.

Die Stasi interessierte sich brennend für Langes Arbeit

Als Karl-Ludwig Lange damals die Fotos an der Schönhauser Allee gemacht hatte, waren sofort zwei, drei auffällig unauffällige Männer mit Schäferhunden bei ihm. Die Staatssicherheit interessierte sich brennend für die Arbeit des West-Fotografen. „In der DDR war man auffällig, wenn man auf der Straße Bilder machte, die keine Familienbilder waren“, erzählt er. Also zog Lange es vor, fortan bis zum Mauerfall nicht mehr in den „Arbeiter- und Bauern-Staat“ einzureisen. Schließlich gab es auch in den Westsektoren der Stadt noch genügend Motive für seine stadthistorischen und soziologischen Langzeituntersuchungen. Auch wenn nicht allzu viele seinen Namen kennen, so ist Lange doch wahrscheinlich der wichtigste Berlin-Fotograf der Nachkriegszeit. Sein Thema ist die Veränderung.

Seit mehr als vierzig Jahren fotografiert Karl-Ludwig Lange die sich stetig verwandelnde Stadt in all ihren Facetten. Dabei hat er ein gigantisches visuelles Archiv erschaffen. Gerade ist im Nicolai-Verlag der Bildband „Der Photograph in seiner Zeit“ erschienen. Und zum „Monat der Fotografie“ präsentieren die Kommunalen Galerien in einer konzertierten Aktion an zehn Standorten in sieben Bezirken mehr als tausend Berlin-Ansichten von ihm. Ein Triumph? Lange gibt sich bescheiden: „Das ist schon ganz nett. Etwas Ähnliches ist, glaube ich, bislang noch nicht da gewesen.“

Die Rückseite Berlins

Dabei sind seine Bilder für die Berliner Tourismuswerbung kaum geeignet. Lange interessiert sich nicht für die Sehenswürdigkeiten der Stadt, sondern eher für ihre Rückseite, das Alltagsgesicht. Im heute hippen, damals unsanierten Schöneberger Crelle-Kiez hat er 1986 zerbröselnde Hinterhofbauten noch mit den Einschusslöchern von 1945 abgelichtet, die Werbung auf einer porösen Fassade am Kaiser-Wilhelm-Platz verspricht sarkastisch: „Bärenbier bringt gute Laune.“ Der Wedding erinnert um 1990 an die unheilvollen Kulissen eines Film Noir, und selbst wenn die Berliner einmal 1978 in einem Freiluftcafé in Tegelort feiern gehen, sitzen dann doch nur verbiestert dreinschauende Rentner an den Tischen. Draußen – das versteht sich von selbst – gibt es nur Kännchen.

Berlin-Fotograf Karl-Ludwig Lange
Karl-Ludwig Lange: Märkisches Viertel 1974 aus der Serie Der Westen 1973-1986, 1974.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: alte feuerwache. Projektraum
23.10.2014 13:23Karl-Ludwig Lange: Märkisches Viertel 1974 aus der Serie Der Westen 1973-1986, 1974.

Karl-Ludwig Lange erzählt von Narben, Brüchen und Brachen

„Wo sieht es hier in Berlin chic aus?“, fragt Karl-Ludwig Lange und gibt sich gleich selbst die Antwort: „In der Friedrichstraße, einem ganz kleinen Teil der Stadt, da sieht es chic aus. Ansonsten: nirgends.“ Die Narben, Brüche und Brachen der Stadt zu zeigen, das ist für ihn „eine Form von Realismus“. Nur mit der Behauptung, Berlin sehe auf seinen Bildern immer „so grau“ aus, darf man ihm nicht kommen. „Blödsinn“, sagt er dann und weist auf die Ausstellung hinter ihm im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee, wo er zum Interview empfangen hat: „Da scheint doch die Sonne!“ Tatsächlich, viele Aufnahmen seiner Serien aus dem Wedding und dem Niemandsland um die Bornholmer Brücke gleich nach 1989 sind sonnendurchflutet. Fröhlicher wirken diese Bilder von Orten und Häusern, die erkennbar die Last der Geschichte tragen, deshalb aber nicht.

Berlin ist für Lange noch immer ein Schauplatz der Zerstörung. „Man hat die Stadt im Zweiten Weltkrieg angezündet“, sagt er. „Nach dem Krieg bestand Berlin dann zu 97 Prozent aus Trümmern. Aber man hat so getan, als ob hier das pralle Leben wäre.“ So gesehen könnten Langes Werke helfen, das kollektive Wissen über die Geschichte und die Gegenwart der Stadt ein wenig zu korrigieren. Lange, der vor 65 Jahren im westfälischen Minden geboren wurde, kam 1967 nach Berlin, nachdem er seine Schulausbildung abgebrochen hatte. Weil ihn „das Fotografieren gerade am meisten interessierte“, begann er eine Lehre in einem Fotoatelier.

"Existenzangst habe ich bis heute"

Anschließend arbeitete er als Assistent bei dem damals in München ansässigen Starfotografen Will McBride und dem Schweizer Werbeprofi James Perret. Nach einem Volontariat bei der Nachrichtenagentur dpa blieb Resignation: „Ich habe Premierenfotos am Theater gemacht und einen gerade geborenen Gorilla am Zoo aufgenommen. Das Passierscheinabkommen war in jenen Jahren ein absoluter journalistischer Höhepunkt. Ansonsten gab es aus Berlin nichts zu berichten.“ Deshalb machte Lange sich selbstständig, aber eben nicht als Fotoreporter, sondern als Kunstfotograf. „Existenzangst habe ich bis heute“, gesteht er. Hauptsächlich lebt er von Museumsankäufen und Stipendien.

Eines der schönsten Bilder von Lange, entstanden 1974, zeigt einen rauchenden Mann in der Kreuzberger Admiralstraße. Hinter ihm prangt eine Parole an der Wand: „Bürger werden über den Äther am Kopf mit Sendern angegriffen und gefoltert.“ In Berlin, auch das belegen diese Fotos, war der Wahnsinn schon immer zu Hause.

Haupteröffnung der bis 19. Juli laufenden Ausstellungen am Sonntag, 26. 10., um 12 Uhr in der Kommunalen Galerie Berlin, Hohenzollerndamm 176. Weitere Infos: www.mdf-berlin.de. Das Buch „Karl-Ludwig Lange. Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973–2004“ ist im Nicolai-Verlag erschienen (34,95 €).

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