Berlinale: Perspektive Deutsches Kino : Kellerzimmer mit Seeblick

Real, surreal, psycho: Die Reihe PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO auf der Berlinale zeigt Nachwuchsregisseurinnen und -regisseure mit einem Hang zum Abgründigen.

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Fast Ingmar-Bergman-Qualitäten: Godehard Giese in "Im Sommer wohnt er unten" von Tom Sommerlatte.
Fast Ingmar-Bergman-Qualitäten: Godehard Giese in "Im Sommer wohnt er unten" von Tom Sommerlatte.Foto: Samuel Arnaud

Die Sonne trügt. Zwar sieht in diesem Haus an der französischen Atlantikküste äußerlich alles nach relaxtem Savoir vivre aus. Aber von Ferienstimmung ist nichts zu spüren. Die Beziehung zwischen Matthis und seiner Freundin Camille ist schon zu Beginn gewitterbedroht. Und als Matthis’ Bruder mit seiner Frau in das elterliche Anwesen einfällt und gleich den Platzhirsch markiert, herrscht endgültig Eiszeit am Pool.

Mit welcher psychologischen Finesse Regisseur Tom Sommerlatte in seinem Debüt Im Sommer wohnt er unten die Machtverhältnisse in diesem Quartett auslotet und kippen lässt, das hat fast Ingmar-Bergman-Qualitäten. Ein starker Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino, die 14 abendfüllende sowie mittellange Spiel- und Dokumentarfilme zeigt.

Forcierter Psychothrill: "Sibylle"

Dass die deutschen Nachwuchsregisseurinnen und -regisseure Genre können, haben frühere Jahrgänge bereits bewiesen. Was diesmal auffällt, ist ein starker Hang zum Doppelbödigen, Abgründigen, Surrealen. In Jakob M. Erwas Psychothriller HomeSick bezieht ein nettes junges Gentrifizierer-Pärchen die Wohnung über einer seltsamen Altbewohnerin, die sich als „heimliche Hausmeisterin“ vorstellt – bald häufen sich die Merkwürdigkeiten. Forcierten Psychothrill entwickelt auch Sibylle, einer von zwei Filmen mit einer großartigen Anne Ratte-Polle in der Hauptrolle. Hier spielt sie eine Ehefrau und Mutter, die beim Joggen im Italienurlaub den Klippensturz einer Frau beobachtete. Die Frau scheint ihr seltsam zu ähneln – woraufhin ihr Leben völlig aus der Bahn gerät.

"Elixir" zeigt politische Aktion auf einer Modenschau

Wohin man auch blickt: verschobene und verschrobene Realitäten. Regisseur Brodi Higgs lässt in Elixir eine Gruppe Neosurrealisten in ihrer exzentrischen Berliner Fabriketage eine politische Aktion auf einer Modenschau planen. In Mara Eibl-Eibesfeldts Debüt Im Spinnwebhaus wird die Geschichte dreier von der Mutter zurückgelassener Kinder als finster-fabulierfreudiges Sozialmärchen in Schwarz-Weiß erzählt. Und in der hochkomischen Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos schlägt ein Student (Pit Bukowski) bei einem schrägen Paar in deren Waldbehausung als Untermieter auf. Sein fensterloses Kellerzimmer quittiert er mit der Frage: „Stand in der Annonce nicht Seeblick?“ Bei den Filmen dieser Perspektive lautet die Losung eben: Trau keinem! Auch deinen Augen nicht.

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