Berlinale Perspektive : Zeit der Kannibalen

Der deutsche Film sucht Erzählstoff in der weiten Welt – doch ist gerade in der Heimat richtig gut. Die Perspektive Deutsches Kino zeigt das: ausgerechnet mit einem Found-Footage-Horrorstreifen von Comedy-Schauspieler Axel Stein.

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"Tape_13" von Axel Stein: Anleihen bei "Blair Witch Project"
"Tape_13" von Axel Stein: Anleihen bei "Blair Witch Project"Foto: Rat Pack Filmproduktion

Welches Schwellenland hinter den smogverdreckten Scheiben des Luxushotels liegt, spielt keine Rolle: Indien, Nigeria, egal. Hier geht es nicht um Menschen, sondern um Märkte. Und wenn draußen Schüsse fallen, zuckt Frank Öllers (Devid Striesow) nur mit den Schultern: „Vielleicht hat irgendein Kopftuchmädchen seinen Jungfrauentest nicht bestanden, und jetzt gibt's eine Massenvergewaltigung oder Steinigung.“ Er und sein Partner (Sebastian Blomberg) verschieben zum Frühstück 120 Millionen Produktionsvolumen und bezahlen Zimmermädchen für Sex.

Sie sind die Bluthunde der Global Economy – und fühlen sich pudelwohl dabei. Bis ihre Consulter-Kumpanei durch die Neue im Team gestört wird, Bianca März (Katharina Schüttler). Die kennt nicht nur ihre Branche bestens („Keiner hat mehr Spaß am Kapitalismus, außer den Chinesen“), sondern weiß, wie sehr Konkurrenz das Geschäft belebt. „Zeit der Kannibalen“ heißt die bitterböse, toll gespielte Groteske von Regisseur Johannes Naber, die ein Höhepunkt der diesjährigen „Perspektive Deutsches Kino“ ist. Ausschließlich in gesichtslosen Hotelzimmern mit verfremdeten Betonklötzen vor den Fenstern gefilmt, zeigt Nabers Berater-Moritat im Business-Jargon („People, Profit, Planet!“) die Globalisierung der Gleichgültigkeit.

Womit der Film im Trend liegt: Der deutsche Regie-Nachwuchs sucht das Weite. Auffallend viele Werke der „Perspektive“ lassen diesmal die Landesgrenzen hinter sich. Und die eigenen Sorgen daheim.

Gleich zwei Dokumentationen finden ihre Themen in Kirgistan, offensichtlich das nächste große Ding: „Flowers of Freedom“ von Mirjam Leuze schildert den Kampf einer Gruppe von Umweltaktivistinnen im Dorf Barskoon, die gegen die Umweltsauereien der dortigen Goldminenbetreiber zu Felde ziehen. Und die Kurzdoku „Bosteri unterm Rad“ von Levin Hübner stößt auf absurdere Verhältnisse. Am Ufer des Issyk-Kul nämlich, einem der weltgrößten Gebirgsseen. Im angrenzenden kirgisischen Steppenkaff Bosteri warten Riesenrad und Achterbahn auf Touristen, die nicht gerade in Scharen zu strömen scheinen. Die Fahrgeschäfte sind nur zwei Monate im Jahr in Betrieb. Kluge Einwohner liefern dazu Lebensweisheiten, wie jener alte Fischer, der in die Kamera erklärt: „Hoffnung ist das Wichtigste von allem.“

Interessant wird der deutsche Film, wenn er Genre wagt

Ein Hauch von Vergeblichkeit durchweht auch den Kurzspielfilm „El carro azul“ von Regisseurin Valerie Haine, die zwei ungleiche Brüder auf Kuba zeigt. Die sitzen im sozialistischen Verfall – der eine ist behindert, der andere hat Sex mit Transvestiten – und warten auf das titelgebende blaue Auto. In die Ferne schweifen heißt eben nicht automatisch, das Glück zu finden.

Bajuwarisch- indische Liebesturbulenzen: "Amma und Appa"
Bajuwarisch- indische Liebesturbulenzen: "Amma und Appa"Foto: Berlinale

Dafür bietet die „Perspektive“ zwei Kulturen-Clash-Komödien mit garantiertem Wohlfühlfaktor. „Anderswo“ von Ester Amrami erzählt eine deutsch-jüdische Liebesgeschichte zwischen Berlin und Tel Aviv. Studentin Noa arbeitet an einem Wörterbuch für unübersetzbare Begriffe und fühlt sich auch in ihrer Beziehung mit dem Deutschen Jörg lost in translation – was während einer gemeinsamen Begegnung mit Noas dysfunktionaler Familie in Israel aber ins glückliche Ende eskaliert. Und die autobiografische Dokumentation „Amma & Appa“ von Franziska Schönenberger und Jayakrishnan Subramanian zeigt die bajuwarisch-indische Variante der internationalen Liebesturbulenzen. Schön, wenn beispielsweise die Eltern der Regisseurin ihre Aufwartung in Cuddalore machen und dort Jayakrishnans Eltern erklären, die Franzi habe „schon immer einen Hang zum Exotischen“ gehabt. Allerdings bleibt das Liebesheirat-contra-Vernunftehe-Geplänkel arg gefällig.

Gerade die Dokumentationen waren in den vergangenen Jahren schon stärker. Hier überrascht nur Georg Nonnenmacher mit „Raumfahrer“. Der zeigt einen Gefangenen-Verschub aus Sicht der Häftlinge und lässt sie über ihre Situation sinnieren („Die Realität hat mich oft ein bisschen runtergezogen“).

Die meisten der 14 Lang- und Kurzfilme der Sektion machen nichts falsch. Wie der Eröffnungsfilm „Hüter meines Bruders“ von Maximilian Leo, der durchaus kunstvoll von einem braven Arzt erzählt, den das Verschwinden seines freigeistigen Bruders aus der Bahn bringt. Dazu gibt es ambitionierte Filmessays („Szenario“ und „Nebel“) und rau erzählte Drogendramen („Die Unschuldigen“).

Aber wirklich interessant wird es überraschenderweise erst, wenn Genre gewagt wird: Ausgerechnet Comedy-Schauspieler Axel Stein legt mit „Tape_13“ ein Horrorfilmdebüt im Found-Footage-Stil vor, das völlig unbefangen bei „Blair Witch Project“ und „Paranormal Activity“ klaut – aber so packend von einem entfesselten Dämon in der Eifel erzählt, dass man sich dem Grusel nicht entziehen kann. Und „Der Samurai“ von Till Kleinert – die Geschichte eines Dorfpolizisten, der mit seinen verdrängten Begierden in Gestalt eines wölfischen Kriegers konfrontiert wird – ist als wilder Horror-Western-Bastard überhaupt ein Hit. Zwei Filme aus heimischen Gefilden, die zeigen: Etwas Besseres als den Tod findest du überall.

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