Berliner Literaturpreis an Olga Martynova : Papagei und Lorelei

Die russischstämmige Lyrikerin und Erzählerin Olga Martynova.erhält den Berliner Literaturpreis 2015. Die mit 30000 Euro dotierte Auszeichnung ist verbunden mit der Heiner-Müller-Gastprofessur der Dreien Universität Berlin.

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Rote Lippen, Rotes Rathaus. Olga Martynova bei der Preisverleihung.
Rote Lippen, Rotes Rathaus. Olga Martynova bei der Preisverleihung.Foto: Gerald Zörner/gezett.de/SPS

Bücher, heißt es in ihrem träumerischen Langpoem über den Dichter Alexander Wwedenski, öffnen sich „blättrig wie Fischfleisch“, sie locken nixengleich. „Ihre Flossen knistern unhörbar unter der Hand: / Es kitzelt die Finger und lachen machts die Papier-Lorelei.“ Olga Martynova glaubt noch genau zu wissen, wie die beiden frisch erstandenen Bände mit den Werken ihres Leningrader Landsmanns einst ihre „grauen Mäuler auftaten“, um zu ihr zu sprechen und ihr dabei auch etwas von den „Möglichkeiten des Nichtverstehens“ verrieten, ohne die Wwedenski zufolge, der zusammen mit seinem Freund Daniil Charms der avantgardistischen Künstlergruppe Oberiu angehörte, kein Verstehen möglich ist.

Wenn der Große Saal im Roten Rathaus seine Türen öffnet, tut sich erst einmal sehr viel weniger Geheimnis auf. Doch ist nicht auch er ein Ort zwischen den Zeiten und Welten? Unter mächtigen Kronleuchtern erstrahlt auf mehr als 20 Quadratmetern Anton von Werners Gemälde über den Berliner Kongress von 1878, auf dem neben Bismarck auch der russische Diplomat Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakow zu sehen ist. Zugleich weht selbst im Jahr 2015 noch etwas trübe Postsozialistisches durch die Reihen.

Preußische Seehandlung nennt sich die Stiftung, die Olga Martynova in diesem Jahr mit dem Berliner Literaturpreis auszeichnet, der seit 2005 mit der Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität verbunden ist. Mit den Versen der 1962 im sibirischen Dudinka geborenen Schriftstellerin im Hinterkopf nährt der Name die Hoffnung, dass sich auch hier gleich allerlei Wassermänner und Meerjungfrauen tummeln könnten. In Gestalt der Lyrikerin Elke Erb, ihrer über 20 Jahre älteren Freundin und Übersetzerin, steht dann aber eher eine Koboldin auf der Bühne, die in den erratischen Sätzen ihrer Laudatio alle Möglichkeiten des Nichtverstehens ausreizt.

Kapriolenhaft jagt sie über die Assoziationsfelder, die das Werk der Preisträgerin aufschließt. Erb schlägt den Bogen zwischen St. Petersburg und Leningrad, den Verpuppungen einer Stadt, die nach wie vor einen entscheidenden Erfahrungsraum von Martynovas Texten bildet, sie spricht vom Schamanischen, das in Martynovas zweiten Roman „Mörikes Schlüsselbein“ Eingang gefunden hat, sie nimmt Bezug auf die antirealistischen Provokationen der Oberiuten und misst die Pole zwischen Mythologischem und Science-Fiction aus.

Das klingt strapaziös, wenn man nicht wüsste, dass vor allem Martynovas auf Deutsch geschriebene Prosa ein hohes Maß an Charme und Leichtigkeit besitzt. Absichtsvoll enigmatisch, als erklärtes Gegengift zur Rationalität ihres ersten Romans „Sogar Papageien überleben uns“, ist höchstens die auf Russisch geschriebene Lyrik, die darin aber, wie Martynova im Vorwort zum jüngsten ihrer drei Gedichtbände „Von Tschwirik und Tschwirka“ bekennt, ein ganz eigenes Spiel treibt. Die beiden körperlosen Himmelswesen des Titels, die die Sprache der Erdbewohner zu entziffern versuchen, macht nämlich nur das Deutsche zu „schwierigen“ Zeitgenossen. Im Russischen eignet ihnen klanglich etwas Schwereloses.

Olga Martynova, die sich das Deutsche erst im Alter von 30 Jahren mit Fleiß und Zähigkeit eroberte und heute mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Oleg Jurjew, in Frankfurt am Main lebt, siedelt auf der Grenze zweier Kulturen, die sie als unermüdliche und unermüdlich genaue Leserin längst in etwas literarisch Polyglottes verwandelt hat. „Engel überreichen das Gewünschte“ lautet, nach einer Zeichnung von Paul Klee, der Titel ihres ersten Theaterstücks, aus dem sie zum Schluss einige Ausschnitte liest. Wie man Götterboten so kennt, ist es sicher eine Überraschung. Gregor Dotzauer

Im LCB lesen am Mittwoch, 29. April, um 20 Uhr Olga Martynova und Oleg Jurjew. Am Donnerstag, 30. April, hält sie um 18 Uhr in der Rostlaube der FU ihre öffentliche Antrittsvorlesung.

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