Berliner Straßenchor : Wenn’s kracht, dann richtig

Im Berliner Straßenchor singen Wohnungslose, Arbeitslose, Prostituierte. Jetzt zeigen sie ihre Version der „Carmina Burana“. Ein Probenbesuch.

Tilman Strasser
"Ich mache sicher nicht alles richtig. Aber ich mache es einfach." Stefan Schmidt (vorne) und der seit sechs Jahren bestehende Berliner Straßenchor.
"Ich mache sicher nicht alles richtig. Aber ich mache es einfach." Stefan Schmidt (vorne) und der seit sechs Jahren bestehende...Foto: Georg Moritz

„Ich bin Gotthold, 68 Jahre. Frau weg, Auto weg, Leben weg? Geht schneller, als du denkst.“ – „Carla, 30 Jahre. Ich hab die Straße in mir drin, und die geht auch nicht mehr raus.“ – „Claus, 43, und seit zehn Jahren positiv.“ Die Sätze hallen länger nach, als die Akustik im Neuköllner Heimathafen eigentlich erlaubt. Gestalt um Gestalt tritt unter Trommelschlägen vor, blinzelt ins Scheinwerferlicht und umreißt mit wenigen Worten ein Schicksal. „Ich bin Andreas. Ich hatte mal eine Firma mit 206 Mitarbeitern.“ Dick, dünn, versehrt oder fit, vom Eben-noch-Teenager zum Doch- schon-längst-Rentner: Alles dabei. Gesichter mit tief eingegrabener Hoffnungslosigkeit neben Gesichtern wie von nebenan. „Die Heidi. Bin zwanzig Jahre auf der Kurfürsten anschaffen gegangen – jetzt gehe ich da zur Chorprobe.“

„Der Chor“, sagt Stefan Schmidt, „ist wie eine Familie.“ Nur eben eine, die sich nicht abwendet. Das unterscheidet ihn von den Familien seiner Mitglieder, den meisten zumindest. „Es gibt eine Menge Gründe, aus denen jemand auf der Straße landet“, sagt Schmidt, „aber fast alle Leute sind zum Schluss allein.“ Als er 2009 den Berliner Straßenchor gründete, sprach sich das schnell herum. Probe in Schöneberg, Gemeindehaus der Zwölf-ApostelKirche, jeden Donnerstag. Offen für alle, „Wohnungslose, Langzeiterwerbslose, Menschen mit Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung, mit Prostitutions- und Drogenproblematiken“, wie der Pressetext schonungslos informiert. „Es kommen immer Leute dazu“, sagt Schmidt. „Und nur ein paar haben aufgehört. Weil sie jetzt einen Job haben.“

Er sieht selbst ein bisschen ungläubig aus, wenn er sich an die vergangenen sechs Jahre erinnert. Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und schüttelt den Kopf. „Dabei war ich auch nur so ein Scheuklappenmensch, der geübt hat, an seine Karriere gedacht hat“, sagt er.

"Es ist geil"

Schmidt ist ausgebildeter Konzertpianist und befand sich mitten in einer vielversprechenden Laufbahn, als er im Finale eines Wettbewerbs zusammenbrach. Herzkrank. Danach spielte er zehn Jahre lang nicht mehr. „Ein neues Leben“ habe er anfangen wollen, suchte nach Alternativen zum elitären Musikbetrieb, zog aus Frankfurt nach Berlin. Das Singen kannte er noch vom Vater, der Chordirigent war, eine Freundin von ihm war Sozialarbeiterin in der Gegend, eins führte zum anderen – und fast ist diese Geschichte von Irrweg, Bruch und Läuterung selbst für ein Hollywood-Drehbuch zu geradlinig. Säße einem Schmidt nicht mit der glücksstrotzenden Ausstrahlung eines buddhistischen Mönches gegenüber. Und sagte strahlend: „Es ist geil.“

Die Choristinnen und Choristen irren auf der Bühne des Heimathafens umher. Sie halten Papiere in den Händen, lesen murmelnd vor, einer geht mit dem Mikrofon zwischen ihnen hindurch und fängt mal hier, mal dort einige Worte für das Publikum ein. Amtsbriefe sind es, Rückschreiben von Firmen, Krankenkassenbescheide, voll mit Floskeln der Ablehnung. „… bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen …“ „… sehen wir uns gezwungen, Sie bis auf Weiteres …“ „… Sie ihre Lebensberechtigung abzugeben haben. Damit einhergehend erfolgt die gesellschaftliche Ächtung. Hochachtungsvoll: Ihr Ministerium.“ Stille. Und der Zuhörer ist allein mit dieser Ballung behördlich beglaubigter Niederlagen. Kaum auszuhalten. Aber wenn das Licht wieder angeht, scheint es auf erleicherte Mienen – Mienen, die das Glück erahnen lassen, endlich von diesen Niederlagen erzählen zu können.

Das, wahrscheinlich, ist geil: Ihnen, denen sonst keiner zuhört, eine Stimme geben zu können. Im wahrsten Sinne, denn gesungen wird natürlich auch noch im Heimathafen. „Die Straßen Carmina“ ist eine eigenwillige Musical-Variante geworden, mit szenischen Elementen, solistischen und chorischen Liedern und sogar Tanzchoreografien. Die Gesänge der „Carmina Burana“, die schon Carl Orff zu seinem gleichnamigen Opus inspirierten, stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert und handeln von schweren Schicksalsschlägen. Außerdem von Korruption und der Schlechtheit des Menschen im Allgemeinen, aber auch von Liebe und nicht zuletzt Wein.

Bis heute kein Geld von der Stadt

Jede Menge Anknüpfungspunkte also. Dazu hat Regisseur Daniel Ris lange Gespräche mit den Darstellern geführt. Ihre Antworten finden sich über den Abend verteilt und ergeben eine ergreifende Collage der nicht eben geradlinig verlaufenden Lebenswege. Weil das die ganze Sache ziemlich umfangreich macht, fällt bei der ersten Durchlaufprobe dem ein oder anderen sein Text nicht ein. Dann soufflieren die anderen sofort. Familie eben.

Aber halt auch: Familie eben. Oder: „Wenn’s kracht, dann kracht’s richtig“, wie Stefan Schmidt sagt. Da ist das Hollywood-Drehbuch endgültig weit weg: Jede dritte Probe müsse er dazwischengehen, weil sich zwei in die Haare kriegen. Auch schon, weil der eine nicht richtig gegrüßt hat. Das Leben in Armut ist belastend. „Ich mache dabei sicher nicht alles richtig“, sagt Schmidt, „aber ich mache es einfach.“ Anfangs halfen ihm noch Sozialarbeiter, aber anfangs war auch noch das Fernsehen da, und damit das Geld. ZDF Neo, der Spartenkanal des Mainzer Senders, drehte eine mehrteilige Dokumentation. Als diese beendet war, war der Chor bekannt. Politiker kamen und wollten Fotos machen. Geld von öffentlicher Seite gibt es dagegen bis heute nicht.

„Dann muss man halt betteln gehen.“ Stefan Schmidt zuckt die Schultern. Mit einigen Mitstreitern hat er einen Verein gegründet, derzeit gibt es bei den Proben sogar Verpflegung. Alles ehrenamtlich, alles befristet, aber es wird weitergehen. „Nachhaltig“ ist das Wort, das er in diesem Zusammenhang verwendet: „Nachhaltig“ habe er die Initiative gestalten wollen, „nachhaltig“ arbeiten, „nachhaltig“ die Sängerinnen und Sänger begleiten. Mit dem erklärten Ziel, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen: „Matze war totaler Alkoholiker und arbeitet jetzt bei der Spedition. Locke fährt Zeitungen aus. Und eine von uns steht sogar kurz vor dem Abitur.“

„Du kannst nicht singen!“, ruft Margit. Die junge Frau mit der dicken Brille deklamiert ihre Selbstzweifel ins Mikro. „Du doch nicht. Wenn du singst, lachen sie dich alle aus!“ Die Scheinwerfer strahlen unbarmherzig auf die einsame Figur im Bühnenrund. Dann setzt das Klavier ein und Margit tritt, Ton für Ton, den Gegenbeweis an, für alle im Saal und vor allem wohl für sich selbst. Margit singt, der Chor, aus dem Hintergrund, singt mit.

„Ich glaube, wenn man jede Woche etwas mit Leidenschaft macht, lässt sich das aufs ganze Leben übertragen“, sagt Stefan Schmidt. Er sieht schon längst nicht mehr ungläubig aus. Aber stolz.

Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141 , 25./26.2., 20 Uhr