Berliner Verlage : Büchermachen auf dem Küchentisch

Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard gerettet, Unruhe bei Nicolai, Zuversicht bei Suhrkamp: In der Berliner Verlagswelt ist viel Bewegung.

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Umbaumeisterin. Christiane zu Salm, 48, neue Chefin bei Nicolai.
Umbaumeisterin. Christiane zu Salm, 48, neue Chefin bei Nicolai.Foto: Anne Dedert/dpa

Als vor ein paar Wochen die Leipziger Buchmesse zu Ende ging, war alles wie immer: Besucherrekord, Messeleitung begeistert, Aussteller zufrieden, Publikum zufrieden, besonders das junge (Mangas!), Verlage zufrieden. Gerade Letztere machten zudem einen gelassen-coolen Eindruck – und das in dieser Zeit des vielbeschworenen digitalen Wandels, da sie sich, wie es immer so schön heißt, „den Herausforderungen einer sich stark wandelnden Medienlandschaft stellen“ müssen.

Der Eindruck der Coolness könnte jedoch auch täuschen. Seit Anfang dieses Jahres ist viel Bewegung und Unruhe in der Verlagswelt. So trennte sich der Piper Verlag von seinem verlegerischen Leiter Marcel Hartges nach sieben Jahren, um ihn durch die gelernte Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg zu ersetzen. Oder es meldeten die unter einem Dach firmierenden Berliner Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard Insolvenz an.

Oder es hieß hinter vorgehaltener Hand, dass es dem ebenfalls in Berlin ansässigen Nicolai Verlag schlecht gehe, etwa die Mitarbeiter schon länger auf ihre Gehälter warteten. Prompt erfolgte im Februar die Übernahme des Verlags durch die Medienunternehmerin Christiane zu Salm (ehemals MTV, 9 Live).

Die Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard haben Käufer gefunden

Größere Verlage also – wie der zum schwedischen Bonnier Konzern gehörende Piper Verlag – haben genau wie die kleineren ihre Probleme mit dem Strukturwandel und rückläufigen Umsätzen. Für Piper ist es da ein weiterer herber Schlag, dass er gerade eines seiner erfolgreichsten Autoren verlustig gegangen ist: Ferdinand von Schirach, dessen Bücher inzwischen eine Verkaufsauflage von 2,5 Millionen Exemplaren haben, wird demnächst bei Luchterhand veröffentlichen, dem literarischen Vorzeigeverlag von Random House (wohin zuletzt auch Juli Zeh mit ihrem Bestseller „Unterleuten“ gewechselt ist, nach vielen Jahren und Büchern beim kleinen Schöffling Verlag).

Für die insolventen Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard dagegen stellt sich die Lage wieder etwas hoffnungsfroher da: Till Tolkemitt, der Geschäftsführer beider Verlage, hat seinen Verlag Haffmans & Tolkemitt als Meistbietender gewissermaßen zurückgekauft und will in kleinerem Rahmen weitermachen, „vom Küchentisch aus“, wie er das nennt, mit noch weniger Buchveröffentlichungen mutmaßlich. Was aber immerhin auch heißt, dass das Frühjahrsprogramm mit einer zweimonatigen Verspätung doch noch erscheinen soll – darunter Joachim Lottmanns mit Spannung erwartete Novelle „Hotel Sylvia“, der erste Teil von Lottmanns Alterswerk.

Rogner und Bernhard wiederum, der andere Teil des Verlagsverbundes, ist an den in Zürich ansässigen Verlag Kein & Aber verkauft worden, „auch weil sich die Programme beider Verlage in idealer Weise ergänzen“, wie es Ende März in einer Mitteilung etwas nichtssagend hieß.

Suhrkamp kauft sich beim Elisabeth Sandmann Verlag ein

Kein & Aber ist mit knapp 20 Mitarbeitern kein ganz kleiner Verlag. Hier erschien zuletzt Martin Amis’ Holocaust-Roman „Interessengebiet“, hier ist der Bestsellerautor David Nicholls zu Hause, hier veröffentlichte Robert Seethaler erste Bücher. Und Kein & Aber scheute sich auch nicht, das Gesamtwerk von Truman Capote in einer schönen Ausgabe zum Teil neu übersetzt aufzulegen.

Beim Nicolai Verlag dagegen hat die neue Chefin schon heftig durchgegriffen. Dort soll es Kündigungen gegeben haben, wie die Branchenmagazine „Buchmarkt“ und „Buchreport“ berichten. Diese begründete zu Salm Anfang dieser Woche in einer Mitteilung damit, dass „die Umstrukturierung der bisherigen Aufgabenbereiche“ eine „Neuaufstellung des Verlagsteams“ verlangen würde. Dazu gehört der Berliner Literaturagent Matthias Landwehr als Sprecher und Bevollmächtigter von zu Salm. Nicht ganz so konkret wie im personellen Bereich sieht es mit den inhaltlichen Plänen von zu Salm für den Verlag aus. Die „Themen der Aufklärung für das 21. Jahrhundert“ will sie „definieren“, zudem „zentrale Fragen der Gegenwart aufgreifen und in einem populärwissenschaftlichen Kontext publizieren“. Das eine klingt gut, das wollen (und machen) viele; das andere mit dem „populärwissenschaftlichen Kontext“: Schau’n wir mal.

In der Ruhe liegt die neue Kraft

Womit wir bei einem Verlag sind, bei dem es jahrelang schwerste Turbulenzen gegeben hat, der aber seit Monaten nur noch Meldungen produziert, die auf Stabilität hinweisen: Suhrkamp. Während der Leipziger Buchmesse verkündete man dort, nun auch richtige Programmleitungen für die einzelnen Buchbereiche zu haben. Die lagen bis dato alle in der Hand des großen Suhrkamp-Fahrensmanns Raimund Fellinger. Und nun beteiligt sich der Verlag mit Sitz in der Pappelallee (typisches Berliner Provisorium!) gar mit 51 Prozent beim Münchener Frauenbuchverlag Elisabeth Sandmann. („Schöne Bücher für kluge Frauen“). Ab Herbst übernimmt Suhrkamp die Vertriebs- und Pressearbeit für sämtliche Titel dieses Verlags. Was nicht so fern liegt, denn die Taschenbücher von Elisabeth Sandmann erscheinen schon seit 2013 „mit großen Erfolg“, wie es heißt, im Insel Verlag, dem Beiboot von Suhrkamp. Es geht also auch anders, wie der Fall Suhrkamp zeigt: Ruhe setzt neue Kräfte frei. Allein mit Coolness lässt sich keiner Krise begegnen.

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