Berlins Sammler zeigen ihre Schätze : Höhere Werte

Der wahre Kunstfreund hört das Wort Investment nicht gern. Die Berliner Sammler Axel Haubrok, Christian Boros, Erika Hoffmann, Thomas Olbricht und Christian Schwarm setzen auf Leidenschaft statt Rendite.

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Verflüchtigt. Tom Marioni präsentiert seine Kneipeninstallation „The act of drinking beer with friends is the highest form of art“ in den Kunstsälen (Bülowstr. 90), wo regelmäßig Privatsammlungen zu sehen sind.
Verflüchtigt. Tom Marioni präsentiert seine Kneipeninstallation „The act of drinking beer with friends is the highest form of art“...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin, die Sammlerstadt. Das hätte nach dem Mauerfall wohl kaum jemand von diesem Flecken gedacht, der zwar Hotspot der Künstler war und mit einigen in der Mauerstadt vermögend gewordenen Bauunternehmern durchaus kauffreudige Kunst-Enthusiasten aufzuweisen hatte. Aber die besondere Spezies Sammler saß doch im Rheinland, im Südwesten des Landes und wartete ab. Das sollte sich mit dem Umzug von Erika und Rolf Hoffmann nach Berlin in den Neunzigern ändern. 1997 öffnete das Kölner Unternehmerpaar seine Wohnräume in einer ehemaligen Fabrik in den Sophie-Gips-Höfen in der Spandauer Vorstadt für Publikum. Ein neues Zeitalter begann, in dem die Öffentlichkeit fortan Zugang zu privater Kunst bekam. Neben den Museen, den Kunstvereinen, Galerien betrat ein weiterer Akteur das Feld.

Der zweite Schlag folgte erst im nächsten Jahrzehnt, 2008 mit dem Umbau des ehemaligen Hochbunkers in Mitte in eine gigantische Kunstschatulle für die Kollektion von Christian Boros. Ein Husarenstück, denn der Wuppertaler Werbemann bezwang nicht nur den meterdicken Beton, sondern ließ sich auch ein Penthouse aufs Dach setzen. Der Düsseldorfer Finanzberater Axel Haubrok hatte da bereits begonnen, seine Sammlung in einem der beiden Henselmann-Wohntürme am Strausberger Platz sukzessive vorzuführen. Einen Coup landete schließlich auch er 2013 mit einem neuen Quartier für seine Kunst in Lichtenberg, ebenfalls in einem architektonischen Erbstück der DDR-Hauptstadt: in der ehemaligen Fahrbereitschaft des Politbüros für ausländische Gäste. Als weiteren kapitalen Sammler zog es den Essener Arzt und Chemiker Thomas Olbricht nach Berlin, der sich 2010 in einer prominenten Baulücke neben den Kunst-Werken in der Auguststraße ein ganzes Schatzhaus errichten ließ.

Retrospektiv scheint jedes Jahrzehnt seit dem Mauerfall seine eigene Bedeutung für Berlin als Sammlerstadt gehabt zu haben, ähnlich wie es sich auch für die Galerieszene beobachten lässt. Zunächst war da die Zeit des Aufbruchs, dann der Abschnitt der großen Auftritte. Mit einer gemeinsamen website (www.collectorsforum.com), die zur Berlin Art Week freigeschaltet wird, irgendwann vielleicht sogar einem gemeinsamen Besucherticket, scheint nun die Zeit der Konsolidierung eines Milieus gekommen zu sein, das kaum zu greifen ist. Schließlich wird es gebildet aus Privatpersonen, die ihre persönliche Leidenschaft pflegen und niemandem gegenüber verpflichtet sind. So geben die Protagonisten mal mehr, mal weniger gern Auskunft darüber, wo sie sich gerade selbst verortet sehen, wie sie die gegenwärtige Lage einschätzen.

Erika Hoffmann etwa würde sich solchen Fragen am liebsten entziehen. „Ich bin es leid, ausschließlich als Vertreterin eines sozialen Phänomens wahrgenommen zu werden,“ erklärt sie. Ihr geht es um die Werke selbst. Die Kunsthistorikerin sucht das Gespräch mit den samstäglichen Besuchern ihrer seit dem Sommer wieder umgehängten Sammlung. Sie will zu neuen Sichtweisen, eigenständigem Denken ermutigen. Diesmal lautet das Ausstellungsthema „Unterwegs“ mit Werken von Frank Stella, Rodney Graham, Marc Quinn, Katharina Grosse und Sigmar Polke als Wegbegleitern. Noch mehr Unbehagen bereitet der Sammlerin aber das Thema Investment. „Es ist eine große Gefahr, wenn Kunst nur noch als Anlage wahrgenommen wird und damit die Bedeutung verliert, die sie für uns einmal hatte.“ Die Besucherfrage „Wie viel ist das wert?“ bekümmert sie zutiefst. Zugleich muss sie feststellen, dass Werke, die sie vor Jahren mit ihrem 2001 verstorbenen Mann erwarb, sich plötzlich pekuniär gesteigert haben. Die explosionsartigen Veränderungen auf dem Markt dringen unweigerlich auch in ihr Privatmuseum vor.

Der ehemalige Finanzanalyst Axel Haubrok stellt sich der Auseinandersetzung offensiv. So hat er auch schon zum Podiumsgespräch in seine Sammlung eingeladen zum Thema „Wie viel Ökonomie verträgt die Kunst?“. Und er treibt die Diskussion mit seinen eigenen Mitteln, der Sammlung, voran. Die von ihm zur Berlin Art Week geplante Ausstellung in der ehemaligen Fahrbereitschaft trägt den Titel „Unlimited“ und zeigt Arbeiten in unbegrenzter Auflage. Videoarbeiten von Bruce Nauman der Jahre 1968 bis 1971 gehören etwa dazu. Sind sie deshalb besser oder schlechter als spätere, limitierte Editionen?, fragt Haubrok provokant. Und weiß doch ganz genau: „Hinter jedem Bild hängt ein Preis.“

Auch Thomas Olbricht spürt den Druck. „In meiner Brust schlägt nicht mehr allein das Sammlerherz wie früher,“ gesteht er ein. Er muss sich Strategien überlegen, um mit den Veränderungen auf dem Markt, den explodierenden Preisen umzugehen. Olbricht zieht sich deshalb auf Sondergebiete zurück. Seine Wunderkammer ist ein solches Terrain, auf dem er noch Erschwingliches erwerben kann wie jene zuletzt in Paris ersteigerte schwarze Koralle mit 70 Zentimeter großem Ast, die auf einen ziselierten Fuß montiert ist. Aber selbst auf diesen Gebieten ist er nicht mehr allein, dank Internet sind die Angebote für jeden jederzeit einzusehen. Manch vermeintliche Trouvaille entwickelt sich im Laufe eines Bietgefechts zum hochpreisigen Zankapfel gleich mehrerer Konkurrenten und wird damit wieder unerreichbar.

Christian Boros, Freund klarer Worte, sagt es rundheraus: „Investmentsammler kaufen nicht aus Leidenschaft, dieser Typus ist seelenlos. Diese Menschen packen ihre erworbene Kunst häufig nicht einmal aus, sondern belassen sie gleich in der Luftpolsterfolie. Genauso würden sie Schweinehälften erwerben, wenn die Rendite stimmt.“ Für ihn selbst ist eine solche Haltung unvorstellbar. Ans Wiederverkaufen denkt er erklärtermaßen nicht, höchstens Tauschen, wenn etwas nicht in die Sammlung passt. Als weitere Maxime gilt: „Ich will alle meine Kunst irgendwann einmal gesehen haben und wenn es bis an mein Lebensende dauert.“ Boros nimmt sich dafür Zeit, im Vier-Jahres-Rhythmus hängt er die Sammlung in seinem Bunker um, 2016 wird die Ausstellung der Malerei gewidmet sein.

Auch der Sammler-Nachwuchs geht auf Abstand zum Kunstinvestment. Agenturbesitzer Christian Schwarm, der sich mit seiner Nonprofit-Plattform www.independant-collectors.com insbesondere an Einsteiger richtet, macht es kurz: „Mich interessiert das null.“ Von erfahrenen Sammlern weiß er, wie riskant solche Käufe sind, eine Versuchung spürt er nicht. „Wer sich mit der Kunst nicht in der Tiefe auseinandersetzt, verpasst ohnehin das Relevante daran.“ Für den Sammler kommt die Kunst zwar vom Kaufen, doch ihren wahren Wert erhält sie erst im Blick.

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