Buchkritik: "Eisenkinder" von Sabine Rennefanz : Ellenbogen aus Stahl

Sabine Rennefanz sucht in ihrem Buch „Eisenkinder“ Gründe für den ostdeutschen Rechtsextremismus - und findet sie im Westen. Das aber will unser Autor nicht akzeptieren.

Philipp Lengsfeld
Tracht ohne Pracht. Das Insignium der Freien Deutschen Jugend.
Tracht ohne Pracht. Das Insignium der Freien Deutschen Jugend.Foto: picture-alliance/ dpa

„Eisenkinder“ nennt sie ihre Altersgenossen. Nicht etwa die tiefe Entfremdung durch diktatorische Prägungen, lautet die These des gleichnamigen Buchs von Sabine Rennefanz (Luchterhand, 256 Seiten, 16,99 €), sondern negativ empfundene Wendeumbrüche und die Fehler des Westens haben manche ostdeutsche Jugendliche zu Mördern gemacht. Kurz: Nicht die SED, sondern der Westen ist Schuld. Als Hauptbeleg für „Die stille Wut der Wendegeneration“, wie das Ganze im Untertitel heißt, nimmt Rennefanz, Ostdeutsche des Jahrgangs 1974 und Redakteurin der „Berliner Zeitung“, ihre eigene Biografie. Im Alter von 16 Jahren wird ihr die DDR weggenommen, obwohl sie gerade dabei war, sich dem System hinzugeben. Sie wuchs offenbar wohlbehütet auf, in einem kleinen Dorf nicht weit von Eisenhüttenstadt. Im Alter von 14, 15 Jahren dann die erste fundamentale Wegmarke in der DDR-Diktatur: Darf sie Abitur machen oder nicht? Eine Frage, die die SED kaltblütig beantwortet hat: Abitur macht man nur vor Gnaden der Partei. Höhere Bildung ist nicht etwa ein Recht, sondern eine Art Gnadenbrot, das bei Ungehorsam jederzeit entzogen werden kann.

Rennefanz hat Glück: Sie ist sprachbegabt und kann sich für einen der wenigen Plätze in einer Französisch-Spezialklasse bewerben. Dafür verlässt sie ihr Heimatdorf und die Eltern in Richtung Eisenhüttenstadt, geht ins Internat und liefert sich der Maschinerie einer SED-Eliteschmiede aus. Wer will ihr diesen Weg verdenken? Mit der Wende kommt der Bruch: Plötzlich steht der Karriereweg praktisch jedem offen. Wie soll sich eine Eliteschülerin darüber freuen? Auch Vater Rennefanz erlebt einen typischen Bruch. Er verliert seine Stelle als Kombinatsschlosser und verwindet dies nie. Viele Probleme in Ostdeutschland hängen sicher mit solch tiefen Brüchen zusammen – nur taugen sie nicht zur Erklärung von Verbrechen wie den NSU-Morden. Im Gegenteil. Der Älteste der rechtsextremen Terrorzelle, Uwe Mundlos, machte sich im ähnlichen Alter wie Sabine Rennefanz keinerlei Illusionen über das DDR-System. Er demonstriert diese Haltung in der 10. Klasse vor dem Mauerfall schon recht offen. Mundlos weint dem DDR-System nicht nach, er hält es für schwach und verdammungswürdig. Und der Vater von Uwe Mundlos verliert seine Stelle nicht, er übersteht die Wende sogar relativ unbeschadet.

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