Buchmesse Leipzig : Dicke Bücher: Der Trend zum 1000-Seiter

Leidet die Literatur der Gegenwart unter Elefantitis? Der Trend geht zum 1000-Seiten-Format. Über die aktuellen XXL-Romane, das Phänomen extremer Textlängen und die Freiheit zum Blättern.

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Dick: die aktuellen Neuerscheinungen im Literaturbetrieb.
Dick: die aktuellen Neuerscheinungen im Literaturbetrieb.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Fett liegen sie da, die dicken Bücher, türmen sich in den Buchhandlungen, schreien: Sieh mich an! Wieg mich in der Hand! In einer Welt, in der alle stöhnen und hetzen – keine Zeit, keine Zeit –, sind sie die reine Provokation. Entsprechend heftige Emotionen lösen sie aus, von Abscheu, Furcht, Verachtung bis Verlockung und Lust. Als müsste man sich erst mal distanzieren von ihnen, redet man von Schinken, Schwarte, Ziegelstein. Vielleicht ist es auch Prahlerei – ich kann den Schinken stemmen. Oder habe es schon getan. Auf jeden Fall: Man redet über sie.

Die Literatur der Gegenwart scheint unter Elefantitis zu leiden. Dazu muss man sich nur mal die Neuerscheinungen dieses Frühjahrs anschauen – Chris Kraus’ 1200 Seiten, Miljenko Jergovićs 1000 Seiten, Marlon James’ 864. Oder in die aktuelle „Spiegel“-Bestsellerliste gucken. 576 Seiten, 592, 688, 624, 960, 608, 560, 640, 560, 1264. Und das sind keinewegs lauter Big Macs, die man einfach so in sich reinstopft, sondern die Werke literarischer Champions wie T.C. Boyle, Juli Zeh, Zsuzsa Bánk und Paul Auster. Für „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ (832 Seiten) erhielt Frank Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis, im Jahr darauf bekam Guntram Vesper für „Frohburg“ (1008 Seiten) den Preis der Leipziger Buchmesse.

Sicher bewegt sich das Gros der Romane immer noch im soliden Mittelfeld von 200 bis 400 Seiten. (Weniger sollten’s dann auch nicht sein, sonst kriegt der Leser Angst, dass es doch kein „richtiger“ Roman sei, sondern eine Mogelpackung und in Wirklichkeit „nur“ eine Erzählung.) Aber die Ausschläge nach oben sind häufiger und heftiger geworden.

Schreibmaschinen zwangen zu mehr Disziplin

Können die Schriftsteller die Tinte nicht mehr halten? Wird bei den Verlagen nur noch beim Personal gekürzt, so dass es keine Lektoren mehr gibt, die dem Autor helfen, seinen Text zu straffen und zu verdichten? Sicher hat die Verführung zum Langschreiben auch etwas mit dem Computer zu tun, auf dem der Autor erstmal unbekümmert draufloshacken und später den Text bearbeiten kann wie ein Bildhauer seinen Stein. Das Schreiben an der mechanischen Maschine zwang zu mehr Disziplin, war der Prozess des Überarbeitens doch sehr viel mühsamer.

Ein anderer Erklärungsversuch: Eine komplexe Welt wie unsere verlangt komplexe Darstellungsformen. Aber heißt es nicht ständig, dass die Lesewut heutzutage bei 140 Zeichen endet, die Aufmerksamkeitsspanne nach ein paar Minuten erschöpft ist? Interessanterweise haben es kurze Formen wie Lyrik oder Erzählung aber viel schwerer als dicke Romane. Man muss sich mehr konzentrieren, kann sich nicht so fallen lassen. Kaum hat man angefangen, ist man schon durch. Und selbst die größten Twitter-Fans lieben es, sich stundenlang einer Fiktion hinzugeben. Binge-Watching nennt man das: sechs, acht Stunden „Mad Men“, „Game of Thrones“, „Downton Abbey“ am Stück, Abtauchen in eine andere Welt.

Vielleicht sind dicke Bücher nicht trotz, sondern wegen ihres Umfangs so erfolgreich. Der Literaturfreund von heute ist schließlich Harry-Potter-gestählt. Kein Autor der letzten 20 Jahre hat das Leseverhalten so stark geprägt wie J.K. Rowling. Ihre Fans können 500 Seiten nicht schrecken. Im Gegenteil, wer hätte nicht dem nächsten Band entgegengefiebert. Kindern können Bücher ohnehin nicht dick genug sein. Je länger, desto lieber – „dann hab’ ich mehr davon“, sagt eine Elfjährige. Und am allerliebsten Serien. Es ist wie mit dem Schokopudding, man will mehr und mehr. Die Geschichte soll, anders als das Leben, nicht enden.

Auch die hochkarätige Literatur kennt suchterzeugende Serien

Die Kinder von gestern sind die Erwachsenen von heute. Suchterzeugende Serien sind nicht nur bei Krimis, sondern auch in der hochkarätigen Literatur angesagt. Angefangen bei Karl Ove Knausgårds exzessivem, detailbesessenen autobiografischen Erzählen, dessen abschließender siebte Band jetzt im Mai erscheint, und von dem nicht nur Zadie Smith meinte, sie brauchte es wie Kokain. Rechtzeitig zum Ende von Jane Gardams Trilogie kam der erste Band von Elena Ferrante auf den deutschen Markt. Stefanie Hetze von der Buchhandlung Dante Connection erzählt von einer des Italienischen mächtigen Kundin, die schon bei der vierten Folge angelangt ist, aber die Lektüre hinauszögert, weil sie sich ein Leben ohne die neapolitanischen Freundinnen nicht mehr vorstellen kann.

Um einen Sog zu entwickeln, braucht es Masse. Das demonstriert Hanya Yanagiharas Opus magnum mit dem ironisch anmutenden Titel „Ein wenig Leben“, das, wie die Autorin selber bekennt, von allem zu viel hat, Umfang, Emotionen, Grausen. Der Literaturwissenschaftler Carlos Spoerhase nennt so etwas „die Ästhetik der Überforderung“, die er auch beim Theater beobachtet. „Faust“ kann man in zwei, fünf oder zehn Stunden inszenieren. Was kann man dem Zuschauer zumuten? Eine Menge, weiß dieser seit Richard Wagner.

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