"Chavela" im Panorama der Berlinale : Mexikos raue Stimme

Der Panorama-Film „Chavela“ ist eine Hommage an eine grandiose Sängerin und extravagante Persönlichkeit.

Esther Buss
Macha, nicht Macho. Chavela Vargas singt Rancheras.
Macha, nicht Macho. Chavela Vargas singt Rancheras.Foto: Alicia Perez-Duarte

Das Wort Einsamkeit hat wohl niemand so markerschütternd, aber auch hingebungsvoll besungen wie Chavela Vargas. „Soledad“, mal nüchtern und knapp, mal expressiv und gedehnt intoniert, klingt wie ein Liebeslied. Vargas, bekannt dafür, den Filmen Pedro Almodóvars (und ihrem Mix aus Melodram und queerer Sexualität) eine Stimme gegeben zu haben, sang über unerfüllte Liebe und Verlust. Dabei eignete sie sich auf radikale Weise ein traditionell männliches Genre der mexikanischen Musik an: das Ranchera.

Mit ihrem tiefen, rauen Timbre und einer einfachen Gitarre befreite sie es vom süßlichen Mariachi-Kitsch. Und sie führte sexuelle Ambivalenzen ein – auch weil sie nicht daran dachte, die Personalpronomen auszutauschen. Also sang sie als Frau über Herzensbrecherinnen, hinzu kam ihr Auftreten in Männerkleidern, Zigarre rauchend und Tequila trinkend. Im katholischen Mexiko sorgte sie damit für gender trouble.

„Chavela“, eine filmisch recht konventionelle Montage aus Archivaufnahmen, Fotos und Interviews, ist vor allem eine Hommage an eine grandiose Sängerin und extravagante Persönlichkeit. Die Co-Regisseurin Catherine Gund filmte die Sängerin vor vielen Jahren in ihrem Zuhause. Chavela Vargas gibt in diesen bisher unveröffentlichten Aufnahmen bereitwillig Auskunft, findet aber auch sichtlich Vergnügen daran, die Mythen über ihre Person zu befeuern.

Von der lesbischen Community Mexikos wird Vargas verehrt

1919 in Costa Rica geboren, flüchtete die Musikerin im Alter von 14 Jahren vor ihrer unglücklichen Kindheit nach Mexiko. Zunächst als Straßensängerin in Mexico City unterwegs, wurde sie von dem Ranchera-Sänger José Alfredo Jiménez für die Bühne entdeckt. Anfangs versuchte sie noch, mit wenig Erfolg, dem Bild einer Frau zu entsprechen, trug lange Haare und Make-up. „Ich sah aus wie ein Transvestit“.

In den 1950er Jahren trat Vargas in den mondänen Hotels Acapulcos vor dem Hollywoodjetset auf. Sie sang bei der Hochzeit von Elizabeth Taylor und Michael Todd und wachte am nächsten Morgen – wie Vargas mit trockenem Charme erzählt – neben der Schauspielerin Ava Gardner auf.

1979 zog sich die Ranchera-Sängerin aus dem Musikgeschäft zurück. Sie war pleite, einsam und alkoholkrank. Dass Werner Herzog 1991 der inzwischen vergessenen und für tot gehaltenen Sängerin in seinem Bergdrama „Schrei aus Stein“ eine Rolle gab, lässt der Film aus. Vielleicht passte der schräge Auftritt als monologisierende Indianerin nicht in die Erzählung ihrer „Wiedergeburt“ in Almodóvars Filmen, zwei Jahre später.

Von der lesbischen Community Mexikos wird Vargas verehrt, dabei bleibt sie auch als role model widerspenstig. Von der hypermachistischen Kultur, die ihr Anderssein erst definierte, war sie regelrecht besessen. Das Wort „macha“ fällt einige Male.
19.2., 20 Uhr (CineStar 7)

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