"Cinema Jenin" : Nichts ist normal

Ein Kino fürs palästinensische Flüchtlingslager: Der Dokumentarfilm „Cinema Jenin“.

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Neues Kulturzentrum. Gezeigt wird die Eröffnungsfeier des Kinos im August 2010 – aber nicht die Mühen der Ebene. Foto: Senator Film
Neues Kulturzentrum. Gezeigt wird die Eröffnungsfeier des Kinos im August 2010 – aber nicht die Mühen der Ebene.Foto: Senator Film

Alles hängt mit allem zusammen, und die Anfänge sind schon eine Weile her. Da ist zum Beispiel die Langzeitdokumentation „Arna’s Children“ über ein Kindertheater im palästinensischen Flüchtlingslager von Jenin. Arna Mer, die 1995 verstorbene israelische kommunistische Aktivistin, hatte mit ihrem Theaterprojekt seit 1986 palästinensischen Jugendlichen eine kämpferische Heimstatt gegeben. Der Film ermutigt, weil er zeigt, wie Menschen Engagement gegen alle Widrigkeiten wagen. Und er bedrückt, weil aus den aufgeweckten Jungen Selbstmordattentäter werden – und aus den Mädchen bereitwillige Märtyrerschwestern.

Gedreht hatte den Film 2003 Juliano Mer-Khamis, Arna Mers Sohn. Nach ihrem Tod setzte er die Arbeit fort und etablierte das Freedom Theatre als kulturelle Institution. Doch die Hoffnung blühte nur kurz: Am 4. April 2011 wurde Mer-Khamis vor seinem Theater erschossen. Die Täterschaft ist bis heute unklar, schon vorher hatte es Morddrohungen und Brandanschläge gegen das Theater gegeben. Das israelische Militär nahm den Mord zum Vorwand für nächtliche Razzien und Verhaftungen von Theatermitarbeitern. Jüngstes Beispiel: Der künstlerische Leiter, Nabil Al-Raee, wurde im Morgengrauen festgenommen und verschleppt.

Israel fühle sich offensichtlich provoziert durch die künstlerische Arbeit der Truppe, die nicht dem Klischee vom bewaffneten Terroristen entspreche, hatte Al-Raee einmal gesagt. „Manchen wäre es lieber gewesen, ich hätte mich in die Luft gesprengt“, sagt auch Ismail Khatib, Held von „Das Herz von Jenin“ (2010), mit dem Leo Geller und Marcus Vetter den deutschen Dokumentarfilmpreis gewannen. Der Film über den palästinensischen Familienvater, der das Herz seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes der Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie spendet, machte international Furore.

Heute leitet der Automechaniker Ismail Khatib ein Kinder- und Jugendzentrum. Und arbeitet mit Marcus Vetter an einem weiteren Projekt: Das seit der ersten Intifada geschlossene Kino soll als Kulturzentrum wieder eröffnet werden. In „Cinema Jenin“ nun schildert Vetter die Widrigkeiten um das Vorhaben, die durch eine dicke Schicht Taubendreck auf den Kinositzen plakativ symbolisiert werden. „Manche denken, ihr bringt Tel Aviv nach Jenin“, hatte schon Theaterleiter Mer-Khamis den Kinogründern kurz vor seinem Tod erklärt. „Normalisierung“ ist ein Schimpfwort im Ort. Und angesichts der jungen Volontäre aus aller Welt fürchten die Bewohner des konservativen Städtchens sittlichen Verfall. Immerhin erfährt das Projekt Unterstützung – etwa vom Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut und der Autonomiebehörde.

Was denn aber doch stört bei allem auch filmischem Einsatz: Regisseur Vetter setzt sich in „Cinema Jenin“ penetrant selbst in Szene, am liebsten mit Zigarette in Pascha-Pose. Was hilft es, wenn schöne Bilder von der festlichen Kinoeröffnung im August 2010 zu sehen sind, die Mühen der Ebenen aber ausgespart bleiben? Auf der (englischsprachigen) Webseite cinemajenin.org wird berichtet, wie sehr das Projekt mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. „Die Geschichte eines Traums“ heißt es vieldeutig im Untertitel. Ausgeträumt ist er zum Glück noch nicht. Neuerdings, so teilt Marcus Vetter mit, wird wieder zweimal täglich gespielt.

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