Kultur : Coca-Cola schlägt DDR

Generationenkonflikt: Jana Simons Gespräche mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf.

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Dass Alt und Jung in der Endzeit der DDR manches unterschiedlich sahen, ist bekannt. Die „Aufbaugeneration“ verfolgte den Niedergang „ihres“ Arbeiter- und Bauernstaats mit anderen Augen als die Jugend. Selten aber wurde dieser Generationenkonflikt so amüsant auf den Punkt gebracht wie in einem Gespräch, das Jana Simon 2008 mit ihrer 2011 verstorbenen Großmutter, der Schriftstellerin Christa Wolf geführt hat.

Wie die Autorin ihrer Enkelin erzählt, sei ihr bei einem Ost-West-Kolloquium 1990 in Potsdam bewusst geworden, dass Westdeutschland die DDR-Kultur „delegitimieren“ wollte. Als man damals draußen zum Essen saß und Christa Wolf sah, dass an den Tischen seit Neustem Coca-Cola-Schirme standen, habe sie gewusst: „Aha, jetzt sind wir besetzt“. – „Warum besetzt?“, fragt die verblüffte Enkelin zurück. Darauf Wolf: „Was hatte Coca-Cola mit der DDR zu tun? Die ganzen West-Marken überschwemmten alles.“– „So hätte ich damals nie gedacht“, entgegnet Jana Simon, die die Wendezeit als 18-Jährige erlebte: „Ich dachte: Super, endlich gibt’s Coca-Cola!“

Bereits 1998 begann Simon, sich mit ihren berühmten Großeltern Christa und Gerhard Wolf über deren Leben zu unterhalten. Die sechs Gespräche wurden zwar auf Tonband festgehalten, doch eine Veröffentlichung war zunächst nicht geplant. Was als „privates Familienprojekt“ begann, entwickelte sich zu einer gleichermaßen berührenden wie aufschlussreichen Begegnung der Generationen. Christa Wolfs frühe Hitler-Begeisterung in der NS-Zeit wurde dabei ebenso Thema wie ihre (Nicht-)Tätigkeit als IM „Margarete“, die in der DDR genossenen Reiseprivilegien oder die nie gefährdete, lebenslange Ehe mit Gerhard Wolf.

Jana Simon, Jahrgang 1972, ist längst eine renommierte Reporterin, doch betont sie in ihrem Vorwort, die Gespräche mit ihren Großeltern nur als Enkelin geführt zu haben, ohne vorherige Recherchearbeit. Das lässt manche ihrer Fragen, zumal für Christa-Wolf-Leser, überraschend ahnungslos erscheinen, auch wenn sie sich vielleicht nur so geben. Etwa die Frage, wo ihre Großmutter denn versucht habe, in der DDR „Kritik zu üben? Auf Parteiversammlungen?“ – als hätte Simon nie von Wolfs Rolle beim 11. ZK-Plenum 1965 gehört, als diese als Einzige den Mut fand, den denunziatorischen Umgang der SED mit der jungen DDR-Kunst offen zu kritisieren.

Auch mit dem literarischen Werk ihrer Großmutter begann sich Jana Simon offenbar erst spät zu beschäftigen. „Ich weiß gar nicht viel über euch, über eure Vergangenheit“, gesteht sie. Woraufhin sie von ihrer Oma gerüffelt wird: „Dann lies einfach ,Kindheitsmuster‘!“ Dass sie ihren Großeltern daraufhin bekennt, es „schrecklich“ zu finden, bei ihnen alles nachlesen zu müssen, und es lieber „authentisch“ zu wollen, macht die Sache freilich nicht besser: „Das Authentische ist das, was wir schreiben!“, bekommt die Enkelin vom Opa zu hören.

Zu einigen Themen kehren die Gespräche im Lauf der Jahre immer wieder zurück: Wie der Frage, warum die Wolfs nicht wie viele ihrer Kollegen in den Westen gegangen sind. Hatten sie sich doch schon seit Mitte der sechziger Jahre innerlich aus dem DDR-System verabschiedet, wie Jana Simon einmal überrascht feststellt. Die Antworten ihrer Oma darauf dürften vielen Lesern längst bekannt sein, haben sie sich doch in ihr Spätwerk eingeschrieben: Dass die Autorin in der Bundesrepublik niemals eine Alternative sah und stattdessen das Gefühl hatte, von ihren DDR-Lesern gebraucht zu werden.

Neues über Christa Wolf erfährt man aus diesen Gesprächen nur wenig, sieht man vom letzten ab, das Jana Simon im Juli 2012 mit Gerhard Wolf alleine führte, wenige Monate nach Christa Wolfs Tod. Darin gibt der Witwer einen Ausblick auf noch zu erwartende Veröffentlichungen aus dem Nachlass, darunter eine „völlig andere Fassung“ von „Kindheitsmuster“. Lesenswert ist der Gesprächsband vor allem, weil er das spanende Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Generationen zeigt. „Ihr scheint andauernd nur mit politischen Versammlungen, Positionierungen und Kämpfen beschäftigt gewesen zu sein“, ruft Jana Simon aus, als ihre Großeltern erzählen, wie sie jahrzehntelang Tag und Nacht damit verbrachten, über die Politik in der DDR zu reden, „wie ein Paar aus einem schlechten sozialistisch-realistischen Roman“ (Christa Wolf).

Auch die Freundschaften waren bei den Wolfs „immer auch politisch“ – und sind oft genug eben daran zerbrochen. Während es für die Enkelin kein Problem darstellt, mit jemandem befreundet zu sein, der politisch anderer Ansicht ist, gestehen die Großeltern, dass das in ihrem Leben nie vorgekommen sei. Und während die Wolfs nach dem Mauerfall mit dem Aufruf „Für unser Land!“ an eine politische Alternative zum Westen glaubten, hielt ihre Enkelin diesen Aufruf für „Quatsch“ und freute sich darauf, endlich die Welt bereisen zu dürfen.

Mehrmals fragt Simon nach Thomas Nicolaou, zu DDR-Zeiten ein enger Freund der Wolfs; ihm verdankte Christa Wolf eine Griechenlandreise 1980, die zur Grundlage ihres Romans „Kassandra“ wurde. Dass er die Wolfs jahrelang für die Stasi bespitzelte, erfuhren sie erst nach der Wende. Was aber der Enkelin in der Rückschau als „totaler Verrat“ erscheint, ist für Christa Wolf viel eher „Schizophrenie … die Krankheit dieses Jahrhunderts“.

Dennoch sind sich Großmutter und Enkelin auch wieder überraschend nahe: Nach ihrer Generation gefragt, erklärt Simon, diese sei größtenteils nicht nur parteipolitisch ungebunden, Jüngere wie sie könnten sich selten zu Themen eindeutig positionieren. Diese Erfahrung spiegele sich auch in ihren eigenen Reportagen wider: „Weil ich die Wirklichkeit selten als so eindeutig erlebe. Es ist eben nicht mehr schwarz und weiß, bei fast allem gibt es ein Für und Wider.“ Eben das ist freilich eine Erfahrung, an der sich auch viele der Werke ihrer Großmutter entzündeten. Oliver Pfohlmann

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf.

Ullstein, Berlin 2013. 288 Seiten, 19,99 €.

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