Dänemark : Dänischer «Kulturkanon» umkämpft

Dänemarks berühmtester Filmregisseur Lars von Trier (49) machte sich über die rotweiße Nationalflagge her, als er gegen den neuen «Kulturkanon» der Kopenhagener Regierung protestieren wollte.

Kopenhagen - Während Kulturminister Brian Mikkelsen (39) begeistert die Auswahl 108 einheimischer Kunstwerke von Andersen-Märchen bis zu populären dänischen Rocksongs als «Angebot an alle Bürger» anpries, ließ sich von Trier beim Zerschnibbeln der Fahne «Dannebrog» abfilmen.

Die von ihm ganz in Rot zusammengenähte Flagge hisste der Filmemacher dann zu den Klängen der «Internationale» und klagte den Minister der «Nationalisierung von Kultur» an. Mikkelsen fand das wenig witzig und verteidigte sein Projekt am Dienstagabend im Fernsehen: «Je mehr Bürger den Reichtum und die Vielfalt dänischer Kultur erkennen, umso besser.»

Alle großen Zeitungen präsentierten ihren Lesern am folgenden Tag in dicken Sonderbeilagen, was ab sofort offiziell als unverzichtbarer Kern der dänischen Kulturgeschichte gilt. Der konservative Fachminister hatte Expertenkomitees gebildet für die Sparten Architektur, Literatur, Bühnenkunst, Film, klassische Musik, Populärmusik, Design/Kunsthandwerk, bildende Kunst sowie Kunst für Kinder. Diese wählten jeweils 12 ausschließlich von Dänen geschaffene Werke, darunter etwa für Literatur das Märchen «Die kleine Meerjungfrau» von Hans Christian Andersen 1805-1875) oder für Architektur die vom Dänen Jørn Utzon (87) entworfene Oper in Sydney.

In Zeiten immer schnellerer Globalisierung sei es umso wichtiger, die eigenen kulturellen Wurzeln zu erkennen, hatte Mikkelsen sein Projekt begründet. Ihm gefällt, dass die Experten darin Kunst äußerst breit definiert haben: Im Kinderkunst-Kanon findet sich einerseits die dänische Version von Donald-Duck-Geschichten und im Literaturkanon am anderen Ende die philosophische Schrift «Entweder - Oder» von Søren Kierkegaard (1813-1855).

Die Filmregisseurin Susanne Bier (45), Chefin des Filmkomitees für den Kanon, kann in der Auswahl von zwölf «allgemein gültigen» Kunstwerken je Sparte nichts Schlechtes sehen. «Das Gute ist doch gerade, dass man sich entscheiden musste. Das bringt Diskussionen in Gang», meinte die in Deutschland von der Kritik für «Brothers» hoch gelobte Regisseurin. Die Filmjury nahm auch von Triers Film «Idioten» in den Kanon auf.

Der aber freute sich darüber gar nicht und machte sich zur Speerspitze der Kritiker, die das Kanonprojekt für ein Kennzeichen der markanten Rechtsentwicklung in Dänemark mit betont scharfer Ausländerpolitik und zunehmendem Nationalismus halten. Mikkelsen selbst hatte bei einem Kongress seiner konservativen Partei im letzten Herbst den nationalen Kanon als Teil eines «langen und zähen Kulturkampfes» gegen zugewanderte Minoritäten mit «mittelalterlichen Normen» herausgehoben. (Von Thomas Borchert, dpa)

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