DAF : Verlängere deine Jugend

Neue deutsche Hassliebe: Zu seinem 30-jährigen Jubiläum spielt das Pop-Duo DAF wieder einmal in Berlin.

Stefanie Erhardt
DAF
Gabi Delgado, Sänger der Rockgruppe DAF 2003 auf der Bühne der Columbia-Halle in Berlin. -Foto: ddp

Der Song beginnt mit düsteren, treibenden Synthesizerklängen, dann setzt gutturaler Sprechgesang ein: „Schön und jung und stark, du bist schön und jung und stark, nimm dir was du willst.“ „Verschwende deine Jugend“ lautet der Titel dieser Aufforderung zum Hedonismus. Das Stück ist 27 Jahre alt und längst ein Klassiker der deutschen Popmusik. Seine Schöpfer Gabi Delgado-López und Robert Görl haben ihre Jugend hinter sich. Berühmt wurden sie unter dem Namen DAF, eine Abkürzung für Deutsch-Amerikanische Freundschaft. In den Zeiten der Neuen Deutschen Welle war das eine Phrase, die immer noch gerne von Politikern benutzt wurde. Jetzt gibt es DAF wieder, die Reunion-Tour zum dreißigjährigen Bestehen der Band beginnt im Januar in Berlin und führt anschließend durch ein knappes Dutzend deutscher Städte.

Das Duo gilt als Vorreiter für Stile wie Techno, House und Electronic Body Music. Aufsehen erregten der Sänger Delgado und Multiinstrumentalist Görl in den achtziger Jahren aber vornehmlich durch ihre martialisch wirkenden Kurzhaarschnitte und Lederoutfits sowie die provokanten Texte. In „Der Mussolini“ brachten sie den italienischen „Duce“, Adolf Hitler und Jesus Christus in nur einer Zeile unter, „Der Räuber und der Prinz“ spielte mit homoerotischen Andeutungen. „Ich liebe diesen Prinzen, ich liebe dich mein Räuber,“ hauchte Delgado. Böse geben sich die einstigen Avantgardisten bis heute. Ihre Tournee steht unter dem Motto „Der 30-jährige Krieg“. Delgado und Görl liegen in einem ständigen Krieg miteinander, immer wieder haben sie sich zerstritten, meist „wegen ganz simplen Dingen“, wie der in Berlin lebende Robert Görl erzählt. Und sie führen, versichert er, weiterhin einen „Krieg mit den Medien“, von denen sie einst in die rechtsextreme Ecke gestellt worden waren. Dabei war „Der Mussolini“ kein Plädoyer für den Faschismus, sondern bloß ein etwas rabiater Tanzdielenknaller über die Austauschbarkeit von Ideologien.

Hauptsache anders als Punk

Seit den achtziger Jahren haben sich DAF mehrfach aufgelöst. Görl und Delgado verfolgten eigene Projekte, etwa als Techno-DJs, konnten damit aber nie wieder an alte Erfolge anknüpfen. Zuletzt hatte Delgado, der heute in Spanien lebt, im Jahr 2005 verkündet, er wolle nie wieder einen Auftritt unter dem Namen Deutsch-Amerikanische Freundschaft absolvieren. Zwei Jahre zuvor war noch einmal ein Studioalbum mit dem schlichten Titel „15 neue DAF-Lieder“ erschienen, ein Versuch, von der Aufmerksamkeit zu profitieren, die Jürgen Teipel damals mit seinem Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ den alten Kämpfern der Neuen Deutschen Welle verschafft hatte.

Um zu verstehen, worum es bei DAF geht, muss man ins Jahr 1978 zurückblenden. Das Gründungsjahr der Band war auch das Jahr, in dem Johnny Rotten während einer US-Tour die Sex Pistols verließ und damit das Ende der berüchtigsten Punk-Gruppe besiegelte. Zur gleichen Zeit fanden sich etliche Musiker zusammen, die den Punk ohnehin für eine – in den Worten von Musikjournalist Simon Reynolds – „unvollendete Revolution“ hielten. Was sollte an einer Musik wirklich neu sein, die bloß die althergebrachten Rock’n’Roll-Schemata auf doppelte oder dreifache Geschwindigkeit beschleunigte, wie es etwa die Ramones taten?

Auch heute noch mit Leichtigkeit Tabus brechen

Robert Görl erinnert sich: „Es gab 1978 viele Punk-Bands, aber die spielten alle mit Gitarre, mit ganz herkömmlichem Instrumentarium, wie die anderen Bands vorher in den Siebzigern. Wir fanden zwar die Provokation und Energie von Punk gut, aber die Musik fanden wir langweilig, das war nicht unser Ding. Unser Anspruch war höher.“ Görl und Delgado, die DAF zunächst als Quintett starteten und erst 1981 zum Duo schrumpften, setzten auf minimalistisch arrangierte, elektronische Musik und den aggressiven Sprechgesang des gebürtigen Spaniers Delgado. Bei Plattenfirmen kam das zunächst nicht sonderlich gut an. „Mir wurde wortwörtlich gesagt, ob ich denn denke, dass das Musik sei“, berichtet Görl, der eine Ausbildung am Augsburger Leopold-Mozart-Konservatorium und an der Jazz-Musikhochschule in Graz absolviert hatte. Doch die Welt schien nur auf DAF gewartet zu haben, bald zierten sie als erster deutscher Act den Titel des englischen „New Musical Express“, traten im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ auf und gewannen für ihre 1981 veröffentlichte LP „Alles ist gut“ den Deutschen Schallplattenpreis.

Provokation war das Prinzip, das DAF in die Schlagzeilen brachte, von diesem Prinzip rücken sie bis heute nicht ab. Ein Song des letzten Albums heißt „Die Lüge“, er stellt die gesamte gesellschaftliche Realität in Frage: „Alles ist Lüge. Die Wahrheit ist Lüge. Die Lüge ist Freiheit und Gott ist Betrug, wie Filme und Kunst. Alles ist käuflich: die Wahrheit, die Lüge, der Himmel, die Hölle, das Haus und die Möbel.“ „Das Lied ist einigen Medien wieder richtig aufgestoßen. Dass eine Band sagt, dass alles eine Lüge ist, die Religion, die vielen Leuten heilig ist. Wir können auch heute noch Tabus brechen, mit Leichtigkeit“, sagt Robert Görl.

Jubiläumstournee mit "besten und größten Hits"

Dabei spricht der Stolz aus ihm. Von der musikhistorischen Bedeutung seines Tuns ist er ohnehin überzeugt. Eine „Kultband“ sei DAF, die seit 30 Jahren Fanpost erhalte. „Wir müssen nicht mehr unbedingt etwas beweisen. Wir müssen nicht beweisen, dass wir Musik kreieren können.“ Deswegen sollen auf der Jubiläumstournee auch nur die „besten und größten Hits“ gespielt werden. Doch angesichts des kommerziellen Misserfolgs des letzten Albums liegt die Vermutung nahe, dass die Reunion vor allem finanzielle Gründe hat. Das weist Görl aber vehement zurück.

DAF haben es geschafft, neue Fans für ihre Musik zu gewinnen. Als sie im August ein paar Konzerte gaben, waren im Publikum auffallend viele junge Leute. Menschen, die noch in den Windeln gelegen haben dürften, als DAF ihre Hits hatten. Zu jugendverherrlichenden Texten passt das natürlich. Wie aber fühlt es sich an, Zeilen wie „Du bist schön und jung und stark“ in gesetzterem Alter zu intonieren? Görl muss nicht lange überlegen: „Wir sind jetzt schon älter, klar, es ist aber keine Kluft zu den eigenen Aussagen da. Wir stehen auch heute noch voll dahinter, den Leuten zu sagen: Verschwendet eure Jugend. Das ist eine wichtige Message. Sie sollen keine Spießer werden.“ DAF selbst jedenfalls sind ihrer eigenen Aufforderung nachgekommen. „Ich habe nichts ausgelassen, gar nichts. Aber wir müssen jetzt nicht unbedingt ins Detail gehen“, lacht er. Mit 53 Jahren scheint Robert Görl bei sich angekommen zu sein. Er ist bekennender Buddhist.

DAF spielen am 7. Januar im K17 (Pettenkoferstr. 17a, Friedrichshain), 20 Uhr.

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