Kultur : Das Leben: ein Lachmix (Glosse)

Christian Schröder

Als Urheber der neuesten deutschen Humorwelle kommt eigentlich nur Herbert Wehner in Frage. "Der Herr badet gerne lau", hatte der SPD-Zuchtmeister im Herbst 1973 über Willy Brandt gesagt und damit ein heftiges Kanzlerbeben ausgelöst. Man muss sich diese Worte als ein heiseres Knurren vorstellen, das aus dem äußersten Winkel eines schiefen Pfeifenrauchermundes herausgebellt wird, um die ganze Verachtung zu erahnen, die in dem Satz steckt. Brandt blieb gar nicht anderes übrig, als ein halbes Jahr später zurückzutreten. Ein Vierteljahrhundert danach hat der Onkel aus Godesberg einen ädaquaten Nachfolger gefunden: Harald Schmidt. Der Frontalsatiriker und Fernsehdialektiker raucht zwar keine Pfeife, nuschelt seine Bosheiten aber gerne aus einem schief lächelnden Mund hervor. Je breiter das Lächeln, desto gemeiner die Bemerkung. Zu den Klassikern der Harald-Schmidt-Bildschirmprosa gehört der Satz "Jürgen Klinsmann ist ein Warm-Duscher". Schmidt löste damit anno 98 ein schweres Fußballbeben inklusive einer Einstweiligen Verfügung durch den DFB aus. Klinsmann blieb nicht anderes übrig, als einen Monat später von der Nationalelf zurückzutreten.

Wer heute sein Schlafzimmer heizt, das Auto im Schatten parkt, auf dem Balkon raucht, Wechselgeld nachzählt, in der U-Bahn gerne in Fahrtrichtung oder in der Sauna am liebsten unten sitzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das tut schon der hessische Privatsender FFH, der allmorgendlich ein "Weich-Ei-Wort des Tages" sendet, das aus täglich bis zu 200 E-Mail-Einsendungen ausgewählt ist (www.ffh.de). Die FAZ druckte jetzt eine ganz Seite Verbalinjurien: Klamotten-am-Vortag-Rausleger, Sitzpinkler, Benzinpreis-Vergleicher, Spülhandschuhtrager, Chef-Grüßer, Verfallsdatum-Leser, Brustbeutelträger, Frauennamenannehmer, CD-Abwischer, Rollkofferschieber, Geschirr-am-selben-Tag-Spüler, Supi-Sager, Happyhourtrinker, Garagentorfernbediener, Sportbeutelvergesser, Liegefahrradfahrer, Quallenaußenrumschwimmer, Teletubbie-Zurückwinker, Zahnarztterminverschieber.

"Wer mehr als die Hälfte der Weichei-Synonyme auf sich beziehen kann, sollte sich Gedanken machen, ob er nicht ein bisschen lockerer werden kann", sagt FFH-Redaktionsleiter Marc Beeh. Früher waren Witze fies, weil sie sich gezielt gegen Randgruppen richteten, Blondinen, Mantafahrer oder Ossis. Heute sind sie fieser, weil sie im Detail stecken. Lau-Bader, Warm-Duscher oder Schattenparker sind wir schließlich alle. Der eine portioniert seine Zucker im Löffel, bevor er ihn in den Kaffee rührt. Ein anderer greift zum Süßstoff, studiert aber vorher aufmerksam die chemische Zusammensetzung und malt sich die Nebenwirkungen aus. Der Schwarz-ohne-alles-Trinker verachtet beide, weil er nur im Genuss der puren Bohne den authentischen Duft der Anden spürt. Komische Figuren sind sie alle. Die Weichei-Wörter haben den Humor demokratisiert. Das ganze Leben ist ein Lachmix, und wir sind die besten Nummern. Ansonsten gilt: locker bleiben!

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