Das neue Klassik-Portal des Tagesspiegels : Reden ist Silber, Geigen ist Gold

Das „Musikfest Berlin 2013“ eröffnet die Berliner Konzertsaison – und der Tagesspiegel startet aus diesem Anlass im Internet sein neues Klassik-Portal mit Hintergrundinformationen zum Festival, Fotostrecken, Videos, einem Blog und Veranstaltungstipps aus der Redaktion

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Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker sind die wichtigsten Partner des "Musikfest Berlin"
Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker sind die wichtigsten Partner des "Musikfest Berlin"Foto: Rittershaus

„Es gibt Festivals, die funktionieren wie kommerzielle Partys“, sagt Winrich Hopp. „Man zahlt Eintritt und wird dafür unterhalten.“ Der künstlerische Leiter des „Musikfest Berlin“ aber will lieber Feste feiern, die sich so anfühlen wie eine private Einladung, bei der alle etwas beitragen wollen zum Gelingen des Abends. Darum begnügt er sich nicht damit, für das Klassikfestival unter dem Dach der Berliner Festspiele klingende Namen zusammenzukaufen. Nein, er verhandelt mit den Stars und Spitzenorchestern so lange, bis sie bereit sind, für Berlin etwas Besonderes zu wagen.

Denn Hopp wählt seine thematischen Schwerpunkte grundsätzlich neben dem Mainstream. Wenn alle Welt Verdi und Wagner zum 200. Geburtstag feiert, setzt er auf die Jubilare Benjamin Britten und Witold Lutoslawski, die vor einem Jahrhundert geboren wurden. Damit liegt er – und das ist sein Glück – genau auf einer Linie mit seinen wichtigsten Partnern, Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Die haben schon in der vergangenen Saison ihr Publikum mit Britten und Lutoslawski herausgefordert und tun es jetzt wieder.

Der Musik des Engländers kombiniert Winrich Hopp beim „Musikfest Berlin 2013“ mit den späten Sinfonien Dmitri Schostakowitsch, das Schaffen des Polen stellt er in einen Zusammenhang mit Werken von Béla Bartók und Leoš Janámek. Ein anspruchsvolles, ein anregendes Programm wird sich so vom 30. August bis zum 18. September in der Philharmonie, dem Kammermusiksaal und dem Konzerthaus entfalten, mit Gästen wie dem Philharmonia Orchestra London und dem Amsterdamer Concertgebouworkest, mit Dirigenten wie Mariss Jansons und Alan Gilbert, Solisten wie Anne-Sophie Mutter und Martha Argerich. Ein anspruchsvolles Programm, das man umso intensiver nutzen und genießen kann, je mehr man darüber weiß.

Dazu bietet der Tagesspiegel ein neues Klassikportal auf seiner Website an. Weil uns Kultur am Herzen liegt – und Berlin eine Kultur- und Klassikmetropole ist. Mit Artikeln und Porträts, Veranstaltungstipps aus der Redaktion, Fotostrecken und Videos begleiten wir das „Musikfest“ – und mit einem Blog, den Andreas Richter als Gastautor schreiben wird. Ältere Leser werden sich noch an Richter erinnern, denn er hat seine Karriere als Kritiker beim Tagesspiegel begonnen, bevor er auf die Seite der Macher wechselte, zunächst an der Komischen Oper und beim Deutschen Symphonie-Orchester arbeitete, bevor er zuletzt als Intendant des in Berlin beheimateten Mahler Chamber Orchestra wirkte.

Wer die Seite www.tagesspiegel.de/musikfest-berlin aufruft, findet eine Veranstaltungsübersicht mit allen Terminen: Durch einem Klick auf dem jeweiligen Tag öffnet sich eine Seite mit Informationen zum Programm. Aber es wird auch die Möglichkeit geben, von Angesicht zu Angesicht über das Musikfest zu sprechen. Einen Tag vor Festivalstart, am 29. August, lädt der Tagesspiegel zu einem Salon im Verlagsgebäude am Potsdamer Platz. Winrich Hopp erläutert dann seine Programmlinien, der Pianist Michael Abramovich spielt Werke von Bartók, Lutoslawski und Janácek, und es wird eine Diskussion zum Sinn und Zweck von Musikkritik geben.

Zweimal wird der Tagesspiegel während des Festivals mit einem Stand in der Philharmonie präsent sein. Dort besteht dann für alle Besucher die Möglichkeit, Konzerteindrücke direkt per Computer auf der Website zu hinterlassen. Zudem bietet Andreas Richter zwei Probenbesuche an.

Das Quatuor Diotima spielt Bartók und Janácek beim "Musikfest Berlin".
Das Quatuor Diotima spielt Bartók und Janácek beim "Musikfest Berlin".Foto: Molina Visuals

„Wo die Entwicklungstendenz der okzidentalen Musik nicht rein sich durchgesetzt hat“, schrieb Theodor W. Adorno 1948, „wie in manchen agrarischen Gebieten Südosteuropas, ließ bis in die jüngste Vergangenheit tonales Material ohne Schande sich noch verwenden.“ Ein wenig herablassend klingt das schon, meint aber, dass die Komponisten Janácek, Bartók und Lutoslawski eben nicht, wie so viele andere, Arnold Schönberg folgten, als der das traditionelle Tonsystem zerschlug. Das macht ihre Musik leichter zugänglich. Für ein Publikum zumindest, das sich nicht hinter vermeintlichen klassisch-romantischen Wohlklangsmauern verbarrikadiert, das grundsätzlich neugierig ins Konzert kommt.

Genau solche Zuhörer wünscht sich Winrich Hopp. Lange Denkprozesse und oft auch komplizierte Verhandlungen stecken hinter seinen Programmen, mit vielen roten Fäden knüpft er feine Beziehungsnetze zwischen den Abenden. Welche Werke passen zur zyklischen Aufführung aller Bartok-Streichquartette? Was passiert, wenn ein Ensemble im Verlaufe des Konzerts in unterschiedlichsten Formationen auftritt? Klingt Lutosmawski anders, wenn zuvor Ravel und Debussy gespielt wurde?

Das sind Fragen, auf die das „Musikfest“ in diesem Jahr Antworten versucht. Und wenn alles stimmt, wenn sich der magische Moment einstellt, dann passiert, was Marcel Proust im achten Band der „Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt: „Die einzige wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht; das aber vermögen wir mit der Musik: Wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“

Der Tagesspiegel-Salon zum „Musikfest“ findet am 29. August um 19.30 Uhr statt. Winrich Hopp erläutert das Programm, Pianist Michael Abramovich spielt Bartók, Janacek und Lutoslawski, die Kulturredakteure Ulrich Amling und Frederik Hanssen diskutieren mit den Gästen über die Funktion der Musikkritik: Wie kommt der Rezensent zu seinem Urteil? Warum gehen die Meinungen oft so weit auseinander? Die Gesprächsleitung übernimmt Andreas Richter (Anmeldung Tel.-Nr.: 29021-520 oder unter www.tagesspiegel.de/shop, Preis: 17 €).

Am 1. und 12. September wird es bei den Konzerten einen Stand des Tagesspiegels in der Philharmonie mit der Möglichkeit zu Live-Kommentaren geben, Informationen zu den Probenbesuchen finden Sie auf unserer Website www.tagesspiegel.de/musikfest-berlin.

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