Kultur : Das Schmatzen der Farbe

Corinna Belz filmt – und Gerhard Richter malt

von
Foto: dpa-Bildfunk
Foto: dpa-BildfunkFoto: picture alliance / dpa

Am stärksten entsetzt ist die Regisseurin: „Das Bild wird noch einmal übermalt?“ Genau das Bild, das sie in seinem monatelangem Entstehungsprozess dokumentiert hatte? Das ist, als ob einem mitten im Dreh der Protagonist stirbt oder abhanden kommt. Drei Jahre hat Corinna Belz den Kölner Maler Gerhard Richter bei der Arbeit begleitet. Seine radikale Arbeitsweise aber überrascht sie immer wieder. Sabine Moritz-Richter, die Frau des Malers, ist da längst geübter. Ein kurzes Stutzen, als sie ins Atelier kommt und das grün-blau-farbige Bild mit weißer Farbe überstrichen sieht. „Es sieht aus, als ob es drübergeschneit hätte“, kommentiert sie trocken. Und Gerhard Richter lächelt.

Einige Bilder aber haben es in die Ausstellung bei Richters New Yorker Galerie Marian Goodman geschafft. Vor allem die leuchtend gelben, die es Belz so sehr angetan hatten, dass sie am Ende 80 Minuten Rohschnitt mit gelben Bildern hatte. Die Dokumentarfilmerin, die 2007 einen Film über Richters Kölner Domfenster drehte und so das Vertrauen des zurückhaltenden Star-Malers gewann, wollte die Entstehungsweise der Bilder dokumentieren. Nicht viele Worte über Kunst, dafür lange, stille Minuten vor der Leinwand.

Es sind tatsächlich die Geräusche der Arbeit, die in „Gerhard Richter Painting“ einen Sog aufbauen. Das Schmatzen, wenn die Farbe satt auf die Leinwand trifft. Das trockene Kratzen, wenn Richter mit dem meterlangen Rakel die Farben aufträgt und verreibt. Das Wunder, wenn aus den expressiven Farbwänden ein differenziert-farbiges Gespinst wird. Das Betrachten, das Zweifeln. Die kindliche Ausgelassenheit und Freude des sonst so zurückhaltenden Malers: „Mann, macht das Spaß!“ Dabei erwischt man Richter, dessen Bilder auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielen, nie in einer unbeobachteten Minute. Zu sehr ist sich der Künstler der Kamera, der Präsenz eines Anderen bewusst. Einmal aber ist der Maler kurz davor, das Filmexperiment abzubrechen, nachdem er fast – der Kamera zuliebe – eine falsche Farbe auf die Leinwand aufgetragen hätte. „Wenn ich weiß, ich werde gefilmt, dann gehe ich anders, arbeite ich anders“, sagt er. Ein verdorbenes Bild wäre die Sache nicht wert.

Belz und Richter haben dennoch weitergemacht – auch, weil der Maler ein begnadeter Selbstdarsteller ist. Der kritische Blick zur Kamera, zur Regisseurin: Hat sie alles mitbekommen? Die Rückfrage bei der Eröffnung der großen Ausstellung in der Londoner National Portrait Gallery 2009 – das ist jetzt aufgezeichnet, oder? Und die brüske Zurückweisung, als ein Mitarbeiter des Kölner Museum Ludwig um ein Autogramm bittet. Es ist ein subtiles Spiel um Dominanz und Führung, das Regisseurin und Protagonist auskämpfen. Der Sieger steht fest. Christina Tilmann

Babylon Kreuzberg, Delphi, FaF,

Hackesche Höfe, International, Kant

0 Kommentare

Neuester Kommentar