Kultur : Das sind auch ihre Plätze

Jenseits der Folklore: Die Ausstellung „An die Grenze gehen“ im Instituto Cervantes präsentiert Roma-Kunst aus ganz Europa.

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Ausgeweidet. Künstler Vanesco aus dem spanischen Sevilla malte vier verschiedene Versionen eines toten Hakenschlägers. „Hasenjagd, Erinnerungen als ich ein toter Hase war“ spielt mit in Europa verbreiteten Roma-Stereotypen. Foto: Vanesco
Ausgeweidet. Künstler Vanesco aus dem spanischen Sevilla malte vier verschiedene Versionen eines toten Hakenschlägers. „Hasenjagd,...

Die Metapher scheint eindeutig zu sein. Auf dem Boden stehen ein paar Stiefel, schwarz, spitz, halbhoch. Im Schaft stecken Federn, wahrscheinlich von einem Raubvogel. Diese Stiefel können also fliegen über alle Grenzen hinweg. Sie versinnbildlichen das Leben der Roma, der Heimatlosen, der Wanderer zwischen den Ländern. Auf der einen Seite. Auf der anderen hat die spanische Künstlerin Soma y Luz ihrer Installation den Titel gegeben: „Schuhe eines Menschen, der weit gelaufen ist für das, woran er glaubt.“ Es geht also gar nicht um die Bedienung des Klischees vom „fahrenden Volk“, sondern um Ideale und Selbstbewusstsein.

Die Künstlerin Soma y Luz lebt in Sevilla. Auch die neun anderen Roma-Künstler, die im Berliner Instituto Cervantes nun in einer Gruppenausstellung zu sehen sind, haben feste Wohnsitze. Sie leben in Spanien, Slowenien, Ungarn und Deutschland. Der Verein Deutsche Gesellschaft hat sie eingeladen, um den eigenständigen Wert von Roma-Kunst innerhalb der europäischen Kultur zu demonstrieren. „An die Grenze gehen“ nennt sich die Schau. Dabei wird zunächst deutlich: Diese Kunst lebt von Farben und bildhaften Motiven und sie artikuliert immer wieder einen Schmerz, der Willen zur Selbstbehauptung auslöst. Der Maler Vanesco aus Sevilla, der 2007 auch im ersten Roma-Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen war, hat vier Variationen eines frisch ausgenommenen Hasen gemalt. Blutig, grausam, schön, wild. „Als ich ein Hase war“ hat er die Arbeit genannt und macht die Parallelen zur Abweisung und Verfolgung der „hakenschlagenden“ Roma klar, wenn auch etwas plakativ.

Ein leidendes Tier zeigt auch Trinidad Fernández in ihrem Gemälde „Die Verabredung“. Dort bekommt ein Stier zwei Spieße in den Nacken gejagt, das Blut spritzt. Es handle sich um eine Ode an das Leben, das vom Tod nicht aufgehalten werden könne, sagt Fernández trotzig-fidel während der Vernissage in Berlin. Erneut spielt Blut die Hauptrolle in der Videoarbeit des Ungarn András Kállai. Er läuft durch Budapest und hinterlässt an symbolischen Plätzen seinen blutigen Fingerabdruck. Kállai markiert die Orte: Ich gehöre dazu, dies sind auch meine Plätze.

Weniger klar zu verorten sind die Fotoarbeiten von Nihad Nino Pusija. Er stammt aus Sarajewo, lebt aber seit 20 Jahren in Berlin, auch er war auf der Biennale vertreten. Er hat eine Wand mit 36 Fotos gleich einer Wohnzimmerwand eingerichtet. Die Bilder stammen von verschiedenen Reisen. Bewegend ist die bosnische Witwe in Schwarz-Weiß mit vors Gesicht geschlagenen Händen. Witzig hingegen eine Flasche Heinz-„Zigeunersauße“, umrahmt von einer Blumentapete.

Man kann in allen diesen Arbeiten einen Bezug zur Roma-Herkunft der Künstler und eine Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Heimatgesellschaft herstellen. Dennoch gelingt es der Ausstellung nicht, einen narrativen Faden zwischen den verschiedenen Werken zu spinnen. Vielleicht ist das Label Roma-Kunst doch synthetisch konstruiert und der Versuch, Kunst aufgrund ethnischer Herkunft zu kategorisieren, zwar im Fall der Schicksalsgemeinschaft Roma auch aus Gründen des Marketings nachvollziehbar, aber dennoch nicht unproblematisch. Die gezeigten Arbeiten würden auch ohne das Label „Roma“ auskommen. Dass die einzelnen Künstler offensichtlich außerhalb ihrer Länder nur Räume finden, wenn man sie gemeinsam mit anderen Roma zeigt, ist das eigentlich Fragwürdige. Denn sie alle sprechen ebenso vom Roma-Sein wie von der conditio humana. Und das macht Kunst am Ende stärker aus als die Ethnie ihrer Erschaffer. Philipp Lichterbeck

Instituto Cervantes, Rosenstr. 18, bis 14.10., Mo–Fr 12–19 Uhr. Eintritt frei. Rahmenprogramm mit Diskussionen und Konzerten: www.deutsche-gesellschaft-ev.de

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