DAS FESTIVAL : "Menschenrechte muss man sich nehmen!"

Zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern erzählt Intendantin Shermin Langhoff über das Osterfest am Maxim Gorki Theater, ihre Kindheitserfahrungen in der Türkei und die deutsche Schuld am Genozid von 1915.

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„Die Nachbarin war Armenierin. Aber sie wollte nicht darüber sprechen.“ Maxim Gorkin-Intendantin Shermin Langhoff veranstaltet zum 100. Jahrestag ein besonderes Osterfest.
„Die Nachbarin war Armenierin. Aber sie wollte nicht darüber sprechen.“ Maxim Gorkin-Intendantin Shermin Langhoff veranstaltet zum...Foto: dpa

Frau Langhoff, wann haben Sie vom Völkermord an den Armeniern erfahren? War der Völkermord in Ihrer Familie Thema?

Nachbarn von uns, sehr gute Freunde meiner Mutter, waren Armenier. Sie gebrauchten aber türkische Vornamen, hatten türkische Pässe. Das Einzige, woran man sie hätte identifizieren können, waren Ketten mit Christus-Kreuzen. Mich hat schon damals interessiert, warum das kein Thema ist. Also habe ich die Nachbarin gelöchert, die aber nicht darüber sprechen wollte.

Und die politische Beschäftigung?

Folgte später. Ich war früh politisch aktiv, habe mich natürlich auch mit Genoziden auseinandergesetzt, mit der Schoah, mit dem Völkermord in Srebrenica. Es gab auch ein Wissen um den Völkermord an den Armeniern, das über die Dolchstoßlegende hinausging, die ich als Jugendliche in Deutschland gehört hatte: Die Armenier hätten sich im Ersten Weltkrieg auf die Seite der Russen gestellt. Wirklich eingehend beschäftigt habe ich mich mit dem Thema erst, als 2007 der armenische Journalist Hrant Dink ermordet wurde.

Wie wird jetzt in der Türkei mit dem Thema Völkermord umgegangen? Vor dem 100. Jahrestag hat Tayyip Erdogan eine „Kampagne“ gegen sein Land beklagt.

Die Lage ist ambivalent. Auf der einen Seite ist die AKP die erste Partei, die das Leugnen des Völkermords – das ab 1923 Staatsdoktrin war – aufgeweicht hat. Seit zehn Jahren gibt es dazu in Istanbul Publikationen und Dialoge, wenn auch im universitären Rahmen oder in Stiftungen. Aber sicher nicht ohne das Wissen der Machthaber. Jährlich finden Kundgebungen zum 24. April statt, bislang ohne Eingriff der Polizei. Und 2014 hat Erdogan den Nachfahren der Ermordeten sein Beileid bekundet. Das wäre zu anderen Zeiten nicht denkbar gewesen.

Und auf der anderen Seite?

Befindet sich die Türkei auf einer gefährlichen Etappe, glauben viele Intellektuelle dort. Wenn sich die islamisch orientierte Regierung noch mit dem Militär verbündet, das als Gegenbewegung über Verhaftungen in letzter Zeit systematisch geschwächt wurde, kann das albtraumhaft werden. Das Gefährliche ist, dass die Künstler und Journalisten nicht wissen, wie weit sie gehen dürfen.

Die Intellektuellen sind stets die ersten Opfer von Repression.

Der Völkermord an den Armeniern begann in der Nacht zum 24. April mit der Deportation von 200 Intellektuellen in Istanbul. 162 von ihnen haben nachweislich nicht überlebt, woran am Gorki die Sängerin Kim Seligsohn mit „Roter Sonntag 1915 – Hymne an die Namen“ erinnern wird. Und in den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem Künstler und Intellektuelle Zeitzeugnisse recherchiert, Literatur und Notationen wieder zugänglich gemacht. Das interessiert uns: wie Künstler Wissen und Gewissen einer Gesellschaft sein können.

Ihr Programm thematisiert auch die deutsche Verstrickung in den Völkermord, als Verbündeter des Osmanischen Reiches. Ein immer noch wenig bekanntes Kapitel.

Wir sprechen von 25 000 Soldaten im Osmanischen Heer und von 800 Offizieren, also maßgeblich Verantwortlichen. Der Generalstabschef des Feldheeres, der die Artillerie befehligte, war ein Deutscher. Aber der türkische Historiker Taner Akçam sagt dazu: Man kann nicht Mitschuld thematisieren, ohne von Hauptschuld zu sprechen. Und die ist klar definiert. Die deutsche Rolle interessiert uns natürlich, weil wir ein deutsches Stadttheater sind, in der Mitte Berlins.

Der Bundestag kann sich nicht dazu durchringen, den Völkermord offiziell so zu nennen. Schürt Ihr Osterfest Kontroversen? Gab es Anfeindungen?

Nein, aber Ignoranz kann ja auch vielsagend sein. In der Türkei ist zum Beispiel der Armenien-Western „The Cut“ von Fatih Akin, den wir in Anwesenheit des Regisseurs auf der großen Bühne zeigen, komplett ignoriert worden, außer von einigen progressiven Medien. Die großen Kinos haben ihn nicht gespielt. Der armenische Völkermord bleibt eben eine große Lücke in der gesamten europäischen Erinnerungskultur. Und auf die geben wir viel, jenseits der Sonntagsreden.

Wird der Genozid erst dort erfahrbar, wo er am Beispiel persönlicher Schicksale erzählt wird? Gleich mehrere Produktionen am Gorki widmen sich etwa der Armenierin Aurora Mardiganian.

Es geht nicht um Voyeurismus. Aber tatsächlich brauchen wir die Einzelschicksale, um jenseits der Fakten emotional Zugang finden zu können. Aurora Mardiganian hat den Völkermord überlebt und ihre Geschichte in dem Buch „Ravished Armenia“ aufgeschrieben, das in Hollywood mit ihr in der Hauptrolle äußerst erfolgreich verfilmt wurde. Dann aber bekam sie einen Nervenzusammenbruch und konnte eine geplante Tour durch sieben Städte der USA nicht mitmachen. Woraufhin das Studio sieben Auroras gecastet hat, die sie ersetzten.

Die Entfremdung von der eigenen Geschichte.

Das thematisiert neben anderen Arbeiten zu ihrer Biografie der Künstler Atom Egoyan mit seiner Installation „Auroras“. In den Glaskästen vor dem Gorki sprechen als Videobild sieben wunderschöne Frauenköpfe in die Nacht hinein. Wenn man sich ihnen nähert, hört man, dass es Gräuelgeschichten sind, die aus ihren Mündern kommen.

Gibt es angesichts der Vielzahl an Veranstaltungen eine Art übergreifende Erzählung dieses Festivals?

Die Erzählung von Widerstand ist ein roter Faden. Erinnern als Widerstand, auch Überleben als Widerstand, wie im Falle der Armenier auf dem Mosesberg, von denen Hans-Werner Kroesinger in seiner Adaption von Franz Werfels „Musa Dagh“ erzählt. Wichtig ist uns, dass auch an die anderen christlichen Minderheiten erinnert wird, die vor 100 Jahren ermordet worden sind. Die Pontosgriechen, die Aramäer, die Assyrer. Zugleich verlieren wir den Bezug zur Gegenwart nicht aus den Augen.

Inwiefern?

In Diyarbakir zum Beispiel ruft der ehemalige Bürgermeister alle Armenier in der Diaspora zur Rückkehr auf. Aber nur der Oud-Spieler Yervant Bostanci folgt ihm. Davon erzählt Bostanci zusammen mit dem kurdischen Schriftsteller Seyhmus Diken in einer musikalischen Lesung. Der armenische Journalist Harout Ekmanian hat ja in der Eröffnungsrede unseres Festivals den Bezug hergestellt zu Orten wie Aleppo oder Kobane, an die sich Überlebende des armenischen Völkermords flüchteten. Und die heute wieder Konfliktregion sind.

Hinter uns liegt ein Jahrhundert der Völkermorde. Gelernt wird wenig aus der Geschichte, oder?

Das ist und bleibt ein Menschheits-Marathon. Wir wissen, dass Völkermorde nicht aufhören werden. Wir wissen, dass es einen Kampf gibt um Menschenrechte. Die werden nicht gegeben, die muss man sich nehmen.

Bis zum 25. April läuft am Berliner Maxim Gorki Theater das Festival Es schneit im April – eine Passion und ein Osterfest, das dem 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern gewidmet ist. In der Türkei ist der Genozid bis heute ein Tabu. An den Ostertagen stehen rund 50 Veranstaltungen auf dem Programm: Theater, Tanz, Performances, Filme, Lesungen, Konzerte. Heute, 2.4., läuft Hans-Werner Kroesingers „Musa Dagh – Tage des Widerstands“.

Shermin Langhoff, geb. 1969, ist seit 2013 Intendantin des Gorki Theaters. 2014 wurde das Haus zum „Theater des Jahres“ gewählt. Langhoff hatte 2008 das postmigrantische Theater Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg gegründet. Für ihre integrative Kulturarbeit wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.


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